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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen Ohne Planung im Hier und Jetzt

Meike Winnemuth: Ohne Planung im Hier und Jetzt
Meike Winnemuth über fehlende Planbarkeit des Lebens in der gegenwärtigen Krise.
© Illustration: Tina Berning/stern
Ja, wir können gerade nichts mehr planen – keine Feiern, keine Urlaube, keine Großevents. Und viele kommen damit erstaunlich gut zurecht.

Wie bei nahezu allen Leuten hat sich auch bei mir der Terminkalender in den letzten Wochen wie von Zauberhand geleert. Lesetourauftritte wurden abgesagt, Verabredungen gecancelt, unser monatlicher Buchclub und andere Fixpunkte auch einen Eintrag nach dem anderen habe ich gelöscht, und irgendwann sah mein Plan so aus, als ob über Nacht eine dicke Schicht Neuschnee darauf gefallen wäre: weiß und unberührt. Da war nichts mehr geblockt, nichts mehr geplant – und da war vor allem keine Ahnung, ab wann man überhaupt je wieder was planen könnte. Eine Lesung, bereits verschoben, wurde heute ein zweites Mal abgesagt, einen neuen Termin mochte die Veranstalterin sich klugerweise diesmal lieber nicht ausdenken. Mein 60. Geburtstag im Juni, das gemietete Ferienhaus in Südengland, die große Party einer Freundin im Piemont – all das wird nichts, davon kann man mal ausgehen. Okay, 60 werde ich mit einiger Wahrscheinlichkeit schon, nur halt ... anders.

Kontrollierter Blindflug

Wenige Ausdrücke wurden in den vergangenen Wochen so oft genutzt wie "auf Sicht fahren". Wir stecken alle in der großen Nebelsuppe, niemand weiß, wann sich die lichtet, da fährt man lieber erst mal mit Schritttempo im zweiten Gang. Wir leben plötzlich im Präsens, im Jetzt, der Blick nach vorn reicht höchstens bis zur nächsten Woche. Bis dahin kann sich schon wieder alles verändert haben, dann kann es neue Erkenntnisse und neue Verordnungen geben, die das Leben erneut umpflügen. Es gibt keine Erfahrungen, also keine Wahrscheinlichkeiten und Sicherheiten schon gar nicht.

Der Wegfall jeglicher Planung trifft jeden

Das Erstaunliche an der Situation ist nun, dass wir keine fünf Wochen gebraucht haben, um uns an etwas so zutiefst Undeutsches wie Unplanbarkeit zu gewöhnen. In den ersten schier endlosen zwei Wochen des Lockdowns waren die nöligen "Wann sind wir endlich da?"-Stimmen vom Rücksitz noch laut, die empörte Ungeduld angesichts der Lage noch groß. Na gut, 14 Tage halten wir durch, aber dann! Dann wollen wir gefälligst wieder einen verlässlichen Terminplan, mit Eintragungen für Sommerurlaub und goldene Hochzeit. Doch spätestens seit der Absage des Oktoberfests – irre: Das ist doch noch fünf Monate hin! – hat jedenfalls in meinem Bekanntenkreis auch der Letzte verstanden: Das dürfte dauern, diese Chose, das Leben wird auf lange Sicht anderen Regeln folgen müssen. Inzwischen guckt man schon gefasst in die Ferne: Impfstoff 2021? 2022? Achselzucken. Que sera, sera.

Einigen klugen Köpfen wird vermutlich schon Anfang März klar gewesen sein, dass man dieses Jahr und vermutlich auch das nächste schon mal präventiv aus dem Kalender ixen kann. Ebenso wie wir uns an die Corona-Sondersendungen gewöhnt haben ("Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um ..."), ist inzwischen akzeptiert: Das nachfolgende Leben verschiebt sich um ... – tja, um wie viele Jahre eigentlich? Seltsame Zeiten, in denen der Wetterbericht das Verlässlichste ist, das wir im Leben haben.

Die Verzweiflung nimmt ab

Nach meiner Beobachtung sind bis auf die paar ewigen Idioten nahezu alle auf dem Boden der Tatsachen angekommen, je nach Temperament hadernd, zähneknirschend, resigniert oder gelassen. Wenn ich mit Leuten telefoniere, höre ich gelegentlich noch leise Trauer über das Ausgefallene ("Eigentlich wären wir jetzt in Mailand, aber ..."), da ist immer noch ein kleiner Phantomschmerz angesichts der geplatzten Pläne, doch die meisten leben in der Jetztzeit, und das mit immer größerer Gelassenheit. Gestern kam eine Freundin mit einer Flasche Champagner vorbei, den sie für besondere Anlässe gebunkert hatte. "Komm, den machen wir jetzt auf, worauf wollen wir warten?" Genau. Auf nichts.


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