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Auf Wahlkampftour mit Klaus Wowereit: Erst Kiez, dann Kanzleramt

Endspurt im Berliner Wahlkampf. Klaus Wowereit bleibt gelassen. Der grüne Boom ist abgeebbt, das Rote Rathaus fast schon wieder gewonnen. Eigentlich will der Regierende Bürgermeister aber ins Kanzleramt.

Von Hans Peter Schütz, Berlin

Entspannter kann man Wahlkampf nicht machen. Den Arm voller roter Rosen zieht Klaus Wowereit durch ein Einkaufscenter in Berlin-Hohenschönhausen und beglückt die Damen mit seinen - natürlich dornenfreien - Blümchen. Hohenschönhausen gilt als Linkspartei-Pflaster – 35,6 Prozent bei der letzten Abgeordnetenhauswahl. Jetzt kann's nur besser werden für die SPD, die damals mit 29,4 Prozent zweiter Sieger blieb.

Man muss nur das Lächeln sehen, wenn der Regierende Bürgermeister älteren Damen die Röschen in die Hand drückt. Es kommt aus dem Herzen, ein glückliches Lächeln, das ihren ersten, meist skeptischen Blick auf "Wowi" förmlich verfliegen lässt. Wetten, dass jedes Röschen eine Stimme für die SPD ist. Noch eine Wette: Am 18. September, wenn in Berlin gewählt wird, liegen die Genossen auch in diesem Stadtteil mindestens gleichauf mit den Linken, wenn nicht sogar vorn. Die Umfragen signalisieren den Trend eindeutig.

Auch der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel genießt erkennbar den Wahlkampftrip Wowereits durch die Stadt. Zusammen mit dem Regierenden und dem populären Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky schmettert er auf dem Sommerfest in einem Pflegeheim den alten Schlager "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt" - obwohl das rote Trio einräumt: "Wenn wir singen, grenzt das an Körperverletzung." Die Heimbewohner, viele im Rollstuhl, applaudieren dennoch gerührt. Sind das nicht romantische, wählbare Sozis? Sie können ja nicht hören, wie Gabriel hinterher grinsend flüstert: "Wir haben früher gesungen 'wenn bei Capri die rote Flotte im Meer versinkt.'"

Lieber die "Caprifischer" als ein Programm

Lang, lang ist's her. Derzeit ist die SPD verbündet mit jener politischen Kraft, die sie einst lieber versenkt hätte. Und dass die nächste Berlinwahl ebenfalls in diesem Trend liegen wird, ist für Klaus Wowereit keine Frage. Salopp locker eilt er auf seinem, "Kieztour" genannten Wahlkampf durch die von ihm mit lächelnder Freundlichkeit umworbene Stadt, die er seit einem Jahrzehnt unangefochten regiert.

Im Prinzip hat er auch jetzt schon die Abgeordnetenwahl gewonnen - zumindest gemessen an den Großflächenplakaten, mit denen die SPD die Stadt überzogen hat. Die werden gerne betrachtet, die CDU wiederum, die ihr Wahlprogramm an den Kiosken zu verkaufen hoffte, bleibt darauf sitzen. "Berlin hat eine Ausstrahlung, eine Anziehung, eine Wildheit und auch eine Schönheit", schnalzt Wowereit den Wählern zu. Und: "Wenn mir die Capri-Fischer gesungen werden, verzichte ich auf meine politische Rede", erklärt er den Bewohnern des Pflegeheims. Die applaudieren brav.

Wofür Wowereit steht, kommt mehr in Randbemerkungen vor. Für "Arbeit und Wirtschaft, Bildung, Zusammenhalt und Miteinander." Er fühlt sich, wirbt er, als Chef einer "sexy" Stadt. Durch die zieht er mit einem glucksenden Lachen, voller Selbstbewusstsein und Siegeszuversicht. Sagt zu einer 98-Jährigen, "das ist doch kein Alter, bei Ihrem hundertsten komme ich mit einer Flasche Sekt ... äh ... natürlich Schampus vorbei." Verkündet, dass man bei der Jagd nach den Autobrandstiftern auf "die Mithilfe der Bürger angewiesen sei. Wie wolle man denn die 1,2 Millionen Autos auf den Berliner Straßen bewachen? Sagt auch mal, die Berliner Wahl "ist überhaupt noch nicht gelaufen", doch die Tendenz sei "sehr, sehr gut für die SPD."

Kein Hauch von Wechselstimmung

Natürlich hat der allgemeine SPD-Abwärtstrend auch die Berliner Genossen nicht verschont. Aber Wowereit hat die zuweilen schärfste Konkurrenz, die Grünen, die zeitweilig an der Spree bei über 30 Prozent rangierten, bereits wieder als ernsthafte Konkurrenz abgeschrieben. Seine SPD liegt jetzt selbst bei 30 Prozent, die Konkurrentin Renate Künast rutscht der 20-Prozent-Marke entgegen, im Ostteil der Stadt ist sie schon klar drunter. Was will Künast noch gegen Wowereit erreichen? Das Stadtmagazin "Tipp Berlin" hat die Grünen-Chefin bereits auf dem Titel mit der Schlagzeile vorgestellt "Das war die Alternative" Jetzt zieht Wowi durch die Zeitungsläden, schäkert mit den Händlern rum und rät: "Legt das ja ganz vorne hin!"

Von Wechselstimmung ist in Berlin nicht einmal mehr ein Hauch zu spüren, seit sich die Berliner Grünen von der Protest-Bewegung zur Wohlfühl-Partei verändert haben, und für Tempo 30 in einer Stadt werben, auf deren Straßen die Autofahrer ohnehin meistens mit Tempo null stehen. In der Vorzeige-Grüne wie Hans-Christian Ströbele sagen: "So wie ihr Politik macht, geht es nicht weiter." Und der grüne Fraktionschef Volker Ratzmann fordert, seine Partei müsse "deutlicher klar machen, was sie will." Der grüne Mainstream ist tot, kein Fukushima wird nochmals aufhelfen. Die SPD hat alle Optionen für die künftige Koalition in der Hand.

Vornan natürlich Rot-Grün. Dann wird sich Künast zurückziehen, von der nur zwölf Prozent sagen, sie passe besser zu Berlin als Wowereit. Über Grün-Rot wird nur noch gelächelt, weil es dafür allein dann noch eine Chance gibt, wenn die Grünen nach der Wahl – was sehr theoretisch ist – auch die Chance hätten, mit einem grün-schwarzen Bündnis Wowereit zu stürzen. Die CDU würde in diesem Fall mit Sicherheit auch eine Regierende Bürgermeistern Künast schlucken, was indes schwierig wäre, wenn sie mehr Stimmen hätte als die Grünen. Alles spricht dafür, dass Wowereit ohne Künast mit den Grünen und befreit von der Linkspartei weitermachen darf. Seinem Wahlziel "30 Prozent plus X" ist er in Umfragen schon sehr nahe.

Die Berliner lieben ihren Regierenden, auch wenn er ihre Probleme längst nicht alle gelöst hat. Er sagt ihnen: "Berlin ändert sich täglich, auch zum Guten." Er steht zuweilen schon ohne Rücksicht auf seine Popularität etwa zum neuen Flughafen, "im Gegensatz zu anderen Parteien, die einen Provinzflughafen haben wollen." Bei diesem Thema riskiert er sogar eine Koalitionsaussage, die er ansonsten strikt meidet: "Wer mit uns in die Regierung will, muss ein klares Bekenntnis zum Flughafen abgeben."

Das Rote Rathaus ist also - so scheint es - praktisch schon verteidigt. Ob dort aber auch Wowereits politische Zukunft liegt, darüber schweigt seine Berliner Umgebung strikt. Die weiß nur zu gut, dass er sich politisch nicht ausreichend ausgelastet fühlt. Man kann darauf wetten, dass nach dem 18. September die Diskussion über einen Kanzlerkandidaten Wowereit wieder eröffnet wird. Er hat dann drei Landtagswahlen hintereinander gewonnen; die Gabriels und Steinbrücks haben auf Landesebene hingegen verloren. Und: Kiez-König für den Rest seines politischen Lebens, das ist gewiss nicht Wowis Traum. Das durfte respektive musste er inzwischen schon lange genug sein. Statt Kiez Kanzleramt, das ist es, was ihn noch reizt.

  • Hans Peter Schütz