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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Den Makel zelebrieren: von der Schönheit des Unperfekten

Ja, man kann zerbrochenes Geschirr oder ramponierte Außenspiegel so fachkundig in Stand setzen, dass sie wie neu aussehen. Aber warum sollte man?

Makel zelebrieren: Von der Schönheit des Unperfekten

"Wenn in Japan eine kostbare Teeschale zerbricht, wird sie nicht unsichtbar geklebt oder gar entsorgt, sondern so wieder zusammengefügt, dass die Makel besonders betont sind."

Der TÜV will meinen Rückspiegel nicht durchgehen lassen. Ja, verdammt noch mal: Ich muss allen Ernstes einen neuen montieren lassen, obwohl der alte noch völlig in Ordnung ist. Okay, er ist ein bisschen gesplittert, weil ein Betonpfeiler in einem Parkhaus nicht schnell genug zur Seite gesprungen ist, aber ich habe ihn fachgerecht instandgesetzt mit drei Lagen Panzertape in einem geschmackvollen Dunkelgrau, der Farbe der Karosserie. Tadellose Arbeit. Findet der TÜV nicht.

Die japanische Art der Reparatur

"Das ist Kintsugi", sage ich. Bitte was?, fragt der TÜV. Kintsugi, sage ich, die japanische Kunst der Reparatur auf eine Weise, bei der man die Reparatur bemerkt. Wenn in Japan eine kostbare Teeschale zerbricht, wird sie nicht unsichtbar geklebt oder gar entsorgt, sondern so wieder zusammengefügt, dass die Bruchstellen besonders betont sind. Die Scherben werden mit Urushi gekittet, einem Japanlack, dem Goldpartikel beigemischt sind. Die Schale ist anschließend durchzogen von einem goldenen Adergeflecht und wird dadurch zu einer Kostbarkeit, zu einem leuchtenden Beispiel für das japanische Ideal des Wabi-Sabi, der Schönheit des Unperfekten. Der Makel wird zelebriert. Wenn es goldenes Panzertape gäbe, sage ich dem TÜV, hätten Sie es sofort verstanden. Der TÜV sagt: nicht mal dann.

Neuer Rückspiegel also. Ich finde, dass mein Auto dadurch an Wert verliert, aber schön. Ich glaube nämlich, dass man den Dingen unbedingt ihre Geschichte ansehen sollte, ebenso wie den Menschen. Nichts und niemand geht durch die Welt, ohne früher oder später beschädigt zu werden. Beulen, Schrammen, Risse, Brüche, ob selbst zugefügt oder von anderen verabreicht (von unmotiviert herumstehenden Betonpfeilern beispielsweise), gehören einfach dazu; jede Macke ist eine kleine Erinnerung daran, wie viel man schon weggesteckt hat im Leben. Und wie wenig selbstverständlich das ist.

Die Schönheit des leichten Makels

Und jetzt mal jenseits von Kintsugi: Ich repariere einfach gern, und zwar bevorzugt mithilfe von Dingen, die eigentlich nicht für die Reparatur vorgesehen sind. Büroklammern statt Reißverschlusszipper, doppelseitiges Klebeband zum Umsäumen von Hosen und Kabelbinder für nahezu alles, für Duschvorhangaufhängungen, als Schlüsselringe, als Universalgriffe.

Bei einer meiner Lesungen hat mich kürzlich ein Veranstalter dadurch beeindruckt, dass er das Mikrofon mit zwei Kabelbindern an irgendeiner ollen Stange befestigt hatte, einen Mikrofonständer gab es nicht. Super! Das ist genau die Herangehensweise an die Welt, die ich meine: Für jedes Problem gibt es nicht nur die eine Lösung, sondern mehrere Dutzend, die einfach nur nicht in der Gebrauchsanleitung stehen. Mein ewiger Held in dieser Disziplin ist der Actionmann und Megabastler MacGyver, der aus Schnürsenkeln, Kaugummipapier, einer Autobatterie und einem Taschenmesser ganze Zivilisationen wieder auferstehen lassen könnte.

Meine neueste Leidenschaft ist Sugru, eine Silikon-Knetmasse, die nach 24 Stunden aushärtet. Unfassbares Zeug! Ich habe damit ein Handyladekabel geflickt, Haken an die Wand geklebt und sogar meine Lieblingsmüslischüssel repariert, bei der ein Stück am Rand herausgebrochen war. Sie trägt jetzt ein stolzes blaues Mini-Pflaster und ist schöner denn je. Finde ich. Der TÜV hat sich dazu noch nicht geäußert. Aber ich habe große Lust, ganz aus Versehen eine Vase fallen zu lassen, nur, um sie wieder zusammenkleben zu können.

Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss mich in die nächstgelegene Tiefgarage begeben. Mein neuer Rückspiegel braucht dringend eine Verschönerung.

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