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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Vom Bingeing-Phänomen: immer volle Kanne

Ist Bingeing eine Krankheit oder eine Kulturtechnik? Wir konsumieren Genussmittel aller Art im Übermaß – ob Essen, Alkohol oder Netflix.

Bingeing-Phänomen

Meike Winnemuth macht sich Gedanken über den maßlosen Konsum von Genussmitteln, das sogenannte Bingeing

Neben meinem Laptop steht eine Schachtel After Eight (#keinewerbungtrotzmarkennennung), meine Linke blättert zunehmend hektisch durch die schon leeren Papiertütchen. Verdammt, das kann doch nicht wahr sein, da muss doch noch was drin sein, ich kann doch unmöglich schon … Doch. Alles alle. Keine zehn Minuten, nachdem ich die Packung aus dem Kühlschrank geholt habe, ist nichts mehr übrig von dem Zeug, nicht mal die Erinnerung, es überhaupt gegessen zu haben. Und mich ärgert nicht etwa die Tatsache, die Packung so gedankenlos in mich hineingeräumt zu haben, sondern dass nicht mehr drin gewesen ist.

Ich beobachte an mir, dass ich inzwischen bestimmte Dinge nur noch in ganzen Packungen zu mir nehme, und zwar ohne jedes schlechte Gewissen. Eine Tüte Gummibärchen oder Chips muss komplett geleert werden, was denn sonst? Der 500-ml-Becher Eiscreme ist meine Standardgröße. Kann man weniger essen als das? Gar einen halbgeleerten Becher wieder ins Eisfach stellen? Nee. Dasselbe gilt für Medienkonsum. Eine einzige Folge einer neuen Serie sehen? Undenkbar, zwei bis vier müssen es mindestens sein. Zum Einschlafen dann noch eine Handvoll Podcast-Folgen, über die ich meist wegdöse. Um dann nachts um drei von Stimmen geweckt zu werden, die mir neben meinem Kopfkissen was erzählen: Vermutlich läuft da gerade die vierte Stunde eines fünfeinhalbstündigen Interview-Podcasts. Der Exzess ist zum Normalfall geworden.

Das Bingeing-Phänomen

Über das Phänomen Bingeing, also den übermäßigen Konsum von Genussmitteln aller Art – Essen, Alkohol, Netflix-Serien, Videospiele – ist in den letzten Jahren viel nachgedacht und geschrieben worden. Interessant ist, dass sich der Begriff, der ursprünglich ein Krankheitsbild bezeichnete, von einer Vokabel des Pathologischen zur Beschreibung einer Kulturtechnik gewandelt hat. Der Binge, das Reinziehen, das Zuviel von etwas, für das es kein Genug mehr zu geben scheint, gilt inzwischen als Standard – so sehr, dass es schon Unterformen des Bingeing gibt: den Comfort Binge etwa, also das wiederholte Binge Watching von Serien, die man schon so oft gesehen hat, dass man sie mitsprechen kann.

Oder das Binge Racing: den gefühlten Zwang, sofort dann, wenn die neue Staffel der Lieblingsserie auf Netflix hochgeladen wird, alle Folgen hintereinander wegzugucken, im Idealfall innerhalb von 24 Stunden. Ich wollte mich vor Kurzem mit einer Freundin verabreden, die allen Ernstes schrieb: "Morgen geht nicht wg QE4" . Übersetzt: Die vierte Staffel von "Queer Eye" wurde hochgeladen, acht Folgen à 46 Minuten, werbefrei, gute sechs Stunden unverschnittene Ware, selbst wenn man Intro und Abspann überspringt. Ich weiß nicht, ob es für oder gegen mich spricht, dass ich absolutes Verständnis dafür hatte, den Termin verschieben zu müssen.

Der Weg des Entzugs

Wie merkwürdig, dass einem nur noch ein Gefühl aufsteigender Übelkeit signalisiert, dass es jetzt aber echt genug ist. Wieso ist das so schwer? Wieso zieht man sich etwas eigentlich Genussvolles auf komplett genussfreie, am Ende lustlose, aber trotzdem unstoppbare Weise rein? Welche Lücke soll da gestopft werden? Oder ist es reine Notwehr, weil man hofft, den Strom des Immerneuen wenn schon nicht mit Tassen, dann wenigstens mit Eimern leerschöpfen zu können? Keine Chance, natürlich nicht.

Ich habe mir ein persönliches Resozialisierungsprogramm auferlegt. Kündige mit Bedauern Podcast-Abos, nutze nur noch einen statt drei Streamingdiensten und werde in Zukunft vermutlich nicht mehr mitreden können. Aber durchatmen und durchschlafen. Die Sache mit dem Eis regle ich dann im nächsten Jahr.

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