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Peer Steinbrück: Superstar mit Makeln

Peer Steinbrück ist derzeit Deutschlands beliebtester Politiker. Doch reichen Umfragewerte, um Kanzler zu werden? Forsa-Chef Manfred Güllner sagt: "Nein!" Dem Mann fehle der Charme.

Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz

Ist die Frage aller Fragen in der SPD bereits beantwortet? Im neuen stern-Ranking liegt Peer Steinbrück zum ersten Mal vor Angela Merkel, knapp zwar nur, lediglich mit einem Vertrauenspunkt mehr als die Kanzlerin. 58 Punkte für Steinbrück, 57 für Merkel. Heißt der nächste SPD-Kanzlerkandidat also Steinbrück?

Nicht für Manfred Güllner, Chef des Umfrage-Instituts Forsa. Er warnt davor, das Ergebnis seiner Umfrage bei der Antwort auf die Frage zu überschätzen, mit welchem Kanzlerkandidaten die SPD 2013 antritt. Auch wenn Steinbrück nicht nur vor der Kanzlerin liegt, sondern auch vor SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier (55 Punkte) und noch deutlicher vor SPD-Chef Sigmar Gabriel (44 Punkte). In der augenblicklichen finanzpolitischen Krisensituation werde Steinbrück überschätzt, warnt Güllner. Sei die Euro-Krise erst einmal entschärft, werde die Zustimmung zu ihm schnell wieder sinken. Wer von den denkbaren Krisenbändigern der SPD, wer aus dem Trio Steinmeier, Gabriel, Steinbrück die SPD in die nächste Bundestagswahl führt, ist laut Güllner weiterhin offen. Steinbrück sei ein zu sehr "sich selbst als Super-Experte darstellender Finanztechnokrat". Bar jeglichen Charmes, ein Mann "mit zu tief herabgezogenen Mundwinkeln".

Auflauf bei Buchpräsentationen

Ein eigenwilliges Urteil, vorsichtig formuliert. Denn mehr Zulauf im tagesaktuellen Politikbetrieb als Steinbrück genießt keiner. Als der Mann ohne Parteiamt unlängst sein neustes Buch "Unterm Strich" vorstellte, drängte das Publikum zu atemraubender Enge herbei. Wenn er demnächst sein zusammen mit Helmut Schmidt geschriebenes Buch "Zug um Zug" präsentiert, wird sich das Publikum noch mehr um seine Zehenspitzen sorgen müssen.

Und wer dann noch immer daran zweifelt, dass dieser Genosse auch außerhalb seiner SPD höchste politische Zuneigung genießt, sollte einen der normalen politischen Auftritte Steinbrücks besuchen. Dort gibt er konsequent mit jedem Satz den Wohlfühlsprech-Verweigerer. Sagt: "Mir dürfen Sie glauben. Ich verspreche Ihnen nichts." Und dann tost der Beifall. Dann liebt ihn sein Publikum und glaubt ihm, dass hier einer mit hoher Kompetenz spricht. Und ohne jede Rücksicht auf die momentane SPD-Befindlichkeit sagt, was er für richtig hält. Unüberhörbar ist, dass ihn die Menschen deswegen schätzen.

Steinbrück profitiert von Schwarz-Gelb

Den demoskopischen Aufstieg Steinbrücks zum politischen Liebling der Nation beschleunigt haben zweifellos die endlosen Querelen in der schwarz-gelben Koalition über die Euro-Rettung. Steinbrück, derzeit nicht in der Verantwortung, kann fordern, was er möchte: einen Schuldenerlass für Griechenland, einen Marshall-Plan für die gefährdeten Südländer, eine spürbare Beteiligung der Banken - umsetzen muss er davon nichts.

Ungleich schwieriger die Situation bei Union und FDP: Die Abgeordneten ringen um die Frage, wie viel deutsches Steuergeld noch zur Euro-Rettung aufgebracht werden kann und welche finanzpolitischen Kompetenzen Brüssel künftig haben soll. Die Vorstellungen gehen weit auseinander. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen profiliert sich auf Kosten der Kanzlerin als Vollbluteuropäerin und fordert die "Vereinigten Staaten von Europa". Angela Merkel hat das Ziel einer europäischen Wirtschaftsregierung vor Augen, zweifelt aber an der Umsetzbarkeit. Liberale und konservative Abgeordnete fürchten sich vor einer "Transferunion", bei der die Deutschen die ärmeren Länder dauerhaft alimentieren. Und mittendrin im Gewühle zieht Helmut Kohl, einziger Ehrenbürger Europas, die Stirn in Falten und liest der zögerlichen Merkel die europapolitischen Leviten.

Drei Musketiere auf Parteitag

In diesem Getöse wirkt Steinbrück wie ein finanzpolitischer Fels in der Brandung. Die Deutschen haben ihn noch als jenen Mann in Erinnerung, der es fast geschafft hätte, einen ausgeglichenen Bundeshaushalt vorzulegen- und der, nach dem Ausbruch der Finanzkrise, eine Garantie für die deutschen Sparer abgab. Im Gegensatz zu Merkel war Steinbrück auch immer in der Lage, seine Positionen in knappen, allgemeinverständlichen Worten zu kommunizieren. Er wirkt solide - selbst wenn auch er die Finanzkrise zunächst sträflich unterschätzt hatte.

Wie stark seine Popularität in die eigene Partei hineinwirkt, wird sich spätestens auf dem nächsten SPD-Bundesparteitag im Dezember verlässlich bewerten lassen. Dort stellt sich das neue Führungstrio der Partei. Am ersten Tag redet Steinmeier, am nächsten Gabriel, am dritten Steinbrück. Sein Thema: Natürlich der zu verabschiedende Leitantrag zur Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Linke favorisieren Wowereit

Wer aus dem SPD-Führungstrio Steinmeier, Gabriel, Steinbrück den Kanzlerkandidaten gibt, dürfte nach diesem Parteitag zumindest inoffziell beantwortet sein. Zwar würde der linke Flügel noch gerne Klaus Wowereit im Rennen sehen, aber bei einem Mitgliederentscheid, den es bei zwei Kandidaten um die Kanzlerkandidatur gibt, hätte Berlins Regierender Bürgermeister keine Chance gegen Steinbrück. Denn die Parteilinke wird letzten Endes den Kandidaten schlucken, dem sie die größte Chance gibt, die Bundestagswahl zu gewinnen. "Auch die Linke weiß, dass sie nur dann an ein paar Stellschräubchen der Macht kommt, wenn ein Genosse von rechts die Wahl gewinnt, der nicht ihr Liebling ist", sagt ein Kenner der internen Stimmungslage der SPD.

Steinbrück, so hört man in der SPD, würde einem Mitgliederentscheid auf keinen Fall ausweichen. Noch lieber sähe er sogar eine Abstimmung, bei der auch Nichtmitglieder mitspielen dürften. Doch dieses Model wird in der SPD abgelehnt.

Keine aufgeklappten Messer

Zwischen den drei Kandidaten selbst, dürfte es kaum noch zum Konflikt kommen. Gabriel weiß, dass es für eine eigene Kandidatur zu früh ist. Er wird Steinbrück ausrufen. Steinmeier werde sich dem nicht widersetzen. "Die Troika wird funktionieren", heißt es in der SPD, denn sie gehe viel offener und fairer miteinander um, als dies zwischen Brandt, Schmidt und Wehner der Fall gewesen sei. Zwar grübele jeder der drei Kandidaten über die Frage "Soll ich es nicht doch machen?", aber keiner habe bei den Gesprächen ein aufgeklapptes Messer in der Hosentasche.

Und für die Beobachter der Szene ist auch eines glasklar: "Die SPD frisst im Herbst 2012 jedem aus der Hand, der ihr die Chance bietet, die Bundestagswahl zu gewinnen." Das ist eine ideale Startposition für Steinbrück, der die Herzen der Deutschen ja bereits gewonnen zu haben scheint.

Von:

und Hans Peter Schütz