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Iraker in Berlin: Schlaflos und «sehr, sehr verzweifelt»

Seit der Krieg da ist, bleibt den Irakern in Berlin nichts anderes übrig, als mit ihren Verwandten in der Heimat zu telefonieren oder Nachrichten zu sehen. Gegen die Angst aber hilft das nicht viel.

Tarek Taha kann nicht schlafen, weil in seiner Heimat Krieg ist. Und so sieht der ältere Herr mit den grauen Haaren und dem karierten Jackett müde aus, seine blauen Augen aber funkeln. «Ich bin wütend», sagt der Iraker und holt tief Luft. «Die ganze Welt hat diesen Diktator unterstützt.» Nun ist der Krieg da, und die Bomben fallen. Den Irakern in Berlin bleibt nicht viel anderes übrig, als mit ihren Verwandten in der Heimat zu telefonieren oder Nachrichten zu sehen. Gegen die Sorgen und die Angst aber hilft das nicht viel.

Zuflucht im Kulturverein

Auch Ahmed Hassan ist am Freitagmorgen in den Kulturverein Al-Rafedain in Neukölln gekommen. In der Ecke im Gemeinschaftsraum läuft der Fernsehsender mit den roten Eilmeldungen. Hassan schaut durch seine Brille ins Leere und überlegt, bevor er Worte dafür gefunden hat, wie er sich an Tag Zwei des Krieges fühlt. Hass spürt er, auf Saddam, «der das Land so ruiniert hat», und «Unmut und Ablehnung» gegenüber US-Präsident George W. Bush. «Nein zum Krieg - Nein zum Diktator», steht dazu passend auf Zetteln an der Wand.

Solidarität tut gut

Am Abend war Ahmed Hassan einer von 70.000 Menschen, die zur großen Friedensdemonstration auf dem Alexanderplatz gegangen sind. Ihm tut es gut, die Solidarität zu spüren. Am Morgen war dann sein erster Gedanke, was wohl in den letzten Stunden passiert sein mag. Er macht sich - wie viele - Sorgen um seine Verwandten. Am Telefon könnte aber jemand mithören, das wissen die Iraker in Deutschland. «Man erzählt nicht viel», sagt Hassan.

Gegen den Krieg, gegen Saddam

«Grausam» findet der 68-Jährige diesen dritten Krieg, der seine Heimat in einem Vierteljahrhundert heimsucht. Auch wenn er - wie wohl die Mehrheit seiner 2.800 Landsleute in der Stadt - gegen Saddam ist, will er nicht, dass die Amerikaner und Briten eingreifen. «Er ist nicht der erste und letzte Diktator», meint Hassan. Fast ein bisschen stolz wirkt er, wenn er über die Deutschen und ihren Anti-Kriegskurs spricht. «Sie haben es gut verstanden, die Erfahrungen der Geschichte zu verinnerlichen und entsprechend zu handeln.»

Krieg ist keine Routine geworden

Tarek Taha und Ahmed Hassan sind froh, dass der Kulturverein gerade jetzt ein wichtiger Treffpunkt von Irakern geworden ist. Auch mit Journalisten sprechen sie gern; das Telefon klingelt ständig. Im Nebenzimmer gibt Susan Ahmed, eine Mitarbeiterin des Vereins, geduldig Interviews. Zur Routine ist das Reden über den Krieg aber noch lange nicht geworden. «Ich bin sehr, sehr verzweifelt», sagt sie. Am Morgen hat sie mit ihrem Bruder in Bagdad telefoniert, das scheint sie ein bisschen beruhigt zu haben.

Wenig Hoffnung auf bessere Zeiten

Wer aus dem Irak kommt, gilt in diesen Tagen schnell als Stimme seines Landes. Das behagt nicht allen - auch nicht der in London lebenden Exil-Irakerin Jananne Al-Ani, die derzeit zur Ausstellung «DisORIENTation» in Berlin ist. Junge Künstler aus Nahost zeigen im Haus der Kulturen der Welt mit Installationen, Video- und Fotoarbeiten einen Orient jenseits von Folklore und Klischees. Al-Ani sieht es mit gemischten Gefühlen, wenn ihre Werke jetzt noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Der Krieg? «Die Situation ist extrem deprimierend», sagt sie. Und: «Dies ist der Anfang einer noch schlimmeren Zeit für das irakische Volk.»

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