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Schmähplastik an Kirchenfassade: Was tun mit der "Judensau"? Gericht verhandelt über antisemitisches Relikt

Eine antisemitische Schmähplastik an der Kirchenfassade in Wittenberg, genannt "Judensau", ist in der Stadt schon länger Streitthema. Nun beschäftigt sich ein Gericht mit dem Fall. 

Wittenberg - Prozess um sogenannte "Judensau"-Plastik

Sachsen-Anhalt, Wittenberg: Eine als "Judensau" bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur ist an der Außenwand der Stadtkirche Sankt Marien zu sehen

DPA

Wenn es nach Michael Düllmann geht, geht die aktuelle Diskussion nicht weit genug. Für ihn müsste die Streitfrage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte landen. "Es gibt an über 30 Kirchen in Europa, die meisten noch in Deutschland, solche antisemitischen Schmähskulpturen", sagt Düllmann dem MDR, "die wären dann alle von einem europäischen Urteil betroffen. Und müssten überall runter."

Unter anderem, und darum geht es aktuell in einem Zivilrechtsstreit vor dem Landgericht Dessau-Roßlau: die sogenannte "Judensau"-Plastik der Stadtkirche in Wittenberg. Düllmann will erreichen, dass die mittelalterliche Darstellung, hoch oben an der Kirchenfassade, entfernt wird. Zu sehen: Eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier, das im jüdischen Glauben als unrein gilt, unter den Schwanz und in den After. Für Kläger Düllmann, Mitglied einer jüdischen Gemeinde, ist die Darstellung vor allem eines: eine antisemitische Beleidigung. 

Wittenberg will an Schmähplastik festhalten

Daran besteht kein Zweifel. In diesem Geiste wurde die Schmähplastik um das Jahr 1300 von unbekannter Hand geschaffen. Die sogenannte "Judensau" war im Mittelalter weit verbreitet, auch am Kölner Dom prangt eine dieser Darstellungen. Das Motiv sollte Juden verhöhnen, beleidigen und unter anderem abschrecken, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen.

Doch die Stadtkirchengemeinde, gegen die Düllmann klagt, weist auch auf die Plastik als Mahnmal hin. 1988 wurde unterhalb der Skulptur eine Bodenplatte eingelassen, die sich mit der Plastik auseinandersetzt. "Geschichte soll nicht versteckt werden und Geschichtsvermittlung gelingt am eindrücklichsten am authentischen Ort", zitieren die "Dresdner Neueste Nachrichten" aus einer Stellungnahme der Gemeinde. Auch der Wittenberger Stadtrat habe sich für den Erhalt der Plastik ausgesprochen. Dieser werte die Bodenplatte ebenfalls als Mahnmal und habe 2017 angestoßen, daneben eine Stelle mit Erklärtexten aufzustellen, so die Zeitung.

Düllmann und sein Anwalt bleiben dabei: "Wir wollen, dass die Plastik von der Kirchenwand abgenommen und im Museum ordentlich aufbereitet wird", sagt Anwalt Hubertus Benecke den "Dresdner Neuesten Nachrichten". Mit Blick auf die Haltung der Gemeinde habe er das Gefühl, "da kommt irgendwie der Punkt nicht an."

Das Urteil soll am 24. Mai gesprochen werden, berichtet der MDR. Ob die Schmähplastik dann entfernt werde, sei allerdings fraglich: Die Kirche steht unter Denkmalschutz und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe in Wittenberg. 

Quellen: "Dresdner Neuste Nachrichten", MDR, Nachrichtenagentur DPA

fs