Kulturgeschichte
Ostsee-Wale bewegten schon vor Jahrhunderten die Menschen

Nicht nur heute, sondern schon vor Jahrhunderten bewegte das Auftauchen von Walen an der Ostseeküste die Menschen stark. Der Bli
Nicht nur heute, sondern schon vor Jahrhunderten bewegte das Auftauchen von Walen an der Ostseeküste die Menschen stark. Der Blick hat sich aber gewandelt. (Archivbild) Foto
© Philip Dulian/dpa
Von Heils- bis Unheilszeichen - Wale hatten in früheren Jahrhunderten nach Aussage eines Kirchenhistorikers eine starke Symbolwirkung. Davon zeugen auch Darstellungen in Greifswalder Kirchen.

Derzeit treibt ein vor Wismar gestrandeter Buckelwal viele Menschen um. Dass derartige Ereignisse schon vor Jahrhunderten die Menschen an der Ostseeküste stark bewegt haben, davon zeugen etwa Wal-Darstellungen in Greifswalder Kirchen. "Das ist auch in alter Zeit so gewesen, dass das sozusagen als Faszinosum und als Wunder dann gesehen wurde", sagt der Kirchenhistoriker Irmfried Garbe der Deutschen Presse-Agentur. Das Auftauchen solcher Tiere an unserer Küste sei früher teils als unheilvolles Vorzeichen gewertet worden. 

Am 30. März 1545 war in Greifswald-Wieck ein Schwertwal angespült worden. Eine Wandmalerei in der Greifswalder Marienkirche belegt, welchen Eindruck dieses riesige Geschöpf auf die damaligen Zeitgenossen machte. 2009 entdeckten Restauratoren auch im Greifswalder Dom St. Nikolai Spuren einer über sieben Meter langen Wal-Darstellung. Nach Aussage Garbes sagen historische Quellen aus, dass nach dem Fund des Meeresriesen alle drei Greifswalder Kirchen Wal-Darstellungen erhielten. In der dritten Kirche, der Kirche St. Jacobi, sei aber bislang nichts dergleichen aufgetaucht. 

Der Greifswalder Wal-Fund sei in die Zeit der Reformation gefallen und im Nachhinein mit Blick auf das schwierige Jahr 1546 gedeutet worden, unter anderem dem Todesjahr Martin Luthers. Garbe berichtet auch von einer in Stettin gehaltenen "Walfischpredigt" aus dem 17. Jahrhundert, die sich um den Wal als "schreckliches Vorzeichen" gedreht habe.

Wal auch als Zeichen der Rettung

Der Wal sei aber nicht nur negativ gewertet worden. Garbe verweist auf die biblische Jona-Geschichte, in der der Protagonist von einem Wal gerettet worden sei. "Also der Wal hat nicht nur ein negatives Vorzeichen, sondern er ist auch ein Heilszeichen."

Wale hätten lange Zeit eine große symbolische Bedeutung gehabt. Deshalb seien ihre Knochen laut Überlieferungen in Kirchen ausgestellt worden. Heutzutage sei der Blick natürlich ein anderer. "Man sieht gar nicht mehr symbolische Ebenen, sondern man sieht nur noch naturwissenschaftliche Ebenen und springt sozusagen in emotionale Ebenen", sagt Garbe. "Aber natürlich ist es spannend, wenn ein Tier der biblischen Überlieferung uns immer noch bewegt, und das tut es."

14 Meter langer Buckelwal-Abguss in Greifswalder Kirche 

An die Geschichte des Greifswalder Wals erinnerte 2021 auch eine Kunstaktion im Dom St. Nikolai. Damals wurde in der Kirche eine 14 Meter lange Wal-Skulptur aufgebaut. Dabei handelte es sich um den Abguss eines in Südafrika angeschwemmten Buckelwals des israelischen Künstlers Gil Shachar. An dem Abguss waren etwa Bissspuren von Haien oder auch Schnittwunden von Schiffsschrauben zu erkennen.

Der Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Burkard Baschek, hatte vergangene Woche gesagt, dass schon vor Jahrhunderten Großwale in der Ostsee strandeten. Davon zeuge etwa das Skelett eines Finnwals, der vor mehr als 200 Jahren vor Rügen strandete. Das Skelett hängt im Meeresmuseum in Stralsund, im Chor der Katharinenhalle des dortigen ehemaligen Klosters.

dpa

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