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Mafia-Hochburg San Luca: Ein Dorf ohne Luft zum Atmen

Kilometerlange Strände und kristallklares Meerwasser sind nicht weit entfernt. Das süditalienische Dorf San Luca hat seine schönen Seiten. Doch die Mülltonnen sind mit Einschusslöchern übersäht. Das Leben wird von der Angst vor der Mafia bestimmt, die in Deutschland sechs Männer hinrichtete.

Von Kety Quadrino

Misstrauisch schauen die Frauen und alten Männer in San Luca um sich. Jederzeit bereit, bei Gefahr in ihre verbarrikadierten Häuser zu flüchten. Die Frauen sind schwarz gekleidet, ihre langen Faltenröcke flattern, wenn sie schnellen Schrittes und mit gesenktem Blick durch die Straßen laufen. Viele von ihnen haben seit 1991 Ehemänner, Kinder, Brüder, Vettern im Kampf der verfeindeten Mafia-Familien Nirta-Strangio und Vottari-Pelle-Romeo verloren. Die Angst lähmt die Dorfbewohner und raubt ihnen die Luft zum Atmen. Früher war die Piazza ein Ort der Lebensfreude, die Menschen spielten ihre kalabresische Musik und tanzten dazu die Tarantella - den typischen kalabrischen Volkstanz. Seit die Fehde ausgebrochen ist, verschwinden die San Luchesen spätestens um zehn Uhr abends in ihren Häusern. Die ‘Ndrangheta bestimmt ihr Leben und den Tagesablauf.

Nach der Bluttat war keiner auf der Straße

Seit dem sechsfachen Mord von Duisburg wagt kaum jemand in San Luca darüber zu sprechen. Hier regiert das Gesetz der "Omertà", die Schweigepflicht. Immer bekommt man nur die eine Antwort zu hören: "Das waren alles gute Menschen. Mehr darf ich dazu nicht sagen." Nur wenn sie sich unbeobachtet glauben, erzählen manche im Flüsterton ihr persönliches Schicksal.

So wie der älter Mann, aus dem es im Schatten der Dorfkirche heraussprudelt: "Francesco Giorgi hatte nichts damit zu tun." Francesco aus San Luca, gerade erst 16 Jahre alt, war das jüngste Opfer des Duisburger Massakers. Der alte Mann hat Tränen in seinen blutunterlaufenen Augen. Er sitzt auf einem Plastikstuhl und kippt eine Flasche Peroni-Bier nach der anderen in sich. "Sie wollten nur Marmo haben und haben fünf unschuldige Menschen getötet", sagt er. "Wir haben Angst aus dem Haus zu gehen, Angst, dass Rache genommen wird und man dazwischen gerät. Niemand kann sich aus dieser Sache raushalten", sagt er. Als die Nachricht aus Deutschland kam, sei das Dorf wie ausgestorben gewesen, kein Mensch war auf der Straße.

In der Bar läuft ununterbrochen der Fernseher. Sobald die Fernsehnachrichten mit Bildern aus San Luca kommen, wird es ganz still im Raum. Nach den italienischen Nachrichten wird zu den deutschen Nachrichten umgeschaltet. In San Luca können sie fast alle deutsch. Viele Autos mit deutschen Kennzeichen stehen in den engen Straßen. Fast jeder der Männer war schon einmal in Deutschland arbeiten - Duisburg, Wolfsburg, Stuttgart, Esslingen, Reutlingen. Gebannt starren sie auf den Bildschirm.

Die Männer in der Bar rauchen Kette. Ein Schild über den Tresen zeigt ein Rauchsverbotschild "Vietato fumare". In San Luca und Umgebung gelten andere Gesetze.

"Keiner interessiert sich für unsere Geschichte"

Die Bewohner von San Luca versuchen das wenig Positive ihres heruntergekommenen Dorfes hervorzuheben. Sie reden voller Stolz über Corrado Alvaro, einen bekannten Schriftsteller der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der in San Luca geboren wurde. Sie erzählen über den 20 Kilometer entfernten Wallfahrtsort Polsi, der im tiefen Gebirge des Aspromonte täglich rund tausend Menschen anlockt. Und sie erzählen über die schöne Landschaft und die kilometerlangen verlassenen Strände mit kristallklarem Meereswasser. "Keiner interessiert sich für unsere Kultur, unsere Geschichte, alle kommen sie nur wegen dieser ‘Ndrangheta-Geschichte her", schimpft ein Bewohner. Sogar Touristen kämen schon, um das berüchtigte Mafiadorf zu besichtigen. Die Schuld an allem haben die Politiker, sagen sie.

Die Häuser von San Luca sind unverputzt, viele Bauruinen prägen das Dorfbild. Überall liegen Dreck und Müll herum, Wäsche hängt von den Balkonen herunter. Alle Mülltonnen sind mit Einschusslöchern übersät. Kinder spielen mit Plastikpumpgun auf den staubigen Straßen, Jugendliche rasen mit ihren Mofas durch das Dorf, Runde für Runde. Misstrauische Blicke aus dunklen Augen: "Verschwindet hier!", schreit ein Junge die Journalisten an. "Wir sind hier nicht bei Big Brother. Wenn ihr mich filmt, dann gibt es Ärger."

"Wir wollen Frieden"

Doch die meisten Bewohner sind freundlich und verschenken Kalender ihrer geliebten Maria Santissima di Polsi, Gebetsbücher und illustrierte Faltblätter ihrer schönen Gegend. "Wir wollen den Frieden", sagt ein alter Mann, der früher in Stuttgart bei der Bahn gearbeitet hat. Er will gern mehr erzählen, schweigt dann aber lieber. Die Männer der verfeindeten Familien sind nach dem Vorfall untergetaucht. Angeblich verstecken sie sich in Höhlen in den dichten Wäldern des Aspromonte. Der Kaplan der Kirche von San Luca Don Stephen Fernando, 61, legt ein Finger auf seine Lippen und flüstert: "Hier läuft alles geheim." Es sei schrecklich, was gerade im Dorf passiert, sagt er. Alle San Luchesen würden jetzt in einen Topf mit der Mafia geworfen. Dabei seien es nur zwei, drei Familien, die sich bekriegen. "Die Jugendlichen hier brauchen dringend Arbeit", sagt er. "Sie langweilen sich, früher oder später geraten sie auf die schiefe Bahn - von irgendetwas müssen sie ja leben."

Vor dem Haus der Familie Giorgi versammelten sich in den Tagen nach dem Mord die Dorfbewohner. Alle in schwarz. Weinende Frauen traten aus dem Haus, tiefe Verzweiflung in den Gesichtern. Francesco wäre am Samstag 17 geworden. "Keine Trauer", sagte seine Mutter Teresa Giorgi in einem Interview mit der Tageszeitung "La Repubblica". Seine Beerdigung wird das Zeichen der Unschuld, der Reinheit, des Friedens sein, das Francesco verdient hat." Francesco hat im ganzen Dorf die Mofas repariert. "Ich möchte den Mördern meines Sohnes ins Gesicht sehen. Ich möchte sie treffen, meine Blicke mit den ihren kreuzen. Ich will es nur tun, um ihnen zu sagen, dass ich ihnen vergebe", sagt sie. "Ich will keine Rache. Basta - es reicht."

Als Francesco nach Deutschland abreiste, habe sie ihm nur in die Augen geschaut, erzählt sie weiter. Sie haben sich umarmt, sie hat ihn auf die Stirn geküsst und dann hat Francesco seine Mutter gebeten, ihm die Augen zu küssen. "Das war einer unserer Riten", sagt sie. "Mein Sohn hat eine Pistole vor seinen Augen gesehen. Dieser Schmerz des Todes soll hier in San Luca niemand mehr fühlen." Giovanni, der Vater von Francesco, spricht wenig. Als Teresa die Fotos aus Francescos Kindheit heraus holt, flüchtet er aus dem Raum. "Die Liebe hat zwei Gesichter" sagt sie, "für die Liebe lebt man, und für die Liebe tötet man. Wir haben entschieden zu vergeben."

Giovanni Nirta ist ein einfacher Witwer

Der Mord von Duisburg gilt als Antwort auf die Erschießung von Maria Strangio, der Ehefrau von Giovanni Nirta, dem Boss des Strangio-Nirta-Clans. Am 25. Dezember 2006 hatten zwei Motorradfahrer beim Versuch den Mafiaboss umzulegen, die Frau getroffen. Ein Kind wurde durch einen Streifschuss leicht verletzt. Giovanni Nirta konnte flüchten und tauchte unter. Nicht einmal zur Beerdigung seiner Frau konnte er gehen. Während ihrer Beerdigung warteten die Mörder auf ihn. Man vermutet, dass Marco Marmo, eines der Opfer von Duisburg, hinter der Ermordung steckte. Der Codex der ‘Ndrangheta ist: Keine Frauen und keine Kinder zu töten. Daher verlangt eine dermaßen starke Verletzung der Regeln eine angemessene Antwort.

Giovanni Nirta ist nach dem jetzigen Vorfall als Einziger nicht in die Berge des Aspromonte geflüchtet. Er blieb sich in seiner kleinen Villa zwischen San Luca und Bovalino. "Es sind Menschen aus San Luca getötet worden, so wie meine Frau getötet worden ist", sagte er der Tageszeitung "La Repubblica". Mit dem Mord habe er nichts zu tun. "Ich bin nur ein Witwer, der jeden morgen die Milch für seine drei Kinder warm macht", antwortet er. "Ich bin ein Mann, der nicht mehr lebt, seit dieser Nacht an Weihnachten." Wenn er sich hätte rächen wollen, dann hätte er das längst tun können. "Ich kenne auch die Familie des ermordeten Jungen Francesco Giorgi", sagt er. Sehr edle Menschen seien das. "Ich weiß, wie man sich in diesem Moment fühlt", sagt er.

Karl B. versteht nichts von den Machenschaften

Nur einer in San Luca versteht von dem allem gar nichts: Karl B., Heizungsbauer aus Frankfurt. Vor rund 20 Jahren zog er mit seiner Frau hierher, weil "die Menschen so großzügig und herzlich hier sind", sagt er. Er versuchte in San Luca als Heizungsbauer Fuß zu fassen. Doch eines Morgens stand sein Lieferwagen abgebrannt vor der Werkstatt. Einige im Dorf waren über den Anschlag empört. Sie wollten nicht, dass der Deutsche wieder geht. Nie wieder werde so etwas vorkommen, versprechen sie Karl und schenken ihm 2 500 Mark für ein neues Auto. "Ich habe seitdem nie wieder Probleme gehabt", sagt Karl.