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Lukratives Geschäft Ausreden- und Alibi-Agenturen für Seitensprünge sind in Corona-Zeiten gefragt

Alibi-Agenturen in Corona-Zeiten
Das Geschäft der Alibi-Agenturen scheint auch in Corona-Zeiten sehr lukrativ zu sein (Symbolbild)
© Christin Klose / Picture Alliance
In der Coronakrise sind sogenannte Alibi-Agenturen gefragt, denn die klassischen Ausreden ziehen oft nicht mehr. Ein Anbieter aus Bremen verkauft Ideen – und hat ziemlich skurrile Anfragen.

Dieser Beitrag erschien zuerst an dieser Stelle auf RTL.de 

Der Corona-Lockdown macht vieles schwierig – auch Seitensprünge. Geschlossene Hotels, Kontaktsperren, wie soll man da noch richtig fremdgehen? Davon abgesehen, dass man es sowieso lieber sein lässt, schränkt die Corona-Pandemie die Zahl der guten Ausreden stark ein. Die Poker-Runde mit den Freunden oder das Meeting im Büro: in Corona-Zeiten ziemlich unglaubwürdig, würde das eine doch gar nicht und das andere eigentlich nur online stattfinden können. Eine Alibi-Agentur aus Bremen hat aber auch während der Pandemie genügend Ideen – und ziemlich skurrile Lügen-Anfragen.

Die Affäre im Büro, uneheliche Kinder, eine vorgetäuschte Krankheit oder der Job-Verlust und keiner darf es wissen: Gründe für Ausreden und Lügen gibt es viele und genau daraus macht die Bremer Alibi-Agentur von Stefan Eiben seit über zwei Jahrzehnten ihr Geschäft: Sie erschafft professionelle Alibis. Und das für Kunden aus aller Welt.

Corona-Regeln erschweren die Arbeit

Dieser Service ist auch in Corona-Zeiten gefragt. Aber es kommen weniger Anfragen rein als sonst. "Der harte Lockdown macht uns schon zu schaffen. Es gibt schon Anfragen, aber die können wir nicht immer bedienen", so Eiben. Denn gegen die Corona-Regeln können er und sein Team natürlich nicht verstoßen. Wer also zum Beispiel zu seiner Affäre ins Ausland reisen möchte – dem oder derjenigen kann Stefan Eibens Team gerade nicht helfen. "Da sind uns aktuell manchmal die Hände gebunden." Genauso wenig einem verzweifelten Kunden, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. "Er brauchte aber für eine Reise unbedingt einen negativen Nachweis."

Frau wollte positiven Coronatest

Einen gefälschten negativen Test stellt Eibens Agentur nicht aus. Andersrum: Kein Problem!

Eine Frau wollte Zeit mit ihrem Geliebten verbringen. Gerne mehrere Wochen. Die Legende für ihren Ehemann: Sie habe einen beruflichen Termin, auch viele KollegInnen aus dem Ausland seien dabei. Risikoreich aktuell zu Coronazeiten, ja, aber der Termin sei sehr wichtig für ihre Karriere. Die TeilnehmerInnen würden sich verpflichten, vor Ort einen Coronatest zu machen. Sollte jemand positiv sein, würde das zehn Tage Quarantäne im Hotel bedeuten. So verkaufte sie es ihrem Mann, alles von Eibens Agentur haarklein geplant. "Dann wollte sie ein positives Coronatestergebnis haben. Das ist für unsere Grafik einfach zu machen," erzählt Eiben. Und hat der Kundin zehn Tage Zeit mit dem Geliebten geschenkt.

Ein positiver Coronatest? Das wünschen sich wohl die Wenigsten. "Bei solchen Anfragen müssen die Kunden selbst schon manchmal lachen", schmunzelt Eiben.

Die meisten Leute wollen einfach Stress vermeiden

Die allermeisten Anfragen zielen auf eins ab: Streit vermeiden. Wie ein Mann, der auf den Hund seiner Ex-Freundin aufpassen möchte – ohne dass seine neue Freundin Wind davon bekommt. Oder ein anderer Mann, der Zeit mit seinem unehelichen Kind verbringen möchte. Ohne seine Ehe zu zerstören, weil die Frau etwas dagegen hat.

Dann gibt es noch diejenigen, erzählt Gründer Eiben, deren Beweggründe genauso banal wie verständlich sind. "Viele Leute möchten einfach mal für einen Abend raus, was anderes machen. Und möchten sich dafür nicht rechtfertigen müssen."

Ein Chirurg, zum Beispiel, der nach der Arbeit mit seinen Kumpels zocken möchte. Einfach um den Kopf freizubekommen. Und ohne schlechtes Gewissen, weil er eh schon so wenig Zeit für die Familie hat. "Dem schicken wir dann eine Alibi-Nachricht, dass er im Krankenhaus einspringen muss."

Viele Leute fühlen sich gerade eingesperrt

Ausbrechen aus dem Alltag: Gerade dieser Wunsch wird während des Lockdown sehr häufig an Eibens Agentur gerichtet. "Familien hocken plötzlich 24 Stunden aufeinander. Da melden sich Kunden und sagen: 'Mir geht es hier so auf den Keks, ich bin zuhause eingesperrt.' Das sind Paare einfach nicht gewohnt," erzählt Eiben. Bei den Geschichten müssen die Alibi-Profis gerade natürlich kreativer werden: Ein Kneipenabend oder Restaurantbesuch ist gerade eher unglaubwürdig. Dann wird es manchmal eben der Umzug des Freundes.

Stefan Eiben ist sich sicher, nach dem harten Lockdown wird sein Alibi-Geschäft wieder so richtig boomen. So war es auch nach dem ersten Lockdown 2020. Er und seine Mitarbeitenden bekommen gerade viele Mails, in denen Leute schon ankündigen, dass sie ihre Dienste bald in Anspruch nehmen möchten. Wenn es wieder geht. "Viele Leute fühlen sich gerade eingesperrt, können sich nicht so frei bewegen, wie sie gerne würden", sagt Eiben. "Der Drang nach Freiheit ist groß. Sobald es wieder geht, werden sie viele Sachen nachholen wollen." Und dafür dann das ein oder andere Alibi brauchen.

Lügen und Betrügen als lukratives Geschäft

Für ein perfektes Alibi betreibt die Bremer Agentur einen hohen Aufwand. Dazu gehören ein Postkartenservice, gefälschte Fotos, Doktortitel, externe Briefkästen und fingierte Freundinnen. Zum Unternehmen gehört auch ein Netzwerk aus 3.000 Freiberuflern und Schauspielern. Die spielen dann etwa die falsche Freundin auf Familienfeiern und Hochzeiten.

Mitarbeiter bauen ständig passgenaue Internetseiten, um Kunden zu decken. Dabei lügt die Alibi-Agentur wie gedruckt, erschafft Seminareinladungen oder Firmenevents, um dem Kunden zum Beispiel Zeit für einen Seitensprung zu verschaffen.

Je aufwändiger die Lüge, desto teurer

Die Methoden der Agentur seien alle legal. Und doch verdienen die Alibi-Profis mit dem Betrug von Menschen Geld. Und das seit 22 Jahren. Denn so lange besteht die unauffällig in einem Hinterhof gelegene Firma schon. Zehn feste Kräfte arbeiten laut Radio Bremen in der Alibi-Agentur. Dazu kommen ein paar Honorar-Kräfte, je nachdem, was gerade so für die perfekte Lüge gebraucht wird.

Die Preise für ein Alibi variieren zwischen 29 Euro für eine Whatsapp- oder SMS-Nachricht bis hin zu Summen im vierstelligen Bereich – je aufwändiger ein Alibi, desto teurer wird es.

Auch eine Mitarbeiterin, die unerkannt bleiben möchte, hat keine Gewissensbisse bei ihrer Tätigkeit als falsche Freundin auf Familienfeiern oder Hochzeiten: "Ich distanziere mich komplett davon. Ich bin in einer Rolle als Schauspielerin. Ich lasse nichts an mich heran. Ich hab dann auch einen andern Namen, ein anderes Alter, kleide mich anders als privat, und dann ist es auch nicht schwer, sich zu distanzieren."

Tatsächlich wirkt diese Dienstleistung für die meisten Menschen völlig skrupellos, für den Inhaber der Alibi-Agentur und sein Team ist sie dagegen lukrativer Alltag.

RTL.de

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