Interview "Auch der Autor von Peter Pan war offenbar pädophil"


Der Hamburger Sexualwissenschaftler Professor Wolfgang Berner über die Wurzeln und die Auswirkungen von Pädophilie

Professor Wolfgang Berner lehrt am Hamburger Universitätsklinikum

Wo liegen die Ursachen der Pädophilie?

Es kann Veranlagung sein. Häufig ist es aber eine Prägung in der Kindheit. Kinder müssen ihrem Geschlecht entsprechende Rollenmodelle vorgelebt bekommen, damit sie sich sexuell normal entwickeln. Wenn etwa die Identifikation mit dem Vater gestört oder die Mutter sehr dominant ist, kann das zu Fehlentwicklungen führen. Oft sind Pädophile selbst in der Kindheit missbraucht worden. Eine Gefährdung liegt aber auch in Berufen, in denen jemand sehr viel Kontakt mit Kindern hat.

Entwickelt ein erwachsener Mann pädophile Neigungen durch häufigen Umgang mit Kindern - oder wählt er deshalb den Beruf?

Eher das Zweite. Pädophile haben oft ein besonderes Einfühlungsvermögen für Kinder und ihre Fantasie, sie fühlen sich zu Kindern hingezogen. Lewis Carrol, der "Alice im Wunderland" schrieb, war wohl ein Pädophiler. Ebenso James M. Barrie, der Autor von "Peter Pan" - dem Jungen, der nie erwachsen wurde. Viele können platonisch damit umgehen: Sie fühlen sich sexuell angezogen, leben diese Neigung aber nicht aus. Doch es gibt auch welche, die sich nicht im Griff haben. Das sind die Täter, die ein Problem darstellen.

Sind sie therapierbar?

Sie können Kontrolle über den Affekt gewinnen, indem sie verstehen, woher er rührt und was er anrichtet.

Aber sie bleiben Getriebene?

Die Lebenssituation von chronischen Missbrauchstätern ist mit der von Trinkern vergleichbar. Obwohl sie wissen, dass sie anderen und sich selbst schaden, müssen sie es tun. Wenn man nicht den Anfängen wehrt, wird es immer schwieriger.

Was also tun mit den Tätern?

Für die meisten Verurteilten wäre eine Gruppentherapie angezeigt. Wenn ein Sexualstraftäter bereits verurteilt worden ist, dann behandelt man ihn heute in dafür vorgesehenen Spezialgefängnissen, also sozialtherapeutischen Anstalten. In Deutschland gibt es 1400 Plätze, ein Drittel davon etwa sind von Pädo-Sexuellen belegt. Nur ein Teil benötigt zusätzlich eine medikamentöse Therapie und manchmal auch Unterbringung in Forensischen Anstalten, aus denen eine Entlassung nur nach restriktiver Begutachtung möglich ist.

Kommen Pädophile von sich aus zur Therapie, oder schickt sie immer der Richter?

In den vergangenen Jahren kommen deutlich häufiger Männer mit pädo-sexuellen Problemen von sich aus zu uns. Die öffentliche Meinung über Missbrauch scheint die Motivation zu fördern, etwas zu tun. In der Gruppentherapie spüren die Betroffenen erstmals, dass ihr Verhalten nicht tolerierbar ist - und sie sich selbst belügen, wenn sie immer wieder behaupten: "Das Kind wollte das doch auch."

Weltweiter Spielplatz von Kinderschändern ist heute das Internet.

Ich halte das Internet für eine doppelte Gefahr. Erstens wissen die meisten Menschen noch nicht, dass man auch auf Bilder und Filme süchtig werden kann und dann eine immer größere und "schärfere" Dosis benötigt. Die Abhängigkeit von Bildern führt allerdings nur in Ausnahmefällen zur aktiven Pädo-Sexualität. Wir gehen davon aus, dass jeder vierte Mann durch Bildmaterial von Kindern stimulierbar ist. Das heißt aber nicht, dass es sich dabei um Pädophile handelt. Viel eher, dass Männer nicht sehr wählerisch, aber sehr neugierig sind.

Und die zweite Gefahr?

Das Netz bietet die Möglichkeit zu krimineller Kooperation. Das aggressive Marketing der Anbieter ist offensichtlich schwer zu unterbinden. Hier ist die moderne Kriminologie besonders gefordert.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker