Kriegsangst "Was ist eigentlich Krieg?"


Auch Kinder können in diesen Tagen leicht Angst vor dem Krieg bekommen. Wenn vom Kinderkanal auf Sondersendungen aus dem Irak umgeschaltet wird, ist die Begleitung der Eltern gefragt.

Auch Kinder können in diesen Tagen leicht Angst vor dem Krieg bekommen. Wenn vom Kinderkanal auf Sondersendungen aus dem Irak umgeschaltet und beim Abendessen über den Krieg geredet wird, machen Kinder große, fragende Augen. Entwicklungspsychologen raten Eltern dazu, offen über den Irakkrieg zu reden. «Die Bilder können Kinder bis in den Schlaf verfolgen», sagt Rainer Silbereisen, Psychologieprofessor aus Jena. Schließlich ist das dramatische Kriegsgeschehen überall Thema - ob in der Schule, auf der Straße oder im Freundeskreis. Rund im die Uhr zeigt das Fernsehen Luftangriffe, Militärjets mit tödlicher Fracht, Soldaten, Demonstrationen, sorgenvolle Experten, Menschen in Angst und dann erwartungsgemäß auch Opfer. In dieser Situation komme es auf die Eltern an.

Eltern auf die Probe gestellt

«Emotional bewegende Dinge, von denen die Kinder auch in der Schule hören, stellen die Qualifikation der Eltern auf die Probe», sagt Silbereisen. Sie sollten es einerseits nicht zulassen, dass etwas, was «nicht zur unmittelbaren Lebenswelt der Kinder gehört, zu tief geht». Die Eltern sollten dem Krieg am Golf, der sie vielleicht auch selbst verstört, im Gespräch aber auch nicht aus dem Weg gehen.

Frage des Alters

«Wenn ein Kind jetzt fragt: Was ist Krieg?», sagt Silbereisen, kann man beispielsweise antworten: «Krieg entsteht, wenn Menschen nicht mehr miteinander reden wollen, wenn sie böse werden, aufeinander einschlagen, und wenn beide Seiten denken, sie haben Recht.» Bei kleinen Kindern sei es richtig, so weit zu antworten, wie die Kinder selbst fragen - und die Kriegsnachrichten im Fernsehen nicht völlig, aber immer wieder rechtzeitig abzuschalten. «Bei Jugendlichen ab 12, 13 dagegen ist der Krieg eine Gelegenheit, in der Familie über Politik zu sprechen, über die Ursachen, die Manipulationen der Kriegsführenden und das Leid der Opfer.»

«Wichtig ist», sagt der Bremer Psychologe Klaus Boehnke, dass Eltern das gemeinsam mit den Kindern anschauen. Grausame Kriegsbilder gehörten natürlich nicht ins Kinder- oder Jugendzimmer. Ihre eigenen Gefühle, ihre Betroffenheit sollten Eltern aber durchaus zeigen. Gerade etwas ältere Kinder sind nach Ansicht des Professors in stärkerem Maß fähig, die Informationen und Bilder zu verarbeiten, als ihnen das von Erwachsenen gerne unterstellt wird - und sie picken sich aus der überbordenden Berichterstattung vielfach sogar eher als Erwachsene das heraus, was für sie zental von Bedeutung ist. «Junge Menschen sehen sich das an, was sie für ihre eigene Entwicklung gebrauchen können», sagt Boehnke. Die Eltern müssten sich jedoch darum bemühen, dass die Kinder die Hintergründe verstehen.

Positive Langzeitwirkung

Wird über Krieg, Konflikte und Politik im Elternhaus häufig und sachlich gesprochen, sind sogar positive Langzeitfolgen zu erwarten. 1984, zur Zeit der Nachrüstungsdebatte, begann Boehnke mit Fragebögen einige Hundert Kinder und Jugendliche nach Ängsten und politischen Haltungen zu fragen. Rund 200 der mittlerweile erwachsenen Befragten nehmen noch immer an dem Forschungsprojekt teil, und der Professor stellt fest: «Kinder, die damals eine Chance hatten, mit ihren Eltern intensiv über die Gefahren eines Atomkriegs und der Nachrüstung zu sprechen, sind heute politisch aktiver und interessierter.»

Der Schule kommt in der Verarbeitung des Irakkriegs nach Meinung der Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Rosemarie Mielke dabei eher eine flankierende Rolle zu. «Das ist ein solch massives, existenziell bedrohliches Thema, dass die Eltern damit umgehen müssen», sagt die Professorin. Lehrer - ohnehin immer mehr in vielfache Erziehungsrollen gedrängt - könnten Hintergründe des Kriegs vor allem sachlich mitaufklären - etwa im Politik- oder Geographieunterricht.

Basil Wegener


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