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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Von Liebe und Verrat im Supermarktregal

Ewig bleiben wir einem Produkt treu – dann wird der Lippenstift, die Schokolade, die Socke aus dem Programm genommen. Und was wird aus uns?

Von Helmut Schmidt selig ging die Mär, er habe im Keller 200 Stangen seiner Zigarettenmarke"Reyno White" gebunkert. 38.000 Zigaretten, angeblich aus Angst. die EU würde in naher Zukunft den Verkauf von Mentholzigaretten regulieren

Von Helmut Schmidt selig ging die Mär, er habe im Keller 200 Stangen seiner Zigarettenmarke"Reyno White" gebunkert. 38.000 Zigaretten, angeblich aus Angst. die EU würde in naher Zukunft den Verkauf von Mentholzigaretten regulieren

Zu den Schrecken der modernen Konsumgesellschaft gehört der Moment, wenn einem der Konsum verweigert wird. Zehn, zwanzig Jahre lang hat man treu ein bestimmtes Produkt einer bestimmten Marke gekauft, so lange, bis man glaubte, es sei Teil der eigenen Biografie, wenn nicht sogar der eigenen DNA geworden. Und dann haben die verdammten Arschlöcher das Ding einfach aus dem Verkehr gezogen. Haben die Schokoladensorte aus dem Programm genommen, die Zeitschrift eingestellt, die Seifenoper abgesetzt, das Sockenmodell beerdigt.

Von Helmut Schmidt selig ging die Mär, er habe im Keller 200 Stangen seiner Zigarettenmarke "Reyno White" gebunkert, 38.000 Zigaretten, angeblich aus Angst, die EU würde in naher Zukunft den Verkauf von Mentholzigaretten regulieren. Keine unbegründete Furcht. Nach Schmidts Tod wurde das Hamburger Wohnhaus von einer Stiftung auf den Kopf gestellt. Ergebnis: "Bisher wurden bei der Inventarisierung des Privatbesitzes im Haus des Ehepaars Schmidt in Hamburg-Langenhorn keine über das normale Maß hinaus gehenden"Reyno"-Vorräte gefunden – auch wenn an Zigarettendosen und Aschenbechern kein Mangel ist. Kann natürlich sein, dass der Alte vor dem Exitus noch alles weggepafft hat und dann in Frieden abtreten konnte.

Ein bestimmter Lippenstift ist äußerst wichtig

Meist sind es ja beschämend banale Sachen, an die man Wohl und Wehe knüpft. Ein Lippenstift, nein: der Lippenstift (Entschuldigung, männliche Leser, aber jetzt kommt einen Absatz lang Frauengedöns; vielleicht lernt ihr ja was Neues), der einzige mit einem ebenso freundlichen wie dezenten Rot, das perfekt zu meinen leider dezent gelblichen Zähnen passte – weg. Gibt's nicht mehr, von jetzt auf gleich. Das ist mir inzwischen traumatisch oft passiert: Beim ersten Mal (es betraf Clinique Almost Lipstick in Almost Red – o du schmerzlich vermisstes Clinique Almost Red) konnte man das abgesetzte Produkt noch eine Zeit lang in England ergattern. Was ich tat, mit manischen Hamsterkäufen und flehentlichen Bitten an sämtliche Englandreisende in meiner Bekanntschaft, mir eine Handvoll davon mitzubringen, Preis egal. Danach gab es unzählige andere liebe Verblichene. Jedes Mal war der Abschied herzzerreißend, zumal ich zu der schicksalsgebeutelten Minderheit von Frauen gehöre, die immer nur einen Lippenstift zur Zeit benutzen, keine Flak-Batterie von zehn oder zwanzig verschiedenen. Ich bin streng monogam, was Kosmetik angeht, und jedes Mal werde ich wieder herzlos verlassen. Ich lern's nicht mehr, weder bei Lippenstiften noch bei … Ach, lassen wir das.

Die meisten Supermarktkunden sind nicht produktfixiert

Kosmetikprodukte sind heikel, weil einerseits hautnah & höchstpersönlich (denkt man), andererseits besonders volatil den Marketingstrategien der Hersteller unterworfen. Denn die wissen genau: Nur zehn Prozent der Käufer hängen wirklich, wirklich an einem Produkt, dem Rest ist es ziemlich egal. Denen hängt man einfach eine neue Wurst vor die Nase, die wird dann schon gefressen.

Die zehn Prozent bockiger Fans gehen in den Untergrund. Legen Notfallrationen an, bunkern, was sie kriegen können, organisieren den Schwarzmarkt. Ich habe gerade die letzte 40er Glühbirne aus meinem Hamsterkauf kurz vor EU-Verbot eingeschraubt, kenne aber schon die Öffnungszeiten jenes kleinen Elektroladens am Stadtrand, der aus dem Hinterzimmer heraus die verbotene Ware verkauft.

Wie erklären sich diese Verlustängste? Wieso nicht einfach auf einen anderen Schokoriegel, ein neues Automodell, eine viel dollere Wimperntusche umschwenken? Ja klar, das Leben geht weiter. Nur halt ein weiteres schmerzhaftes Mal nicht nach eigenen Regeln.

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