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Kambodscha und Thailand: Schweigen in Bangkok - Wer profitiert vom Grenzkonflikt?

Wie kann der Grenzkonflikt um eine abgelegene Region in Südostasien die Nachbarn Thailand und Kambodscha in kriegerische Auseinandersetzungen verwickeln? Die Gerüchteküche brodelt, und Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur.

Auslöser der neuen Grenzgefechte zwischen Thailand und Kambodscha könnten gelangweilte Grenztruppen gewesen sein, die sich unachtsam zu weit auf umstrittenes Gelände wagten. Die Gründe für die neuen Kämpfe, die vergangenen Freitag aus heiterem Himmel ausbrachen, sind bis heute undurchsichtig. Geschossen wird an einer Tempelanlage, die bislang praktisch keine Rolle spielte. Haben Strippenzieher mit Blick auf innenpolitische Befindlichkeiten die Lunte gelegt? Plausible Erklärungen sind bislang Mangelware.

Eine Ausnahme ist Chhaya Hang, Direktor des regierungsunabhängigen Khmer-Instituts für Demokratie in Phnom Penh. In Kambodscha unterstellt man dem Nachbarn innenpolitische Motive. "Thailand hält bald Wahlen ab und die Regierung will das Grenzproblem vorher lösen, um bessere Siegeschancen zu haben" sagt Chhaya Hang.

Der thailändische Abgeordnete Kraisak Chohoven vermutet andere Motive als die Wahlen in Thailand hinter dem neuen Konflikt. Welche? Da schweigt er lieber. Im oft undurchsichtigen Polit-Geschäft um Macht und Einfluss will sich in Thailand niemand aus dem Fenster lehnen. Zudem gibt es strenge Gesetze gegen Majestätsbeleidigung, die viele Zukunftsdiskussionen im Keim ersticken.

In Bangkoks politischen Salons wird über die Rolle des Militärs spekuliert. Will es vor den Wahlen noch mal zeigen, wer die Hosen an hat? Erst vor einer Woche machten neue Putschgerüchte die Runde - nichts seltenes in einem Land, in dem das Militär in den vergangenen 80 Jahren schon 18 mal die Regierung stürzte, zuletzt vor knapp fünf Jahren. Der Militärchef hat klar gemacht, dass er die Oppositionsbewegung der Rothemden ablehnt und deren favorisierte Partei nicht im Amt sehen will. Doch hilft er der amtierenden Regierung durch einen frischen Grenzkonflikt?

Dann ist da der frühere Regierungschef Thaksin Shinawatra, die Leitfigur der Rothemden, vom Militär 2006 gestürzt. Er feuert die Rothemden bei Protesten gegen die Regierung aus dem Exil an und macht aus seinen Rückkehrambitionen kein Hehl. Noch hindert ihn eine Verurteilung zu zwei Jahren Haft wegen Amtsmissbrauchs daran. Eine Rothemden-freundliche Regierung könnte das aufheben.

Pikantes Detail dabei: Der in Thailand in Ungnade gefallene Thaksin ließ sich demonstrativ von Kambodscha als Wirtschaftsberater anheuern. Das ist der thailändischen Regierung von Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva bis heute ein Dorn im Auge. Soll ein militärischer Sieg gegen Kambodscha den Thaksin-Anhängern zeigen, dass ihr Idol auf der Verliererseite steht?

Auch die Gelbhemden, die Abhisit mit ihren Protesten gegen eine Thaksin-freundliche Vorgängerregierung ins Amt verhalfen, haben Karten im Spiel. Ein nationalistischer Flügel hat sich von Abhisit abgekehrt, angeblich, weil jener 2008 nicht vehement genug gegen die Listung des Preah Vihear-Tempels an der Grenze als kambodschanisches Weltkulturerbe der UNESCO protestierte. Auch Thailand erhebt Anspruch auf die Anlage. Viele Gelbhemden finden zudem, dass Thailand zur Demokratie noch unreif ist und mit ernannten Abgeordneten besser fahre. Spielt ihnen ein eskalierender Grenzkonflikt in die Hände?

Die Regierung in Bangkok weist solche Spekulationen weit von sich. Niemand in Thailand könne von einem Grenzkonflikt profitieren. Das zeige im Umkehrschluss, dass Kambodscha Aggressor war. Doch Kambodscha wählt erst 2013, Regierungschef Hun Sen sitzt seit Jahren fest im Sattel. Sein Amtskollege Abhisit will dagegen nächste Woche das Parlament auflösen, Wahlen sind spätestens Anfang Juli geplant.

Mick Elmore/Robert Carmichael, DPA / DPA