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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: 500-Euro-Banknote: Der Schein der Freiheit

Seit Jahren bewahrt unsere Kolumnistin 500 Euro auf, die sie auch in Zukunft nicht auszugeben gedenkt – und trotzdem sinnvoll nutzt.


Banknote: In einem Fünfhunderter steckt mehr als nur der monetäre Wert

Meike Winnemuth sinniert über die Verwendungsmöglichkeiten einer großen Banknote

Tief vergraben in einer meiner Schubladen – so tief vergraben, dass ich selbst jedes Mal ganz verblüfft bin, wenn ich darauf stoße – liegt ein einsamer 500-Euro-Schein. Den habe ich mal vor vielen Jahren überreicht bekommen für zwei Wochen ehrliche Arbeit, die nichts mit meiner üblichen Tätigkeit zu tun hat (wie gesagt: ehrliche Arbeit, sogar systemrelevante, wie es heute so schön heißt).

Ich hätte den Job auch so gemacht, denn es ging mir damals vor allem um die Erfahrung, mal was ganz anderes zu tun – über einen Lohn hatten wir vorher nie geredet. Umso überraschter war ich, dass ich bezahlt wurde. Zwei Wochen à 45 Stunden, das ergibt einen Stundenlohn von 5,55 Euro, was ich sehr poetisch finde, es war ohnehin lange vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Ich nahm den Schein etwas beschämt, aber auch gerührt entgegen, mit der Bemerkung, dass ich ihn niemals ausgeben würde.

Und so geschah es.

Fakten zur großen Banknote

Es ist ein komisches Gefühl, dieses kleine violette Stück Papier im Haus zu haben. Vor gut einem Jahr wurde die Ausgabe von Fünfhundertern eingestellt, dem "Lieblingsschein der Kriminellen", wie die Bundesbank argumentierte, weil er gern bei Drogengeschäften, Geldwäsche und Terrorfinanzierung zum Einsatz kam. Ist klar, warum: Eine Million Euro in 500-Euro-Scheinen wiegt 2,2 Kilo und passt in eine Handtasche, wie ich gerade beinhart recherchiert habe, eine Million in Hundertern hingegen wiegt 10,2 Kilo, für den Transport müsste man schon die aus einschlägigen Krimiserien bekannte schwarze Sporttasche füllen, die dann aber doch nur wieder in falsche Hände geraten würde. Wie ich aus einschlägigen Krimiserien weiß.

Den Fünfhunderter umgab schon immer eine leicht alltagsferne Aura: In einer Bäckerei könnte man mit ihm nicht bezahlen, an der Tanke nähmen sie ihn ebenfalls nicht, und bevor ich meinen Schein bekam, hatte ich vorher auch noch nie einen gesehen. Der kommt im normalen Leben einfach nicht vor. Genauso wenig wie der immer noch irgendwie nach Falschgeld klingende Zweihunderter.

Den Schein einfach so in der Schublade liegen zu lassen ist natürlich ausgesprochen bekloppt. Mal abgesehen davon, dass man keine größeren Summen im Haus haben sollte: Er verliert täglich an Wert durch Inflation und hätte an Wert gewinnen können, wenn ich ihn investiert hätte. Ach, spende ihn einfach, dachte ich vor einigen Jahren, als er mir mal wieder in die Finger geriet und ich darüber nachdachte, was ich mit ihm anfangen sollte – und habe ihn dann doch behalten und stattdessen die Spende für eine Suppenküche lieber direkt von meinem Konto überwiesen.

Der Schein ist mehr als nur ein Zahlungsmittel

Denn der Wert, den ich mit dem Schein verbinde, ist eben alles andere als ein monetärer, ganz im Gegenteil. Er ist eine Art Freifahrtschein für mich, ein Symbol dafür, dass es im Leben immer Optionen gibt, Alternativen, Auswege, B-Pläne. Du könntest auch was ganz anderes machen, raunt er mir zu. Nein, besser sogar: Du kannst, ganz ohne Konjunktiv. Du hast es ja schon mal getan, es hat geklappt, der Schein ist die Bescheinigung dafür.

Ich kenne viele Kellner, die ihr erstes Trinkgeld aufgehoben haben, weil das Glück bringen soll. Das Glück ist jedoch ein ganz gegenwärtiges, mein Schein ist ein Symbol für Unbezahlbares: Wertschätzung. Die Quittung für das gut Getane.

Und deshalb bleibt auch mein Schein auf ewig in der Schublade. Nichts, was ich mir davon kaufen könnte, wäre je so viel wert wie das Wissen: Du kannst mehr. Wenn nichts mehr geht, geht eben doch noch immer was anderes.

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