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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Lob des Selbstlobs: Warum fällt es uns so schwer, unsere Stärken hervorzuheben?

Alle Welt arbeitet an der Optimierung der eigenen Persönlichkeit – und schafft es trotzdem nicht, sich irgendwie gut zu finden. Warum nur?

Optimierung des eigenen Persönlichkeit: Lob des Selbstlobs

"Sollte nicht das Ergebnis all der Optimierungsarbeit sein, dass man versöhnt mit sich selbst durchs Leben schreitet?"

Zurzeit quäle ich Freunde und unschuldig in der Bäckerschlange vor mir Wartende mit einer Bitte, an der nahezu alle scheitern: "Sag was Gutes über dich."

Die Reaktion ist in 100 Prozent der Fälle ausführliches Schweigen, anschließendes Kopfschütteln über die Impertinenz dieser Aufforderung und die Unmöglichkeit, ihr nachzukommen, dann folgt etwas Laues wie "Ich kann anderen Leuten gut Raum lassen" oder "Ich kann toll kochen. Und ich habe Humor". Meist kommen Gegenfragen ("Was genau meinst du mit gut?") oder angestrengte Ironie oder ein beherztes "Ja, aber" ("Ich bin normalerweise ziemlich zuverlässig. Nur manchmal, da ..."). Etwas uneingeschränkt Positives über sich selbst bringen die meisten entweder nicht über die Lippen oder nicht über die Hirnlappen.

Gut verdienende Selbstoptimierungsindustrie

Bekanntlich haben wir nicht die geringsten Probleme damit, schlecht über uns zu denken ("Ich bin zu dick/zu doof/zu antriebslos/zu feige/lasse mich immer auf die falschen Männer ein" etc. pp. ad infinitum) und diese tatsächlichen oder eingebildeten Mängel und Verfehlungen in die Welt zu posaunen – Frauen tun das noch mehr als Männer.

Unzufriedenheit mit sich selbst ist seit mehreren Jahrzehnten die psychologische Werkseinstellung, darauf baut eine gut verdienende Selbstoptimierungsindustrie auf. Aber sollte nicht das Ergebnis all der Optimierungsarbeit sein, dass man irgendwann das Klassenziel erreicht, also versöhnt mit sich selbst durchs Leben schreitet oder sich zumindest okay genug findet, um die eigenen guten Eigenschaften, Talente, Erfahrungen zu erkennen und zu benennen? Sollte auf der langen Liste der Selbstbezichtigungen nicht wenigstens ein kleines Plätzchen für Selbstfreundlichkeit sein?

Geht aber irgendwie nicht. Eigenlob stinkt, das wurde uns erfolgreich eingetrichtert. Selbst wenn man klammheimlich (so wie ich gerade) versucht, eine Positivliste aufzustellen, fühlt es sich an, als täte man etwas Verbotenes. In Bewerbungsgesprächen antwortet man auf die Frage nach Stärken und Schwächen gern mit strategischen Halblügen wie "Perfektionismus" oder "Ehrgeiz". Mir geht es aber nicht um volkswirtschaftlich relevante Primär- oder Sekundärtugenden und auch nicht um Selbstmotivation im Stil der Strukturvertriebler, die jeden Morgen ihrem Spiegelbild sagen, was für eine hammergeile Verkaufskanone es ist – sondern einfach um was Nettes, das man über sich selbst sagt. Oder auch nur denkt. Wieso fällt das so schwer?

Schließlich hat das Unterbewusstsein längst alle Antworten parat. In der Psychologie gibt es das Phänomen der positiven Illusionen: Die meisten Leute glauben von sich selbst, dass sie über dem Durchschnitt liegen, was Freundlichkeit, Toleranz, Ehrlichkeit etc. angeht. Ob das stimmt oder nicht, ist fast egal: Der Glaube allein sorgt nach Überzeugung von Psychologen für mentale und sogar physische Gesundheit. Kinder, die sich selbst überschätzen, entwickeln ein besseres Sprachvermögen, können Probleme leichter lösen und haben sogar ein besseres Körpergefühl.

Was mache ich gern?

Sich gut finden (oder was Gutes an sich finden) ist also gesund. Deshalb lautet Ihre Aufgabe für dieses Wochenende: Wenn Sie es allein nicht hinkriegen, fragen Sie Menschen in Ihrer Umgebung, was toll an Ihnen ist. Oder beantworten Sie zumindest ein paar harmlose Fragen, die Sie auf die richtige Spur bringen: Was kann ich gut? Was fällt mir leicht? Was mache ich gern?

Ich, fragen Sie? Ich bin neugierig, genussfähig, abenteuerlustig, zutiefst dankbar für mein Leben und mag Menschen gern.

So, und jetzt Sie.

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