HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Winnemuth: Um es kurz zu machen: Wie die Informationsflut die Empathie zerstört

Wir lesen mehr denn je, aber das immer ungeduldiger, um der Informationsflut beizukommen. Empathie und echtes Verstehen bleiben auf der Strecke.

Empathie

Wir lesen mehr denn je, aber das immer ungeduldiger, um der Informationsflut beizukommen. Auf der Strecke bleiben Empathie und echtes Verstehen

Haben wir noch Zeit für gute Vorsätze? Da geht noch einer, oder? Wenigstens einer von der Ersatzbank für die ersten bereits gebrochenen und vom Platz gehinkten Schwüre.

Mein guter Vorsatz für dieses Jahr also: lesen lernen.

Das sollte man präzisieren, sonst sagen die Leute nur wieder: Kein Wunder, wie die schreibt, wennse nicht liest. Also genauer: wieder richtig lesen lernen. Wort für Wort. Mit Verstehen und so, und mit allen anderen Nebenwirkungen.

Lesen aus Notwehr und ohne Empathie

Denn ich habe mir wie vermutlich viele eine neue Art des Lesens angewöhnt. Ich lese nicht weniger, eher sogar mehr – aber anders. Schneller. Quer, diagonal, im Zickzack durch die Texte. Mit zehn, zwölf offenen Tabs auf dem Computerschirm von Artikeln, die mich interessieren, für die mir aber eigentlich die Zeit fehlt. Oft lese ich dann nur die ersten paar Zeilen, springe weiter, scanne den Rest, breche ab, klicke weiter. Wie man halt so liest im 21. Jahrhundert: aus Notwehr. Im Versuch, zumindest ein paar Tropfen der Informationsflut aufzufangen. Man steht im Regen und hält 'ne Tasse hin. Das meiste geht daneben.

Ich habe das bislang unproblematisch gefunden, bis ich unter einem dieser zehn, zwölf offenen Tabs einen Artikel aus dem britischen "Guardian" las. Ungern las, denn was da stand, gefiel mir nicht sonderlich – normalerweise ein Grund, den Tab zu schließen und sich dem nächsten zu widmen.

Das digitale, überfliegende Lesen sei die neue Normalität. Die Medien, auf denen derzeit bevorzugt gelesen wird – Computer, Smartphone, Tablet –, ermöglichen, fördern und fordern Multitasking und die Verarbeitung großer Informationsmengen. Das "reading brain", das neuronale Netzwerk, das für unser Leseverständnis zuständig sei, wird dadurch gerade neu verdrahtet. So weit, so bekannt.

Was durch die kognitive Ungeduld des überfliegenden Lesens allerdings auf der Strecke bleibe, so haben mehrere Studien ergeben, sei die Fähigkeit zum logischen Denken, zu kritischer Analyse, zu Empathie, zum Empfinden von Schönheit, zur Entwicklung eigener Ideen und zum Umdenken. Die Fähigkeit zu ziemlich allem also, was die Grundlage der Zivilisation ist und was Menschen menschlich macht.

Puh. Geht's nicht eine Nummer kleiner? Aber die Frage ist interessant: Wenn die Geduld und die Aufnahmefähigkeit für lange Texte abhandenkommen, für AGBs, Verträge, Referendumsentwürfe, wenn wir immer doofer oder zumindest lustloser werden, komplizierte Zusammenhänge, Widersprüche, Ungehörtes, Unerhörtes zu lesen und auch noch verstehen zu wollen, dann bekommen wir ein echtes Problem, auch und vor allem jenseits des Geschriebenen.

Kapazität für dicke Wälzer?

Ich neige sonst gern dazu, die Warner & Mahner zu ignorieren, die ungefähr schon so lange vom Untergang des Abendlandes raunen, wie das Abendland existiert. Aber ich beobachte an mir selbst, wie meine Kapazität für dicke Schwarten abnimmt. Ich bin gerade an einem 1.250-Seiten-Roman gescheitert, den ich für meinen Buchklub lesen wollte. So was hätte ich früher inhaliert, jetzt ächze ich schon nach 200 Seiten. TL; DR, wie immer von Millennials unter überlange Posts geklatscht wird, auf die sie dann trotzdem antworten, too long, didn't read.

Use it or lose it, wie es im Muskeltraining heißt: Was nicht gebraucht wird, verkümmert. Das gilt für den Latissimus genauso wie für Geduld, Aufmerksamkeit, Hingabe, Neugier, Wissbegierde und alle anderen Risiken und Nebenwirkungen des langsamen Lesens. Unverzichtbares Zeug, und deshalb setze ich mich jetzt wieder an meine 1.250 Seiten.

Lesung der Woche: Birgit Querengäßer: "Die feine Art des Vögelns"
Themen in diesem Artikel
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.