Jahresrückblick 2007 Die Abzocke der Energieriesen


Die Preise für Strom und Gas sind gerade in diesem Jahr in ungeahnte Höhen geschossen. Politiker aber scheuen den offenen Konflikt mit den Energiekonzernen, obwohl diese ständig neue Rekordgewinne einfahren. Den Verbrauchern bleibt dabei nur eine Chance: wechseln - aber zum richtigen Anbieter.
Von Elke Schulze

Der Winter steht vor der Tür. Wer es wohlig warm haben will, muss heizen. Das wird wieder teurer. Gerade verschicken die Energiekonzerne ihre Briefe mit den neuesten Preiserhöhungen für Strom und Gas. Grund genug, dass nicht nur den von Wärme und Licht abhängigen Verbrauchern der Kragen platzt: Der hessische Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) fordert die Enteignung des Kraftwerkparks, der den Großkonzernen zu 80 Prozent gehört. Das Bundeskartellamt vermutet Preisabsprachen. Nicht zum ersten Mal. "Ja", möchte man rufen, "tut endlich etwas". Es liegt doch auf der Hand, dass die Konzerne sich die Taschen füllen. Die jüngsten Quartalszahlen der Stromriesen sprechen genau diese Sprache: Der Konzernüberschuss bei Eon stieg um 22 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro. Beim Wettbewerber RWE lief es ähnlich blendend: Auch hier erreichte der Gewinn ein Plus von über 20 Prozent auf 5,8 Milliarden Euro. Trotzdem sollen zum Januar 2008 Strom und Gas um bis zu zehn Prozent teurer werden.

Die Politiker sprechen inzwischen offen von Abzocke. Der Verband der Energieabnehmer sieht die Verbraucher als Opfer der unermesslich gierigen Monopolisten. Und wo anders als in einem Monopol könnte jemand wie der Eon-Chef Bernotat in dicken Schlagzeilen verkünden, dass der Strom immer noch nicht teuer genug sei?

Preisdiskussion ein Scheingefecht

Problem: Es gibt faktisch keinen Wettbewerb. Die Großkonzerne haben es sich fein eingerichtet in ihrem Monopol. Ob das Bundeskartellamt Preisabsprachen wird beweisen können oder nicht. Seit sechs Jahren steigen die Energiepreise mit schöner Regelmäßigkeit. Dabei geht es gar nicht um die Frage, ob höhere Preise für Strom und Gas gerechtfertigt sind. Vielmehr muss man prüfen, weshalb sich diese ewigen Preiserhöhungen durchsetzen lassen? Denn in einem funktionierenden Wettbewerb könnten die großen Energieversorger niemals Preise erhöhen, indem sie höhere Kosten geltend machen. In Deutschland ist es aber so, dass die großen Energiekonzerne sehr viel eigenes Kapital besitzen, das sie gewinnbringend investieren. Während die Rendite auf das Eigenkapital im Durchschnitt aller Branchen bei etwa 12 bis 14 Prozent liegt, ist sie bei den großen Versorgern mehr als doppelt so groß. Tatsächlich wies RWE im vergangenen Jahr eine Eigenkapitalrendite von 31 Prozent auf. In einem funktionierenden Wettbewerb würde nun jedes Unternehmen die hohen Gewinne dazu verwenden, die Preise zu senken. Der Grund liegt auf der Hand: Die Kunden würden sonst sofort zum Konkurrenten abwandern.

Nicht so auf dem deutschen Energiemarkt. Absprachen sowie jegliche Preistreiberei weisen die beiden wichtigsten deutschen Energiekonzerne trotzdem entrüstet von sich. Eon und RWE machen gestiegene Beschaffungskosten und gestiegene Kosten für regenerative Energien für die hohen Preise verantwortlich. Und Eon-Chef Wulf Bernotat nennt einen weiteren Schuldigen: den steuergierigen Staat. Der Preisanstieg für Haushaltskosten gehe voll auf seine Kosten, behauptet Bernotat. Gestiegene Beschaffungskosten, teuerer Umweltschutz, hohe Steuern, die böse Börse - das sind alles nur Halbwahrheiten, wenn man einmal genauer hinschaut.

Steuern nicht gestiegen

Stichwort Steuern: Richtig ist, dass die Last durch Steuern und Abgaben mit etwa 40 Prozent hoch ist. Doch während der Staat vom Stromverbraucher im Jahr 2006 etwa 6,5 Euro monatlich mehr einstrich als noch im Jahr 2000, erhöhten die Stromversorger ihren Anteil in derselben Zeit wesentlich drastischer - um 9,6 Euro. Steuererhöhungen, die einen erneuten Preisaufschlag nötig machen könnten, gab es in den vergangenen Monaten keine.

Stichwort Umweltschutz: Zwar müssen die Energieversorger in den vergangenen Jahren immer mehr "grünen" Strom einspeisen und vergüten, doch Experten bezweifeln, dass dies die Preise tatsächlich nach oben treibt, zumal die Vergütungssätze immer weiter sinken.

Künsliche Verknappung des Angebots

Stichwort Beschaffungskosten: Es trifft zu, dass die Weltmarktpreise für Kohle, Öl und Gas anziehen. Doch eine Preiserhöhung in diesem Umfang rechtfertigen die Rohstoffpreise nicht. Zumal ein großer Teil des deutschen Stroms aus bereits abgeschriebenen Kernkraftwerken gewonnen wird. Ein weiterer Anteil unserer Energie stammt aus Braunkohle - die auf dem Weltmarkt aber so gut wie gar nicht gehandelt wird und daher auch kaum Preisschwankungen unterliegt.

Stichwort Börse: Was der Strom an der Börse kostet und was der Verbraucher letztendlich zahlen muss, sind zwei Paar Schuhe. Gerade mal 15 Prozent des Stroms werden an der Leipziger Strombörse gekauft - der Rest wird diskret zwischen Anbieter und Nachfrager ausgehandelt. Trotzdem wird der Börsenpreis zugrunde gelegt. Und dass der Strompreis an der Börse immer weiter steige, hat laut Studien eine ganz andere Ursache: Stromproduzenten verknappen das Angebot künstlich und treiben dadurch den Preis künstlich nach oben..

Wechseln, aber richtig

Ob die Politiker die Monopolisten künftig stärker entmachtet, ist ungewiss. Was bleibt dem frustrierten Verbraucher übrig? Ja, er kann wechseln. Das spart in manchen Fällen sicher ein paar Hundert Euro im Jahr. Aber meistens kommt der Kunde auch damit nicht am Angebot der feist grinsenden Bernotats und Co. vorbei. Warum? Auch wenn viele den Stromanbieter wechseln, tut den großen Versorgern das nicht weh. Die Leute wechseln zwar mehr, gehen aber häufig zu den etwas günstigeren, aber eigenen Tochtergesellschaften. Die bekanntesten: Yello - gehört zum Konzern EnBW. Billiganbieter Eprimo ist eine Tochter von RWE, und wer sich von E wie einfach beliefern lässt, hängt wieder am Tropf von Großanbieter Eon. Die Großen machen immer Kasse: Bei jeder transportierten Kilowattstunde halten sie die Hand auf, denn ihnen gehören die Stromnetze und die meisten Kraftwerke.

Wechseln ist trotzdem die einzige Altervative. Aber bitte etwas genauer gucken, wer der neue Stromlieferant sein soll. Wieso nicht auf Ökostrom umsteigen? Einige unabhängige Anbieter gibt es am Markt. Die sind in den seltensten Fällen viel teurer als die Eons und RWEs. Und - man hat mit einem schlichten Vertragswechsel viel für die Umwelt getan.


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