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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Über Frühlingsgefühle und das Phänomen "anspargeln"

Eis essen, baden gehen, Grill anwerfen – wir haben viele tolle Frühlingsrituale, um die warme Jahreszeit zu begrüßen. Eines der populärsten: anspargeln!

Anspargeln im Frühling: Über ein neuen Phänomen zur warmen Jahreszeit

"Vorfrühling, Erstfrühling, Vollfrühling. Schon schick, dass es plötzlich drei Frühlinge gibt, oder?"

Erst wollte ewig der Frühling nicht kommen, dann war schlagartig Hochsommer, und jetzt sind alle komplett durcheinander. Denn man kommt ja überhaupt nicht mehr hinterher mit all den saisonalen Verrichtungen, die man im Jahreslauf abzuarbeiten hat. Wie soll das bitte gehen: Angrillen, bevor man Zeit hatte, sich den Winterpelz von den Beinen zu schaben? Der erste Sonnenbrand des Jahres noch vor dem endgültigen Wegpacken der Handschuhe in das Fach oben links?

Vorfrühling, Erstfrühling, Vollfrühling

In der Natur gilt der phänologische Kalender, der sich einen Dreck um so lächerliches Menschenwerk wie den "meteorologischen Frühlingsanfang" schert. Umstellung auf Sommerzeit? Ha! Die Natur reibt sich die Hände, schockfrostet die Welt noch mal schnell durch und kippt dann wolkenweise Wasser hinterher. Nur weil sie's kann. Ihr phänologischer Kalender unterteilt das Jahr in zehn Jahreszeiten, die sich ausschließlich am Fortschritt der Natur orientieren und an sogenannten Zeigerpflanzen. Schneeglöckchen blühen: Vorfrühling. Forsythie blüht: Erstfrühling. Apfelbäume blühen: Vollfrühling. Schon schick, dass es plötzlich drei Frühlinge gibt, oder? Die Natur hat hin und wieder halt doch ein paar gute Ideen.

Zu den Zeigerpflanzen kommen im Menschenleben ein paar andere phänologische Ereignisse, die einem den Ablauf der Jahreszeiten anzeigen. Dschungelcamp. "Brigitte"-Diät. Das erste Kugeleis auf die Hand. Terrasse kärchern. Umstellung von Rotwein auf Weißwein. Anbaden. Der erste Mückenstich des Jahres. Bundesligapause. Erster Lebkuchen. Erste Tageszeitungskolumne über zu frühen Lebkuchen. Bockbieranstich. Weihnachtsdeko aus dem Keller holen. Ansprache des Bundespräsidenten. All diese Termine sind die Eichstriche des Lebens, sie strukturieren und interpunktieren das erbarmungslose Vergehen der Zeit, und man weiß genau: Wintermode kommt in die Geschäfte – wir müssen also August haben.

Neben dem Anbaden und Angrillen pflegt der Deutsche seit einiger Zeit ein Ritual, dessen Bezeichnung Sie nach dem Lesen dieser Kolumne bitte sofort wieder vergessen: Anspargeln. Spargel ist ja kein Gemüse, sondern ein Befehl: Wenn es Spargel zu kaufen gibt oder er auf der Speisekarte steht, hat er gegessen zu werden. Denn es gibt ihn ja nur so kurz, am 24. Juni ist Schluss, also muss man jede Gelegenheit nutzen. Auch wenn man ihn vielleicht für eine stark überteuerte Spielart von Wasser hält, aber: Es ist Spargel! Also bitte: Spargel!

Vorgestern sah ich im Regionalprogramm einen Filmbeitrag darüber, wie diverse Kamerateams, Fotografen und notizblockbewehrte Journalisten sich auf einem Acker um die erste offiziell gestochene Spargelstange des Bundeslandes scharten. Und es war dann auch tatsächlich nur eine einzige Stange, mehr war nicht aus dem Boden zu holen angesichts des langen, nassen Winters. Oder hatte der verzweifelte Spargelbauer die Stange für diesen Anstichtermin vorsorglich im letzten Jahr eingefroren und nachts heimlich in die Erde gesenkt?

Spargeln Sie doch an, wie Sie wollen

Der erste Spargel des Jahres wird dieser Tage also unter Absingen von Hymnen und Schwenken von Palmwedeln feierlich verspeist. Weil wir aber die Angewohnheit haben, aus allem ein Problem zu machen, besonders aus angenehmen Dingen, ist auch der korrekte Umgang mit Spargel heiß umstritten. Darf man geschälten kaufen oder kommt man dafür in die Hölle? Stehend oder liegend kochen? Mit Butter oder Hollandaise servieren? Mit den Fingern essen oder mit Messer und Gabel? Ach, spargeln Sie doch an, wie Sie wollen. Aber benutzen Sie um Himmels willen nie wieder dieses Wort.

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