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Islamismus: Kampf unter Brüdern

Pierre Vogel gilt als Deutschlands bekanntester Salafistenprediger. Doch nun wird er selbst vom Islamischen Staat mit dem Tod bedroht - auch, weil er Anschläge auf Zivilisten ablehnt. Die Terrormiliz steht zunehmend auf verlorenem Posten.

Von Barbara Opitz

Pierre Vogel

Der salafistische Prediger Pierre Vogel 2014 auf einer Kundgebung mit rund 300 Anhängern in Hamburg (Archivbild): Für die Terrormiliz IS ist Vogel ein Abtrünniger.

Auf seinem "Eroberungsfeldzug der Herzen" nannte Pierre Vogel die Männer, die nach Syrien gehen, noch Freiheitskämpfer. Da stand er mit langem Bart und Gebetsmütze vor dem Bremer Hauptbahnhof, vor sich eine Menge junger Menschen. "So viele angebliche Terroristen heute hier", rief er. Der Islamische Staat hatte sein Kalifat da noch nicht gegründet, die Menge lachte. Das war vor zwei Jahren.

Vor zwei Wochen nun haben die "Freiheitskämpfer" dazu aufgerufen, ihn, Pierre Vogel, den wohl bekanntesten Prediger der deutschen fundamentalistischen Szene, zu ermorden. Begonnen hat es mit der neuen Ausgabe von "Dabiq", dem englischsprachigen Hochglanz-Werbemagazin des IS, im selben Heft wird auch den Brüsseler Attentätern gehuldigt. Unter dem Titel "Tötet die Imame des Unglaubens im Westen" ist auf Seite 16 ein Foto von Pierre Vogel zu sehen, zusammen mit dem kanadischen Prediger Bilal Philips. Darunter steht: "Abtrünnige".

"Ich bin der Überzeugung, dass Anschläge haram sind"

Zwei Tage später tauchte ein Video auf. Der Titel, diesmal auf Deutsch: "Die Wahrheit über Pierre Vogel". Auch darin rufen die IS-Anhänger auf, ihn zu töten, mit Bildern von Männern, denen die Köpfe abgeschnitten werden - und viel Blut. Vogel ist in einer Sequenz zu sehen, als er sagt: "Ich bin der Überzeugung, dass solche Anschläge haram sind", also Sünde. Im Hintergrund laufen Aufnahmen der Paris-Nacht, November 2015, flüchtende Menschen, Krankenwagen, darüber gelegt der Text: "Tötet die Ungläubigen, wo immer ihr sie auch findet!" Dann wieder Vogel vor der Kamera, ein Mitschnitt aus "Hart aber fair" von 2007. "Würden Sie jemanden anzeigen, wenn er etwas plant?", wird er gefragt. Vogel antwortet: "Der Prophet Mohammed sagt, du musst deinem Bruder helfen, wenn er im Recht ist und auch wenn er im Unrecht ist." Dann nämlich müsse man ihn abhalten, das Unrecht zu tun. Und ja, die Anzeige gehöre dazu.

In Windeseile verbreitet sich das Video. "Pierre Vogel, du bist ein dreckiger, fetter Murtadd (Abtrünniger), hart aber fair", postet einer, der in Syrien kämpft. Das Netz kocht. Die deutschen Brüder im Glauben streiten, die Extremen und die Gemäßigteren der Szene. Es geht darum, Beweise zu sammeln: Ist Vogel ein Abtrünniger, also schlimmer als ein Ungläubiger, und zum Abschuss freigegeben? Ihm wird nicht nur vorgeworfen, dass er Terroranschläge verurteilt hat. Vogel erlaube die Demokratie, heißt es etwa, ist also einer, der sich "Parlamentarier zu Herren genommen habe".

"Verrücktgewordene, die Unschuldige töten"

Der Fall sagt viel über die Verschiebungen in der deutschen Szene. Einige der Abus und Almanis sind erst kürzlich konvertiert. Vogel, den Anhänger Abu Hamza nennen, ist seit gut zehn Jahren so erfolgreich wie kein anderer, was die radikale "Da’wa" angeht, wie er die islamische Missionierung nennt. Bei einigen Jugendlichen hat er Kultstatus. Anderen ist er inzwischen zu weich.

"Sie wissen zu wenig über den Koran", sagt Vogel am Telefon, es sei töricht, einzelne Verse und Quellen aus dem Kontext zu reißen. "Das tun sie aber." Die Attentate von Paris und Brüssel nennt Vogel "Amokläufe", er spricht von "Verrücktgewordenen, die Unschuldige töten, Frauen und Kinder – darunter auch Muslime". Er gibt auch den deutschen Behörden die Schuld. Sie hätten sich auf die Falschen fokussiert. "Uns wurde verboten, in den Moscheen zu predigen. Wir erreichen sie nicht mehr." Gerade in den Städten, aus denen viele IS-Rekruten stammen, etwa Dinslaken und Solingen, habe er seit Jahren in keiner Moschee mehr auftreten können.

"Die Verzweiflung des IS ist groß" 

Nun meldete sich einer der Verfasser des "Dabiq"-Artikels auf Facebook zu Wort, schreibt auf Deutsch: "Alles, was der Staat praktiziert, vom Abschneiden der unzähligen Köpfe, über das Steinigen der Murteddin, ist uns durch die beiden Quellen des Islams legitimiert." Und direkt an Vogel gerichtet: "Möge Allah, der Erhabene, dir die Tauba (Reue) ermöglichen, bevor die Mujahideen dich in ihre Hände bekommen."

Vogel gibt sich gelassen. Klar, man müsse mit allem rechnen. Doch der Mordaufruf zeige, "die Verzweiflung des IS ist groß" , immer weniger Kämpfer ziehe es nach Syrien. "Sie bellen nur, wollen Aufmerksamkeit." Er bereitet einen neuen Vortrag vor, über eine Sekte, vor der schon der Prophet Mohammed gewarnt habe: "Zu ihren Kennzeichen gehört, dass sie hauptsächlich damit beschäftigt sind, Muslime zu Nichtmuslimen zu erklären und sie daraufhin bestialisch abzuschlachten."

Bekommt er Personenschutz? "Kein Kommentar." Nur so viel: "Meine vier Kinder leben mit mir im Haus", man könne also sicher sein, er sei "auf alles vorbereitet". Seit Jahren bekomme er Morddrohungen, von Neonazis oder PKK-Anhängern. "Neu ist", sagt er, "dass sie sich unter uns mischen. Man weiß nicht mehr genau, wer Freund ist - und wer Feind."