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Hirschart: Mit Rentieren Schlitten fahren

Rentiere sind aus der Weihnachtszeit auch in Deutschland nicht mehr wegzudenken, entweder als Gartenschmuck oder auf Christbaumkugeln. Als Züchter hat Thomas Golz hingegen mit lebendigen Tieren zu tun. Hauptabnehmer sind Zoos und Tierparks, ein paar finden aber ein weniger schönes Ende.

Eisig ist es im brandenburgischen Kleptow, sichtbar strömt der Atem aus runden Rentiernasen, erste Schneeflocken schmelzen auf weißem und braunem Fell. Die Hirschart vom Polarkreis liebt die Kälte, und wenn Thomas Golz dann auch noch wattig-weiche "Rentierflechte" aus Schweden mitbringt, fühlen sich seine "Renies" auch in der Uckermark richtig heimisch. Golz ist einer der wenigen Züchter in Deutschland.

Rentiere als Zugpferde

Ein gutes Dutzend der Tundrenbewohner äst im reifgrauen Gras seines Geheges in Kleptow, einem 200-Seelen-Dorf bei Prenzlau. Der 41-Jährige lebt von einem ungebrochenen Trend: Für immer mehr Deutsche fährt der Weihnachtsmann einen Rentierschlitten.

Der Hof in Kleptow mutet an wie ein multikulturelles Wohnprojekt für Tiere. Mit strengem Blick wacht ein Steinadler über das 20-Hektar-Anwesen, ein grauer Papagei krächzt "Hallo", Falken blicken Besuchern aufmerksam hinterher, Fasane kratzen im Dreck. Mehr als 150 Hirsche und Rehe weiden in Sichtweite, Nandus aus Südamerika staksen im Matsch. Bekannt ist Golz jedoch für seine Rentiere.

Denn die einzige Hirschart, die Haustier wurde, erfreut sich wachsender Beliebtheit: als Zugtier für romantische Schlittenfahrten von Kitzbühel bis Grenoble. Neben Zoos und Tierparks sind vor allem die europäischen Wintersportregionen Abnehmer. "Renies sind relativ genügsam und ruhig", erklärt Golz. "Rot- und Damwild kriegen sie nicht zahm." Doch vier von zehn Rentieren ließen sich gut trainieren.

Coca-Cola hat mit dem Trend nichts zu tun

Leuchtende Rentiere in Vorgärten, Rodeo auf Weihnachtsmärkten, Rentiere auf Christbaumkugeln - dass der Tundrenbewohner auch für viele Deutsche beim Fest einfach dazu gehört, hat mehrere Gründe - die oft genannte Werbung von Coca-Cola zähle aber nicht dazu, ist Christel Köhle-Hezinger überzeugt. Die Professorin der Uni Jena erforscht weihnachtliches Brauchtum. "Die Werbeleute von Coca-Cola haben sich auf einen Schlitten gesetzt, der längst fuhr."

In England und den USA war "Rudolph, the red-nosed reindeer" jedem aus dem Kinderlied bekannt. Auch in deutschen Bilderbüchern tauchte das Ren vom Ende des 19. Jahrhunderts an auf. "Man verortete den Weihnachtsmann irgendwo hoch im Norden, am Nordpol, und dort gibt es nun mal keine Hirsche, sondern Rentiere", erklärt Köhle-Hezinger. Ein Stück "kulturelle Anpassung" an den angelsächsischen Raum spiele aber natürlich auch eine Rolle. Golz hat dieser Trend seinen Markt bereitet: Gemeinsam mit einem schwedischen Freund hat der kräftige Uckermärker vor zehn Jahren das Geschäft begonnen. Der Same hält bei Överkalix am Polarkreis 1500 Rentiere in einem Großgehege. Golz trainiert sie nach und nach in Brandenburg, und verkauft sie dann an Kunden in ganz Europa.

Golz verkauft rund 100 Tiere im Jahr

1000 Quadratmeter Wiese sollten diese dem Tier neben gutem Futter aber mindestens bieten können, meint Steffen Seckler, Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes in Bonn. Der Verband sehe die private Haltung hierzulande aber kritisch, denn die Tiere seien sehr empfindlich. "Rentiere haben in Deutschland eine hohe Sterblichkeit, besonders dann, wenn sie aus Skandinavien importiert werden."

Golz wählt deshalb seine Kunden genau aus. "Viele sagen: Ein Rentier ist etwas Feines, das stellen wir uns in den Garten. Die wollen Rudolph für die Kinder." An solche Leute verkaufe er nicht. Ab 700 Euro ist ein Kalb zu haben, trainierte Tiere beginnen bei 3000 Euro. "Rund 100 Tiere gehen im Jahr raus", berichtet Golz. 10 bis 15 werden geschlachtet und zu Wurst verarbeitet. Da bleibt wenig Zeit für Romantik: Nur ein einziges Tier auf der Kleptower Weide hat einen Namen. Das schneeweiße Ren hat Golz "Blackie" getauft, weil es ein schwarzes Ohr hat.

Von Burkhard Fraune, DPA / DPA