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Kriminologe zu Silvio S. "Es geht Tätern um Macht, Macht, Macht"

Symbolfoto: Eine Kinderpuppe an einem Straßenrand in Berlin
Laut Pfeiffer beginnt es bei den Tätern oft mit Tierquälerei - bis sie sich dann ein menschliches Opfer suchen.
© Daniel Bockwoldt/DPA
Wie kann ein Erwachsener sich so erbarmungslos an Kindern vergehen - und diese dann ermorden? Der Kriminologe Christian Pfeiffer über den Fall Silvio S., die Motive von Triebtätern und deren Leben im Gefängnis.

Herr Pfeiffer, die Morde, die Silvio S. zur Last gelegt werden, bewegen ganz Deutschland. Wie kann ein Mensch solche unvorstellbaren Grausamkeiten an kleinen Kindern begehen?

Was diese Taten so schwer begreiflich macht, ist die Verbindung von sexueller Triebabfuhr und Tötungsabsicht. Grundsätzlich sind zwei Täter-Typologien zu unterscheiden. Es gibt den Täter, der ausschließlich deshalb tötet, weil er die spätere Entdeckung einer sexuellen Straftat verhindern will. Das Kind wird also getötet, damit es später die Polizei nicht auf die Spur des Täters bringen kann. Und dann gibt es den Täter, der die eigentliche Befriedigung aus dem Akt des Tötens selbst zieht. Die Ohnmacht, die Panik und die Todesangst in den Augen des Opfers – all das wird von diesen Tätern als lustvoll erlebt. 

Zu welcher Tätergruppe zählen Sie Silvio S.?

Um das zu beurteilen, müsste ich mehr über den Täter wissen. Aber wenn es stimmt, dass man in seiner Wohnung einen Zettel fand, auf dem er notiert hatte: "Ein echtes Kind fesseln und knebeln", dann deutet das darauf hin, dass ihn vor allem die Vorstellung gereizt hat, Macht über einen anderen Menschen auszuüben. Die Verängstigung und das Ausgeliefert-Sein des Opfers zu erleben, das muss dann eine stark stimulierten Wirkung gehabt haben.

Wie kann es sein, dass jemand das als lustvoll erlebt?

Solche Täter sind sehr oft in der eigenen Kindheit schlimmen Erfahrungen von sadistischer Gewalt, von sexuellem Missbrauch, von demütigender Ohnmacht ausgesetzt gewesen. Ob das bei Silvio S. der Fall war, werden wir sehen. Aber daraus kann der Wunsch entstehen, nun selbst die totale Machtausübung über ein anderes Individuum zu erleben. Wenn eine befriedigende Sexualität nur noch in Verbindung mit dieser Machtausübung möglich ist, können wir sagen: In diesem Menschen tickt eine Zeitbombe.

Wie lange kann eine solche "Zeitbombe" ticken, bis es zur Explosion kommt?

Der niedersächsiche Kriminologe Christian Pfeiffer
Der niedersächsische Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer, SPD, war Landesjustizminister und Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen. Auf seinem Themengebiet ist er einer der führenden Experten Deutschlands und tritt häufig als Gast in Talkshows auf.
© Ole Spata/DPA

Das kann Jahre dauern. Fast immer machen diese Menschen eine lange Phase durch, in der sie zunächst nur ihren Zwangsphantasien nachhängen, das mögliche Geschehen sich also immer wieder vorstellen. Wenn diese Imagination zur Befriedung nicht mehr reicht, reift der Gedanke zu Tat. Oft ergreift große Ruhelosigkeit diese Menschen, sie fahren zum Beispiel mit dem Auto umher, eigentlich grund- und ziellos, in Wahrheit aber schon auf der Sucher nach dem ersten Opfer. Ein Zufallsmoment - der Blick aus dem Autofenster fällt auf ein unbeaufsichtigtes Kind - reicht dann schon als Impulsgeber, um die Tathandlung auszulösen.

Gibt es Warnsignale, an denen die Gefahr zu erkennen ist?

Äußerlich leben diese Leute in der Phantasierungs- und Tatvorbereitungsphase oft ein weitgehend unscheinbares Leben. Aber es gibt typische Warnsignale. Triebtäter fallen zum Beispiel oft dadurch auf, dass sie mit kleineren Quälereien und Missbrauchshandlungen anfangen, zum Beispiel mit dem Quälen von Tieren.

Warum Tierquälereien?

Es geht bei all diesen Delikten immer um Macht. Der Täter erregt sich daran, Macht über andere auszuüben. Das Ausgeliefert-Sein anderer Individuen interessiert ihn. Macht, Macht, Macht – darum kreist sein Denken und sein Handeln. Und die größte Macht, die man über jemand anderen haben kann, ist die über Leben und Tod.

Verspüren die Täter im Moment der Tat kein Mitleid mit dem Opfer?

Davor und danach vielleicht. Aber im Moment der Tat? Nein. Im Moment der Tat blocken die jedes Mitleid weg. Da dominiert nur die Gier nach Triebabfuhr.

Was viele im Mordprozess gegen Silvio S. verstört, ist das Schweigen des mutmaßlichen Täters. Er sitzt im Gerichtssaal, als habe er mit all dem nicht zu tun. Wie ein interessierter Beobachter. Ohne jede Empathie für die Mütter, die nur wenige Meter neben ihm vom letzten Tag im Leben ihrer Kinder berichten. 

Der Angeklagte ist in solchen Momenten ein eingemauerter Mann, der sich selber schützt. Die Taten sind von einer unaussprechlichen Grausamkeit. Der Täter selber kann das Unsagbare auch nicht sagen. Dazu müsste er sich öffnen. Aber der Prozess selber ist dafür ein schlechter Rahmen. Dafür sind die psychiatrischen Gutachter da.

Was ist deren Funktion?

Sie müssen es schaffen, den Täter zum Sprechen zu bringen. Das geht nur mit viel Erfahrung, Behutsamkeit und Empathie. Die leider verstorbene Gutachterin Elisabeth Müller-Luckmann war darin unerreicht. Eine Meisterin. Sie hat sehr viele Sexualstraftäter dazu gebracht, über sich und ihre Taten zu sprechen. Zum Beispiel den mehrfachen Kindermörder Jürgen Bartsch.

Mit Empathie für den Täter?

Ja, ohne wirkliches Interesse und Empathie für den Täter geht so etwas nicht. Wenn sie ihm mit Vorwurf und Hass begegnen, wird er in seinem Schweigepanzer bleiben. Sie müssen ihn als Menschen sehen, denn das ist er ja auch, trotz allem, was er getan hat. Er ist kein Tier, er ist ein Mensch. Er ist auch nicht böse auf die Welt gekommen. Er ist auch Opfer, Opfer seiner eigenen Obsessionen und Zwangsphantasien, oft auch Opfer seiner eigenen von Gewalt und Ausgeliefert-Sein geprägten Kindheit. Ich sage immer: Als Sexualmörder wird man nicht geboren. Zum Sexualmörder wird man gemacht. Damit will ich die juristische Schuld und das Verwerfliche der Tat nicht herunter reden.

Erleben die Täter den Moment der Festnahme durch die Polizei nur als Schock oder auch als Erleichterung – weil endlich alles vorbei ist? Das Verdecken von schwersten Straftaten, die Angst vor dem Gefasst-Werden, aber auch die Angst vor dem eigenen Trieb?

Bei manchen gibt e sicher auch Erleichterung, dass dieser entsetzliche Weg, auf dem sie sich befanden, nun vorbei ist. Aber: Im Gefängnis sind Sexualstraftäter, vor allem solche, die sich an kleinen Kindern vergangen haben, auf der untersten Stufe der Hierarchie. Die sind Fußabtreter für alle. Sollte Silvio S. verurteilt werden, so liegt die schlimmste Zeit seinen Lebens noch vor ihm.


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