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Günstig gegen wertvoll: Schüler tauscht sich reich

Vom Luftballon zum Gebrauchtwagen - und zwar durch Tauschhandel. Wie das geht, zeigt ein ambitionierter Schüler mit seinem "Tauschwunder"-Projekt. Den Erlös will er der Jugendarbeit spenden.

Von Stefanie Schütten

Am Anfang stand ein Luftballon. Daraus soll einmal ein Kleinbus oder, besser noch, ein Haus werden. Irrwitz? Nein. Ein 18-jähriger Schüler aus Flensburg beweist, dass man es mit Tauschhandel weit bringen kann.

"Tauschwunder" heißt das Projekt, bei dem es darum geht, sich Stück für Stück immer wertvollere Gegenstände zu "ertauschen". Dahinter steckt Jakob Strehlow, Schüler der zwölften Klasse der Freien Waldorfschule Flensburg. Für ihren Realschulabschluss stellen die Schüler dort alle ihr eigenes Projekt auf die Beine. Die eine gestaltet "Land Art", also Kunst aus Naturprodukten, der nächste repariert einen Unfallwagen. Wieder ein anderer schreibt einen Roman – und Jakob tauscht.

"Das muss auch größer gehen"

Auf die Idee zu seinem "Tauschwunder" kam Jakob vor zwei Jahren, als er seinen Jugendgruppenleiterschein machte. "Damals mussten wir in der Schleswiger Innenstadt einen Aufkleber gegen einen möglichst hochwertigen Gegenstand tauschen. Nach zwei Stunden, in denen wir auch noch alle möglichen anderen Aufgaben erfüllen mussten, kam immerhin ein Pullover dabei heraus." Damals habe er sich gedacht: "Das muss doch auch größer gehen."

Gesagt, getan. Am 2. Januar 2012 legt er los: Auf seiner eigens für das Projekt kreierten Website bietet er einen Luftballon zum Tausch an. Innerhalb kürzester Zeit kann er ihn gegen ein Multifunktionswerkzeug tauschen, für das er wenig später die Videosoftware "Video Deluxe MX Plus" angeboten bekommt, mit der man Filme erstellen kann. "Diese hat einen Wert von 70 Euro! Geil!", kommentiert er auf seiner Seite.

Von der Pumpe zum Kombidämpfer

Aus der Software wird erst ein Fahrrad und dann eine Pumpe; die ersten Reporter werden auf ihn aufmerksam. Beim vierten Tausch ist bereits ein Kamerateam vor Ort. Für die Pumpe bietet Jakobs Vater, der einen Gasthof betreibt, seinem Sohn einen Kombidämpfer. "Damit kann man gleichzeitig einen Kuchen backen und die Weihnachtsgans braten", preist der 18-Jährige sein neustes Tauschobjekt auf seiner Website an. "Der Wert liegt bei 600 Euro."

Doch wofür brauchte Jakobs Vater die Pumpe? Wollte er seinem Sohn am Ende nur helfen? Auf seiner Website streitet Jakob das ab. Sein Vater habe die Pumpe "unbedingt" haben wollen, und zwar als Ersatzpumpe für das Ferienhaus der Strehlows in Schweden. "Da es dort im Winter immer sehr kalt ist, friert auch gerne mal die Pumpe ein." Doch dem Vater die Pumpe zu schenken, kam für den ambitionierten Schüler nicht in Frage. "Dann würde ich ja nicht weiterkommen", sagt er.

Ein Tonstudio von Rammstein

Dann folgt der wahrscheinlich ungewöhnlichste Tausch: Für den Kombidämpfer bekommt er von den Dresdner "Kochazubis", eine Initiative von Köchen in Ausbildung, ein voll funktionsfähiges Tonstudio. Und das Beste: Teile der Ausstattung standen früher in den Proberäumen der Rockband Rammstein. "Die Rammstein-Geräte gab's damals für 20 Euro bei Ebay", sagt Daniel Molitor von den Kochazubis. "Wir haben das Studio dann aber gründlich aufgerüstet." Eigentlich wollten die Azubis damit Kochvideos für Kinder aufnehmen, doch das Projekt war wegen des hohen Zeitaufwands nur von kurzer Dauer.

Der Tausch mit Jakob kam dem Kochlehrling Molitor gerade recht, denn inzwischen engagieren sich die Azubis an Schulen und Kindergärten. "Für unsere externen Kochstunden ist der transportable Kombidämpfer wie gemacht", sagt er. Auch Jakob ist mit dem Tausch zufrieden. Der Wert des Studios ließe sich schwer beziffern, sagen beide, zwischen 800 Euro und 2000 Euro.

Doch das Tonstudio lässt sich nicht so einfach tauschen, wie erhofft. Vier Monate muss Jakob auf ein angemessenes Angebot warten. Der 17 Jahre alten Ford Fiesta, den er schließlich annimmt, sei rein materiell wahrscheinlich weniger Wert als das Tonstudio, vermutet Jakob. "Aber es geht ja auch nicht nur um den Euro-Wert. Ich dachte mir, dass ich mit dem Auto weiterkommen würde, als mit dem Studio. Für ein Auto gibt es einfach mehr Interessenten."

Angebote müssen tauschbar sein

Den Gebrauchtwagen möchte er jetzt gerne gegen einen Neuwagen, am liebsten einen Kleinbus, tauschen. Aber auch andere Angebote zieht er in Betracht. Den lebendigen Rasse-Ochsen, den er kürzlich angeboten bekam, lehnte er allerdings dankend ab. Die Angebote müssten schon tauschbar bleiben. Seine aktuelle Idee: einer bekannten Band, im Tausch gegen den Fiesta ein Wohnzimmerkonzert abhandeln und das dann wieder tauschen. Er schreibt schon eifrig mögliche Kandidaten an.

Neue Tauschangebote seien jederzeit willkommen, sagt Jakob und rührt kräftig die Werbetrommel. "Beim nächsten Tausch werden Sat1 und RTL mit dabei sein. Für Firmen ist der Tausch also bessere - und billigere - Reklame als jeder Werbespot." Hinzu kommen die 8000 Facebook-Fans , die Jakobs Projekt inzwischen verfolgen.

Tauschen für den guten Zweck

Jakob erhofft sich, am Ende ein Haus ertauscht zu haben. Das würde er dann dem Jugendausschuss des STV Sörup spenden, der ehrenamtlich Aktionen für Kinder organisiert. Dort ist der Schüler seit Jahren aktiv. Aber auch wenn am Ende ein Boot oder etwas ganz anderes dabei herauskäme, wäre er zufrieden. Zur Not könne man das Objekt ja auch immer noch verkaufen. Gegen Geld tauschen sozusagen.

Seine Präsentation in der Schule ist für den 2. Februar geplant. Doch das bedeutet nicht automatisch auch das Ende des "Tauschwunders". Jakob will so lange weitermachen, bis am Ende etwas Nützliches für seinen Verein dabei herausspringt. "Ein Kleinbus zum Beispiel - den können wir dort wirklich gut gebrauchen."

Aber selbst ohne Kleinbus sei das Projekt bereits sehr erfolgreich gewesen, sagt er. "Ich habe eine Menge gelernt und bin vielen interessanten Leuten begegnet." Ein "Tauschwunder II" wird es trotzdem nicht geben. "Das Projekt soll einzigartig bleiben. Genau das gleiche noch mal zu machen, wäre außerdem viel zu langweilig."

Stefanie Schütten