Kannibalismus-Prozess Erschreckende Perversion


In Gefrierbeuteln hatte Armin Meiwes das Menschenfleisch in seiner Tiefkühltruhe konserviert. Jetzt muss sich der Kannibale von Rotenburg, der die Tat vollständig auf Video gefilmt hatte, wegen seiner beispiellosen Bluttat vor Gericht verantworten.

In Gefrierbeuteln hatte Armin Meiwes das Menschenfleisch in seiner Tiefkühltruhe konserviert. Am 3. Dezember muss sich jetzt der ehemalige Zeitsoldat vor dem Landgericht Kassel wegen einer in der Justizgeschichte beispiellosen Bluttat verantworten. Der 42-Jährige hat gestanden, am 10. März 2001 den 43-jährigen Berliner Bernd-Jürgen B. auf dessen Wunsch getötet, zerstückelt und anschließend einige Körperteile seines Opfers gegessen zu haben. Die Tat hatte der "Kannibale von Rotenburg" vollständig auf Video gefilmt.

Aufgedeckt wurde das Verbrechen durch den Hinweis eines Studenten im österreichischen Innsbruck. Der hatte im Internet eine Kontaktanzeige von Meiwes gefunden, worin der einen jungen Mann "zum Töten und Schlachten" gesucht hatte.

Schockierender Fund

Die Durchsuchung von Meiwes’ Gutshof in dem zu Rotenburg gehörenden Flecken Wüstefeld hatte die Polizisten geschockt. Bei der mehr als eine Woche dauernden Spurensicherung wurden nicht nur das tiefgekühlte Menschenfleisch und Blutspuren entdeckt. Auch 12.000 E-Mails, 1.616 Bilddateien, 221 Computerfestplatten und zahlreiche CD-ROMs und Disketten wurden direkt mit dem Tod des als vermisst gemeldeten Bernd-Jürgen B. in Verbindung gebracht. Meiwes stand zudem mit 430 Menschen in E-Mail-Kontakt, die am Thema Kannibalismus interessiert waren.

Außer dem Opfer Bernd-Jürgen B. haben aber auch andere Menschen den "Schlachtraum" in dem Fachwerkhaus in der nordhessischen Provinz betreten. Meiwes’ Anwalt Harald Ermel bestätigte jüngst in einem Zeitungsinterview, dass noch andere bei seinem Mandanten lebendig "am Haken gehangen" haben. Ein Lehrer, ein Koch, ein Rentner sowie ein Hotelmitarbeiter wollten laut Ermel ihre perversen Fantasien bei dem 42-Jährigen ausleben. Der Lehrer habe sogar in einem Käfig gesessen und gefüttert werden wollen.

Doch zum Schlachten habe sich zunächst keiner gefunden. Einer sei zu unsympathisch und ein weiterer zu dick gewesen. Ein dritter habe sich nicht freiwillig schlachten lassen wollen. Erst Bernd-Jürgen B. wurde als geeignet angesehen. Ermel sieht in Armin Meiwes aber kein Monster. Er sei zwar "irgendwo abartig", so der Rechtsanwalt, sonst aber "höflich, umgänglich und hilfsbereit".

Harte Nuss für Juristen

Für Juristen könnte sich der Fall als harte Nuss erweisen. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Meiwes sich mit der Schlachtung und Verspeisung eines Menschen sexuell stimulieren wollte. "Es steht fest, dass die Tat mit Einverständnis des Opfers geschehen war", sagt Oberstaatsanwalt Manfred Jung. Die Anklage geht von "Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebes" aus. Damit droht dem Angeklagten lebenslange Freiheitsstrafe. Eine Einweisung in die Psychiatrie scheint bislang nicht in Frage zu kommen, da Meiwes in einem Gutachten volle Schuldfähigkeit bescheinigt wurde.

Verteidiger Ermel hält den Mordvorwurf dagegen für nicht haltbar und geht von "Tötung auf Verlangen" aus. Paragraf 216 des Strafgesetzbuches legt hierfür fest, dass das Opfer den eigenen Tod "ausdrücklich und ernstlich" verlangt haben muss. Diesen Wunsch habe der Berliner mehrfach ausgedrückt. Ohne Einverständnis hätte Meiwes den Mann nie getötet, betont der Jurist. Wird der Ex-Soldat wegen "Tötung auf Verlangen" verurteilt, drohen ihm höchsten fünf Jahre Gefängnis.

Im Zweifel für den Angeklagten

Eine ähnliche Einschätzung vertritt auch der Rechtsexperte Reinhard Merkel. "Das Verlangen des Opfers nach einer Tötung muss ursächlich gewesen sein", sagt der Professor vom Institut für Kriminalwissenschaft an der Universität Hamburg. Dabei sei es jedoch gleichgültig, ob die Initiative vom Opfer ausgegangen ist oder nicht. Vielmehr müsse das Opfer freiwillig und bis zum Ende der Tat die Kontrolle über die Tötung gehabt haben. Im Zweifel müsse auch zu Gunsten des Angeklagten entschieden werden. Schließt sich die 6. Große Strafkammer dieser Einschätzung an, könnte Armin Meiwes mit einer vergleichsweise milden Strafe von einigen Jahren Haft davonkommen.

Frank Leth DPA

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