Mecklenburg-Vorpommern Erwin wer?


Harald Ringstorff (SPD) hört auf. Beste Chancen, neuer Regierungschef in Mecklenburg-Vorpommern zu werden, hat Erwin Sellering, ein Westdeutscher. Dieser fiel bislang vor allem dadurch positiv auf, dass er nicht auffiel. Ein Porträt.
Von Manuela Pfohl

Er war Vizepräsident des Verwaltungsgerichtes Greifswald, dann Justiz-, später Sozialminister, seit April 2007 ist er auch SPD-Landeschef in Mecklenburg-Vorpommern. Er kämpft für mehr bürgerschaftliches Engagement gegen Nazis, knuddelt Kinder in der Greifswalder Kita "Sonnenschein", übergibt Förderbescheide, will die Gesundheit von Männern fördern und macht sich für ein generelles Rauchverbot in Gaststätten stark. "Der Sellering macht doch alles, wenn man ihn lässt", heißt es im Schweriner Schloss hinter vorgehaltener Hand immer dann, wenn die Wunderwaffe der nordostdeutschen Sozialdemokratie mal wieder aktiv ist: Wenn nichts dazwischenkommt wird der 59-Jährige demnächst auch noch Ministerpräsident.

Am Tag seiner Rücktrittsverkündung, will Harald Ringstorff, SPD, der amtierende Regierungschef, zwar nichts zu seiner Nachfolge sagen. Aber dass er den im nordrhein-westfälischen Sprockhövel geborenen Sellering im Oktober als seinen Wunsch-Nachfolger präsentieren wird, gilt als sicher. Schon im Juni waren die vermeintlich streng geheimen Zukunftspläne der beiden Genossen öffentlich bekannt geworden. Sie übten sich im Dementieren. "Reine Spekulationen" behauptete Sellering damals und lächelte. Ein Lächeln, das freundlich zeigte: Jungs, ihr nervt, aber ich bin euch nicht böse.

Starke Nerven und eine milde Gelassenheit

Vielleicht ist diese nach außen demonstrierte milde Gelassenheit die wichtigste Eigenschaft des Regierungschefs in spe. Etwas mehr als anderthalb Millionen Einwohner, 13,4 Prozent Arbeitslosigkeit, fast elf Milliarden Euro Schulden und dann noch die NPD im Landtag. Dafür braucht man, was Sellering hat: starke Nerven und die unerschütterliche Überzeugung, dass alles irgendwie zu regeln ist - früher oder später, auch in einer großen Koalition.

Ringstorff hat es genauso gemacht und damit etliche Wahlen gewonnen. Egal, welcher Skandal gerade das Küstenland erschütterte, Ringstorff hatte irgendwie nichts damit zu tun. Ringstorff war der Nette, der Nachbar, einer von hier eben. Sellering kam erst 1994 nach Mecklenburg-Vorpommern. Er war einer von vielen "Wessis", die im Osten in Ordnung bringen sollten, was die Wende 1989 an Unordnung hinterlassen hatte.

Sellering ging nach Greifswald und wurde Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht. Im gleichen Jahr meldete er sich beim SPD-Landesverband an. 1996 kandidierte er für den SPD-Landesvorstand. Als der Vater zweier inzwischen erwachsener Töchter damals gefragt wurde, was sein wichtigstes politisches Ziel sei, antwortete er: "Mecklenburg-Vorpommern ist ein liebenswertes Land, in dem es sich zu leben lohnt. Wir brauchen Optimismus und Zuversicht in die Zukunft. Dann werden wir gemeinsam viel erreichen." Eine Phrase, wie aus dem Lehrbuch für Politiker. Die Genossen haben geklatscht und ihn gewählt.

Würde er jetzt zum Regierungschef gekürt, wäre er der einzige Wessi, der in einem ostdeutschen Bundesland das Sagen hätte.

2002 zog Sellering als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Greifswald in den Landtag ein. Er war "einer von hier" geworden. Eine Vertrauensperson sozusagen. Der nimmt man es auch nicht übel, wenn sie mal über die Stränge schlägt und sich in einem "Spiegel"-Interview angeblich für die flächendeckende Ausweitung der Erfassung genetischer Fingerabdrücke ausspricht und die Speicherung der DNA-Merkmale aller Neugeborenen für sinnvoll hält. Er meint es schließlich nur gut, sagten die Leute.

Sellering ist ein Mann, der längst immer da ist, wenn irgendwo an den Strippen der Macht gezogen wird und der dennoch stets den Eindruck erweckt, als sei er nur ein braver Parteisoldat. Es scheint, als übernehme er den jeweils zur Verfügung stehenden Job auf der nächsten Karrierestufe nur deshalb, weil gerade kein anderer Lust darauf hat. Wenn es sein muss, übernimmt er auch den Job des Ministerpräsidenten.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker