Loki Schmidt Rauchzeichen zum 90. Geburtstag


Sie ist eine fabelhafte, oft ausgezeichnete Botanikerin und seit Menschengedenken mit Altkanzler Helmut Schmidt verheiratet: Hannelore "Loki" Schmidt. Nun feiert sie ihren 90. Geburtstag - was staunenswert ist. Denn Loki raucht seit 80 Jahren.
Von Mascha Kuchejda und Lutz Kinkel

Die Frau ist ein Phänomen: rüstig, fröhlich und bestimmt, auch im hohen Alter. Kanzlergattin ist sie, Botanikerin, mittlerweile auch Schriftstellerin - ihre Biographie "Erzähl doch mal von früher" steht in den Bestsellerlisten. Und auch wenn sie wegen eines Grippevirus das Fest zu ihrem 90. Geburtstag absagen musste: Sie wird zumindest ein bisschen feiern. Mit Ehemann Helmut, 90, und Tochter Susanne, 61.

Drei Menschen, drei Raucher. Loki Schmidt raucht, wie sie selbst berichtet, seit nunmehr 80 Jahren. Derzeit "Auslese Deluxe", 0,1 Nikotin, 1 mg Kondensat, eine nicht sonderlich populäre Marke aus dem Hause British American Tobacco. Ihr Mann steht auf "Reyno Menthol", auch nicht eben Massenware. Wie viele Zigaretten Loki pro Tag raucht, weiß keiner so genau. Ihre Sekretärin sagt zu stern.de, das schwanke, mal seien es mehr, mal weniger. Menschen, die sie live erlebt haben, schwören, sie rauche Kette. Und wenn sie nicht gerade selbst raucht, raucht ja ihr Mann.

Zigaretten als Belohnung

Wie hat das alles angefangen? In ihrem Buch schreibt Loki Schmidt, sie habe mit 10 Jahren das erste Mal geraucht - das war 1929. Später, im Teenager-Alter, musste sie sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern, weil ihre Mutter Vollzeit arbeitete. Weil Loki das so klaglos tat und erst spätabends dazu kam, ihre Schularbeiten zu erledigen, bedankte sich ihr Vater auf seine Weise: "Dann kochte mir mein lieber Vater eine Tasse Kaffee, legte auf die Untertasse eine Zigarette und schob mir das leise hin", erzählte Loki Schmidt der "Bild". Diese Art der Belohnung hat sich offenbar tief in Lokis Gedächtnis eingebrannt - sie habe später jedenfalls nie an Zigaretten oder Kaffee gespart, sagt sie.

Könnten sie und ihr Mann Helmut überhaupt noch mit dem Rauchen aufhören? "Sogar die Ärzte raten uns davon ab", sagte Loki Schmidt der "Hamburger Morgenpost". Die Umstellung würde den Körper zu stark stressen, sei also schädlicher als das Weiterpaffen. Doch dieses Argument ist nach Ansicht des Lungenarztes Peter Drings von der Deutschen Krebsgesellschaft nur vorgeschoben. "Es ist nie zu spät aufzuhören", sagt Drings zu stern.de. "Würden die Eheleute Schmidt aufhören zu rauchen, würden sie sich zweifelsohne besser fühlen" - zumindest langfristig. "Es kann sein, dass die beiden bestimmte Entzugssymptome stärker als andere spüren würden", räumt Drings ein. "Aber es ist eine veraltete Meinung, dass der Entzug dem Körper zu viel Stress bereiten würde. Es kann einem Raucher nur besser gehen, wenn er aufhört."

Das Papierschiffchen

Das sehen Loki und Helmut Schmidt bekanntlich ganz anders. Sie rauchen, wo immer sie gerade sind, ob im Theater, auf Parteitagen oder im TV-Studio, und die Öffentlichkeit nimmt es gelassen zur Kenntnis. Geradezu amüsant war die Szene auf dem Hamburger Parteitag der SPD 2007. In der riesigen Messehalle stiegen in der ersten Reihe, direkt vor der Bühne, Rauchzeichen auf, natürlich über dem Platz von Helmut Schmidt. Da er keinen Aschenbecher hatte - in der Halle herrschte striktes Rauchverbot - faltete er ein Papier zu einem Schiffchen und aschte dort hinein. stern.de nahm das Schiffchen später an sich und bewahrt es seitdem in der hauseigenen Devotionalien-Sammlung. Wer kann schon von sich behaupten, er besäße die Asche von Helmut Schmidt? Oder gar von Loki?

Die grundlegende Frage ist jedoch nicht, ob das Ehepaar Schmidt in diesem Leben noch einmal aufhört zu rauchen. Die Frage ist viel eher, wie es ihnen - trotz der Sucht - gelang, so alt zu werden. Wer über Jahrzehnte hinweg raucht, riskiert eine chronische Bronchitis, so wie sie zum Beispiel die jüngst verstorbene Hamburger Prostituierte Domenica hatte. Außerdem explodiert die Gefahr, Krebs und Gefäßerkrankungen zu erleiden: Helmut Schmidt hat seit Beginn der 80er Jahre einen Herzschrittmacher. Gleichwohl sind Loki und Helmut, allen Statistiken zur Lebenserwartung und den durchs Rauchen "verlorenen" Jahren zum Trotz, immer noch munter. Für Mediziner ist das zumindest erstaunlich. "Die meisten anderen Menschen hätten nach 80 Jahren Kettenrauchen eine funktionsunfähige Lunge oder zumindest ein Lungenemphysem", sagt der Kardiologe und Nikotinsuchtforscher Helmut Gohlke zu stern.de.

Gnädiges Schicksal

Loki und Helmut Schmidt gehören offenbar zu jener winzigen Gruppe von Menschen, denen ein gnädiges Schicksal genau jene Genkombination geschenkt hat, die es ihnen ermöglicht, das eigene Laster dauerhaft zu überleben. Der Heidelberger Lungenarzt Drings sagt, der Körper könne sich zwar nie an die Schadstoffe von Zigaretten gewöhnen, aber manche Menschen würden das Rauchen einfach besser vertragen als andere. Dass dies sowohl auf Loki als auch auf Helmut Schmidt zutrifft, hält Drings für ein kleines Wunder der Statistik. Der Arzt: "Da haben sich zwei gefunden."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker