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Townships bei Kapstadt Im Tweed-Anzug gegen die Gangs – die erstaunlichen Methoden des Brotherhood Social Clubs

­Mitglieder des Brotherhood ­Social Clubs vor den Wellblech­hütten
Schiebermütze auf dem Kopf, Pfeife in der Hand: So posieren ­Mitglieder des Brotherhood ­Social Clubs vor den Wellblech­hütten eines Townships bei Kapstadt
© Isabel Corthier
Die Mitglieder des Brotherhood Social Clubs versuchen, Jugendliche in den Townships von Kapstadt vor einer Gang-Karriere zu ­bewahren. Ihr erstaunliches Gegengift: Tweed und Tanz.
Marc Goergen

Manchmal sind es nur wenige Kilometer, die den Traum vom Albtraum trennen – so wie in Kapstadt. Hier die Strände, die Restaurants, die Parks, der Glamour einer der schönsten Städte Afrikas. Dort, gleich hinter dem Tafelberg, die andere Welt: ein schier endloses Meer aus kleinen Häusern und Wellblechhütten, durchzogen von einem Spinnennetz aus Wegen. Die Cape Flats sind ein eigenes Universum, durchsetzt mit Drogen, Morden, Vergewaltigungen. Mncedisi Sogwangqa nennt sie sein Zuhause.

"Gewalt ist hier der Alltag, den ­Jugendlichen fehlt total die Perspektive", sagt Sogwangqa, 49, den alle nur Izzy nennen. Es beginne mit einem Diebstahl, dann ein Überfall, irgendwann sei es nur noch ein kleiner Schritt, bis sie in einer Gang endeten. "Das wollten wir nicht länger akzeptieren."

Wir – das ist Izzys Verein, der Brotherhood Social Club. Und sein überraschendes Gegengift zu Gewalt und Gangs: Designerklamotten und Tanz.

Stepptanz mit ­afrikanischem Einfluss
Stepptanz mit ­afrikanischem Einfluss: Pantsula heißt der Tanz, mit dem der ­Verein auf sich aufmerksam macht
© Isabel Corthier

Es ist ein erstaunlicher Anblick, den Izzy und seine Freunde bieten, wenn sie durch die Straßen ziehen. Feine Lederschuhe und Hüte, Tweedjacketts zu Karohemden, dann wieder kombinieren sie Sneaker-Klassiker wie die "All Stars" mit Fliege und weißem Hemd.

Wie ein fremder Farbtupfer

Sie fallen auf – und genau das wollen sie. Leute bleiben stehen, manche lachen, andere klatschen. Und immer wieder kommen auch Jungs auf sie zu, die ein Selfie wollen, man kommt ins Reden, Dis­kutieren, es ist so etwas wie der Erstkontakt.

Anzüge und Tanz beeindrucken auch viele Jugendliche: So kommt die Brotherhood mit ihnen ins ­Gespräch
Anzüge und Tanz beeindrucken auch viele Jugendliche: So kommt die Brotherhood mit ihnen ins ­Gespräch
© Isabel Corthier

Die Angel ist ausgeworfen, jetzt kommt der zweite Köder. Einige aus der Brotherhood beginnen zu tanzen, schnell und rhythmisch, es erinnert an eine Art Stepptanz, in den sich afrikanische Elemente mischen. Die Füße trommeln in schnellem Rhythmus auf den Boden, die Körper drehen und verwinden sich, die Performance wirkt im tristen Alltag der Cape Flats wie ein fremder Farbtupfer – und hat doch Tradition in den Townships Südafrikas. "Mir hat das alles mein Vater beigebracht", sagt Izzy.

Die Performance hat ihren Ursprung in Sophiatown, einem Armenviertel von Johannesburg. In den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts war Sophiatown einer der kulturellen Hotspots für das schwarze Südafrika. Es waren die ersten Jahre der Apartheid nach der Machtübernahme der "Nasionale Party". Einige Männer aus dem Township begannen, der Armut und der zunehmenden Entrechtung Designeranzüge entgegenzuhalten, die sie sich mühsam zusammengespart hatten.

Anmut gegen Armut – auf dieses Prinzip setzen auch Menschen in anderen Ländern Afrikas. Die so­genannten Sapeurs etwa tragen ihre oft schrillen Anzüge mit stolzer Geste durch die Slums von Brazzaville in der Republik Kongo genauso wie im benachbarten Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo.

Beim Schuhkauf suchen die Männer nach kleinen ­Fehlern, um die Paare so günstiger zu bekommen
Beim Schuhkauf suchen die Männer nach kleinen ­Fehlern, um die Paare so günstiger zu bekommen
© Isabel Corthier

In Südafrika kommt der Tanz hinzu: der Pantsula. Inspiriert von amerikanischem Jazz entwickelte sich in Sophiatown dessen spezielle Choreografie. Die Ähnlichkeit mit dem Stepptanz hat ihren Hintergrund auch in der Armut. Das Tappen auf dem Boden sollte die teuren Schuhe weniger beanspruchen. Ressourcenschonung ist ein Prinzip, das bis heute gilt: Izzy und seine Freunde kleben dicke Gummisohlen unter ihre Schuhe, damit die länger halten.

 

Sophiatown wurde ein Opfer der Apartheidpolitik und brutal geräumt, doch Pantsula überdauerte. Die immer rigorosere Trennung von Schwarz und Weiß ließ ab den 70er Jahren die Townships stark anwachsen, Gangs begannen, um Macht und Territorium zu konkurrieren. Parallel dazu entwickelte sich ein härterer, schnellerer Pantsula. In den 80er Jahren mischten sich Einflüsse von Hip-Hop hinein. ­Heute haben Firmen wie die Jeansmarke Diesel die schnellen Moves als Imagevehikel erkannt, drehen Youtube-Spots mit den Tänzern.

Eine Gesellschaft der Ungleichheit

Von dieser Trendhaftigkeit ist bei Izzy und seinen Freunden des Bro­therhood Social Clubs noch wenig angekommen. Für sie sind Anzüge und Tanz kein Werbemittel, sondern eines, um gefährdete Jugendliche zu gewinnen. Sind die erst mal von der schrägen Truppe fasziniert, ver­suchen Izzy und seine Kumpel, die Jungs in Gesprächen für sich zu gewinnen. Sie helfen bei der Jobsuche, unterstützen besonders arme Familien auch schon mal direkt mit Geld.

Auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach Ende der Apartheid ist Südafrika eines der ungleichsten Länder der Welt, und nirgendwo treffen Reich und Arm so hart aufeinander wie in und um Kapstadt. Drogen sind in den Townships allgegenwärtig, besonders Tik, wie die lokale Crystal-Meth-Variante hier genannt wird. Der Verschnitt, in dem manchmal auch Batteriesäure oder Rattengift zu finden ist, ist ­sexuell dermaßen stimulierend, dass schon 16-Jährige ihre Mütter mit heruntergelassenen Hosen zum Sex aufgefordert haben.

Izzy ist in dieser Welt eine Mischung aus Jobberater, Bewährungshelfer und Seelsorger. Ein schriller Anzugträger zwischen Wellblechhütten – und eine Autoritätsperson für die Jugendlichen; viele nennen ihn Tata, Vater, die traditionelle und respektvolle Anrede in seinem Volk der Xhosa für ältere Männer.

Izzy im Gespräch mit einem ehemaligen Gangmitglied
Mncedisi ­Sogwangqa, ­genannt Izzy, im Gespräch mit einem ehemaligen Gangmitglied. Izzy genießt ­Respekt, die ­Jungen nennen ihn Tata – Vater auf Xhosa
© Isabel Corthier

Wie so viele in den Cape Flats ist er nicht hier geboren. Izzys Heimat ist das Eastern Cape, jene von Hunderten Hügeln durchzogene Landschaft im Südosten Südafrikas, aus der auch Nelson Mandela stammt. Izzys Dorf liegt nur wenige Kilometer von den grünen Tälern entfernt, in denen der kleine Nelson einst als Kind die Ziegen hütete.

Nach Kapstadt kam er 1994, es waren die brutalen Umbruchjahre am Ende der Apartheid. Er fand einen Job als Lagerarbeiter in einer Transportfirma. Noch heute arbeitet er dort – ein Privileg in Zeiten der Pandemie. "Viele von uns haben ihren Job verloren", erzählt er.

Die Pandemie trifft sie schwer

Im vergangenen Jahr verordnete die südafrikanische Regierung ihren Bürgern einen der härtesten Lockdowns weltweit, selbst der Verkauf von Alkohol und Zigaretten wurde untersagt. Familien aus den wohl­habenderen Vierteln von Kapstadt wollten aus Angst vor Covid-19 nun keine Putzfrau mehr im Haus haben, auch der Gärtner schien unnötig, ­große Firmen entließen reihenweise Arbeiter.

Im Moment haben zwar Läden und Restaurants wieder geöffnet, doch Herbst und Winter auf der Südhalbkugel stehen vor der Tür samt einem erwarteten Wiederanstieg der Infektionszahlen. Und weil die reichen Länder sich den größten Teil der Impfstoffe gesichert haben, sind Vakzine für die meisten nicht in Sicht.

Frauen sind noch die Aus­nahme im Brotherhood Social Club
Frauen sind noch die Aus­nahme im Brotherhood Social Club. Die dabei sind, legen genauso Wert auf ­Aus­sehen und ­Design
© Isabel Corthier

Auch der Club musste seine Aktivitäten zurückfahren. Vor sieben Jahren von Izzy und vier Freunden ins Leben gerufen, war die "Brotherhood" eigentlich auf Expansionskurs. Neben Kapstadt fanden sich in sechs weiteren Städten Männer – und einige Frauen – zu Gruppen zusammen; mehr als 100 Mitstreiter zählt der Club insgesamt. Normalerweise treffen sich alle einmal im Jahr, doch das Treffen im vergan­genen Jahr fiel der Pandemie zum Opfer. In Port Elizabeth starb ein Vereinsmitglied sogar an Covid.

In diesen Monaten ziehen die Männer nur selten als Gruppe durch die Cape Flats, Whatsapp hat viel vom persönlichen Kontakt ersetzt, doch die Idee, Jugendliche nicht in die Gangs abrutschen zu lassen, sie für Stil, Kleidung, Tanz zu begeistern, ist in den Tagen der Pandemie relevanter als je zuvor.

Oder wie es Izzy formuliert: "Egal, ob Covid oder nicht: Wer sich wie ein Gentleman anzieht, der benimmt sich auch wie einer."

Erschienen in stern 17/2021

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