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Hugh Jackman im Interview: "Ich bin Schauspieler, ich werde niemals erwachsen!"

In "Pan" spielt der einstige "Sexiest Man Alive" einen kahlrasierten Piraten mit Zahnprotese und Ziegenbart. Im stern-Interview verrät Hugh Jackman, was seine Frau dazu sagt - und was seine Kinder von dem Film halten.

Von Christine Kruttschnitt, Los Angeles

Hugh Jackman

Hugh Jackman bei der Weltpremiere von "Pan" in London

Mr. Jackman, auf den Filmplakaten zu "Pan" sind Sie kaum zu erkennen, obwohl Sie mit Ihrer Rolle als waschbärenbärtiger Actionheld Wolverine zum Wappentier der USA mutiert sind und dank der Rinder-Schmonzette "Australia" als Maskottchen Ihres Heimatlandes gelten. Werden Sie auf der Straße oft behelligt?
Ich lebe in New York, da erregen Schauspieler nicht weiter Aufsehen. Aber ich bin eben Australier, und wir sind eine ziemlich kleine Nation auf einem ziemlich großen Flecken Erde. Das schweißt irgendwie zusammen, und da gelten andere Gesetze. Als ich neulich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern im Central Park spazieren ging, kam uns eine Frau entgegen. Sie sieht uns, stutzt, bleibt stehen. "Hugh!", ruft sie. Ich lächle höflich, sie hat vielleicht "Les Misérables" gesehen, sowas kommt vor. Sie tritt auf mich zu, wirft sich an meine Brust und küsst mich geradewegs auf den Mund. Sie küsst mich! Vor meiner Frau und meinen Kindern! Ich schwöre, ich hatte sie noch nie in meinem Leben gesehen. Verzeihung, sage ich, kennen wir uns? Da knufft sie mich in die Seite und sagt: "Aber Hugh, ich bin's doch - Emma! Aus Australien!"

Darf ich dazu anmerken, dass meine Nachbarin ebenfalls aus Australien stammt und glaubt, Sie gut zu kennen. Sie sagt, Ihre Frau, die Schauspielerin Deborra-Lee Furness, war immer der größere Star von Ihnen beiden - in Australien.
Meine Frau ist viel cooler als ich, auf jedem Kontinent! Als ich sie kennenlernte, spielte sie die Hauptrolle in einer Fernsehserie. Sie war die Gefängnispsychologin, ich ein blöder Häftling. Das war meine allererste Rolle! Ich war vollkommen eingeschüchtert von Deborra, dem Star.

War sie so zickig?
Überhaupt nicht! Ich stand von der ersten Sekunde an auf sie, traute mich aber nicht, sie anzusprechen. Ich habe wochenlang kein Wort zu ihr gesagt. Sie sollte mich keinesfalls für einen liebesbedürftigen Welpen halten, der japsend an ihr hochspringt. Ich tat cool. Und eines Tages stellt sie sich vor mich hin und sagt: Hab ich Ihnen was getan? Sie gehen mir aus dem Weg. Ich stammelte: Weil ich verknallt bin in Sie! Darauf sie: Oh, gut, ich bin auch verknallt in Sie.

Mochte sie Ihr Käptn-Blackbeard-Outfit in "Pan"? Sie haben es selbst als eine kranke Mischung aus Marie Antoinette und Ludwig XIV. beschrieben. Vielleicht sollte man erwähnen, dass Sie in der Rolle außerdem kahlrasiert sind, kalkweiß geschminkt und eine fiese Zahnprothese tragen.
Vergessen Sie nicht den Ziegenbart, den habe ich mir eigens wachsen lassen. Deborra fand mich toll, ich muss sagen: geradezu sexy als Pirat. Ich sehe ihr normalerweise viel zu brav aus. Wie gesagt, wir haben uns bei Dreharbeiten zu einer Gefängnisserie kennengelernt. Ich habe die Gunst der Stunde damals genützt und ihr schnell einen Heiratsantrag gemacht, ehe mein Sträflings-Charme wieder verflogen war... Nächstes Jahr im April sind wir zwanzig Jahre verheiratet.


Glückwunsch. Und erstaunlich, denn Sie spielen selten Bösewichte.
Das hat ganz pragmatische Gründe. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie hart es die Guten im Film haben? Werden ständig verprügelt, jeder macht ihnen das Leben zur Hölle, während die Bösen meist ganz unbeschadet durch den Film segeln. Na gut, bis auf den Schluss vielleicht.

Stimmt, als Wolverine in den X-Men-Filmen kriegen Sie immer ganz schön aufs Dach. Am 12. Oktober werden Sie 47. Fühlen Sie sich zu alt für solche Auftritte?
Ich habe Wolverine zum ersten Mal gespielt, da war ich dreißig. Wenn 2017 der letzte Film mit mir in der Rolle rauskommt, gehe ich stramm auf die fünfzig zu. Ich finde, jetzt muss ein Jüngerer ran. (lacht) Oh Mann, hoffentlich tut mir das nicht eines Tages leid!

Sie haben einen 16-jährigen Sohn und eine elfjährige Tochter. Bedauern die Ihre Entscheidung, Wolverine an den Nagel zu hängen?
Sie werden lachen, von allen meinen Filmen mögen sie "Pan" am liebsten. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass sie soviel Spaß am Set hatten. Normalerweise sind sie supergelangweilt, wenn sie mich am Drehort besuchen: Sie müssen still rumsitzen, warten, und die Spezialeffekte werden sowieso erst später in den Film gebaut. Unser "Neverland" aber war ein Riesengelände, wie ein Abenteuerspielplatz, und sie durften, wie die Kids im Film auch, an Seilen durch die Luft fliegen.

Träumten Sie als Kind von Abenteuern in "Neverland"?
Nun, ich war ziemlich ängstlich. Ich fürchtete mich vor so vielen Dingen, vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein. An Abenteuer nicht zu denken. Wobei Australien so ziemlich der schlechteste Ort ist für Angsthasen: Dort springt jeder von Klippen ins Wasser oder turnt auf dem Dach von fahrenden Autos herum, und nicht nur im Busch lauern echt gefährliche Tiere.

Sie wuchsen mit Ihrem Vater und vier älteren Geschwistern auf.
Ja, ich war der Kleinste. Meine Eltern waren Ende der sechziger Jahre aus England nach Australien ausgewandert im Rahmen eines Besiedlungsprojekts, um die Einwohnerzahl in Australien erhöhen. Meine Mutter aber zog nach England zurück, da war ich acht. Diesen Verlust habe ich lange nicht verwunden. Ich fühlte mich so ohnmächtig, so hilflos. Wenn ich vor der Schule nach Hause kam, wartete ich vor der Tür, bis meine Geschwister eintrafen, weil ich mich nicht in das leere Haus traute. Und natürlich schlug dieser Schmerz irgendwann um.

Sie wurden ein zorniger Teenager?
Ja, mit zwölf, dreizehn war ich auf alles wütend, latent ständig aggressiv. Meine verletzten Gefühle, dazu die Hormone... Damals habe ich Rugby gespielt, ein rauer Sport, da konnte ich mich austoben. Um Dampf abzulassen, haben wir viel Blödsinn gemacht. Wir schlugen beispielsweise den Kopf  solange gegen die Metalltüren von unseren Sportschränken, bis da eine Delle war. Wer kann länger, wer ist verrückter? Als ich das erste Mal Wolverine spielte, kamen diese alten Zeiten wieder hoch, die Rage, die Raserei.

Wie gehen Sie heute mit Gefühlswallungen um?
Ich meditiere sehr viel. Jeden Morgen. Einmal am Tag muss ich meine Gedanken sammeln. Und auch mein Beruf hat etwas sehr Spirituelles. Vor allem, wenn ich auf der Bühne spiele, entsteht eine sehr intime Beziehung zwischen mir und dem Publikum, die mir ein Gefühl von Ruhe und Frieden vermittelt. Und ich empfinde Freude - nicht zu verwechseln mit "fun". Freude ist etwas Segensreiches.

Was hat Sie an Peter Pan interessiert?
Als ich in Levi Millers Alter war - das ist der Junge, der unseren Peter Pan spielt, ein Landsmann übrigens aus Brisbane -, dachte ich, wenn ich erst mal groß bin, habe ich alle Freiheiten der Welt und kann machen, was ich will! Aber wir alle wissen, was passiert, wenn man erwachsen wird: Ja, man erlangt Rechte und Freiheiten, aber man muss eben auch die Miete bezahlen und Verantwortung übernehmen und vergisst, was man sich als Kind alles vorgenommen hat. Man verliert die Zuversicht, verlernt das Staunen. Mir gefällt, dass unser Film aus der Perspektive eines Elfjährigen erzählt ist, bei dem dieser furiose Optimismus noch intakt ist. Die Botschaft lautet: Es würde uns allen besser gehen, wenn wir uns ein Stück unserer Kindheitshoffnungen zurückerobern.

In der Psychologie ist das "ewige Kind" eher ein Krankheitsbild. Leiden Sie am Peter-Pan-Syndrom, wollen Sie nicht erwachsen werden?
Machen Sie Witze? Ich bin Schauspieler, ich werde niemals erwachsen!