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Familienvater und Bondage-Mörder Die zwei Leben des Graham Dwyer


Tagsüber war Graham Dwyer fürsorglicher Familienvater, erfolgreicher Architekt. Nachts traf er sich mit Frauen zu Sadomaso-Sex. Nun steht er im Verdacht, seine jahrelange "Sklavin" ermordet zu haben.
Von Katharina Gipp

Graham Dwyer ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist als Architekt erfolgreich. Mit seiner Familie lebt er in einem Vorort von Dublin, wäscht am Wochenende seinen Porsche in der Auffahrt und fährt gerne in den Camping-Urlaub. Der 42-Jährige hat ein freundliches, geradezu liebes Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben.

Das idyllische Familienleben nimmt ein abruptes Ende, als Dwyer im Oktober 2013 wegen Mordverdachts festgenommen wird. Er soll die 36-jährige Kinderpflegerin Elaine O'Hara umgebracht haben, berichtet "The Irish Times". 37 Verhandlungstage vor Gericht mit 194 Zeugenaussagen und 320 Beweisstücken bringen grausige Details ans Licht.

Tagsüber Vorzeigevater, treibt sich Dwyer nachts in einschlägigen Sado-Maso-Fetisch-Foren im Internet herum, schwelgt in Fantasien, Frauen beim Sex mit dem Messer zu stechen – oder sogar zu erstechen. Eine Internetbekanntschaft namens Darci Day berichtet, dass er ihr von seinen mörderischen Träumen berichtet habe. Ermittler finden eine Textdatei auf dem Computer des Beschuldigten mit dem Titel "Killing Darci", in dem ein Vergewaltigungs- sowie ein Mordvorhaben geschildert werden.

Nachrichten an den "Sir" und "Master"

Dwyer und O'Hara sollen sich im Jahr 2007 kennengelernt haben. Ein Freund der Toten sagte aus, sie habe damals von einem Mann gesprochen, der sie gerne mit dem Messer sticht. Die Staatsanwaltschaft zitiert wiederholt aus dem sehr umfangreichen Handy-Nachrichtenverlauf zwischen O'Hara und einem Mann, den sie mit "Sir" oder "Master" anspricht, hinter dem die Ermittler Dwyer vermuten. Demnach habe Dwyer geschrieben: "Mein Verlangen danach, zu vergewaltigen, abzustechen und zu töten ist riesig. Du musst mir helfen, das Bedürfnis zu kontrollieren oder zu befriedigen." O'Hara habe nur geantwortet: "Kontrollieren, Sir. Nicht befriedigen." Auch die übrigen Nachrichten drehen sich vor allem um Gewalt- und Mordfantasien.

Später wurden die Wünsche des "Sirs" drängender. Er bittet O'Hara, ihm ein Opfer zu suchen, das er umbringen kann. O'Hara bekräftigt ihn zunächst in diesem Vorhaben: "Gute Idee." Später richten sich die Mordfantasien dann wieder gegen die Frau selbst. "Ich biete dir freundlicherweise an, dich in deinem Apartment umzubringen, damit du gefunden und ordentlich beerdigt werden kannst." O'Hara wehrt diesen Vorschlag ab. Sie wolle nicht sterben. Sie sei doch viel zu jung.

Ehefrau scheint nichts geahnt zu haben

Als Beweismaterial dienen auch Videos, die auf dem Computer des Opfers sichergestellt werden konnten. Sie zeigen die nackte, gefesselte und geknebelte O'Hara und einen Mann, der während des sexuellen Akts auf O'Haras Brüste und Unterleib einsticht. Einen Mann, der große Ähnlichkeit mit dem Beschuldigten hat. Trotz des Mundknebels seien Schmerzensschreie zu hören gewesen.

Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "kranken" Kontrolle, die der 42-Jährige über die schwer depressive O’Hara gehabt habe, berichtet die irische "Independent". Er habe sie gezwungen, ihn mit "Sir" anzusprechen, kritisierte sie für ihr Gewicht und ihre Zähne. Sie sollte sich das Wort "Slave" (Sklave) im Intimbereich tätowieren lassen.

Graham Dwyer scheint sich auch mit anderen Frauen getroffen zu haben. Die Ermittler führen Beweismaterial in Form von Videos und mehreren tausend Textnachrichten an. Doch nur mit Elaine O'Hara habe er eine dauerhafte Beziehung geführt.

Dwyers Ehefrau Gemma hat offenbar von dem zweiten Leben ihres Mannes nichts gewusst. Auch sie wird in den Zeugenstand gerufen. Sie berichtet über das glückliche Leben, das sie mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern geführt hat. Im Gerichtssaal vermeidet sie jeglichen Blickkontakt mit ihm.

Dwyer plädiert auf nicht schuldig

Dass die Spur schließlich zu Dwyer geführt habe, sei laut Ermittlern eine Folge glücklicher Zufälle gewesen. Als die Leiche mehr als ein Jahr nach dem Verschwinden von O’Hara gefunden wurde, war sie bereits vollständig skelettiert, sodass über die Todesursache nur spekuliert werden konnte. Nach und nach seien in der Nähe des Fundorts der Leiche Beweisstücke wie etwa der Spaten der Familie Dwyer gefunden worden sowie ein Sack voller Messer, Masken und Sexspielzeuge. Außerdem konnten Handy-Funkverbindungen von O'Hara und Dwyer nachgewiesen werden, die sich oftmals verdächtig überschnitten.

Trotz des belastenden Beweismaterials plädiert Graham Dwyer auf nicht schuldig. Er bestreitet, die Tat begangen zu haben. O'Hara habe sich ja auch noch mit anderen Männern getroffen. Zu deren Identität könne er aber keine Angaben machen. Seine sexuellen Vorlieben und Gewaltfantasien kommentierte er bloß mit: "Ich kann es nicht erklären, es ist krank."

Die Verhandlungen werden am kommenden Mittwoch fortgesetzt. Der Richter empfiehlt den Geschworenen, sich einige Tage Pause von dem Fall zu gönnen. Denn er habe das Gefühl, dass noch nicht alles ans Licht gekommen sei. Selbst nach 37 Tagen der Beweisaufnahme und 194 Zeugen.


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