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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Die 207, bitte. Wie immer

Wir adeln banalste Alltagsroutinen zum Ritual. Denn monotone Verlässlichkeit gibt unserem Leben Struktur und Bedeutung.

Meike Winnemuth macht sich Gedanken über unsere liebgewonnenen Rituale

Meike Winnemuth macht sich Gedanken über unsere liebgewonnenen Rituale

Heute morgen stand ich in einer Kölner Bahnhofsbuchhandlung mal wieder vor dem Reclam-Regal. Nur Bahnhofsbuchhandlungen mit Reclam-Regalen sind gute Bahnhofsbuchhandlungen – und über diesen Satz müssen wir weiter unten unbedingt noch diskutieren, aber lassen Sie mich kurz diesen Absatz zu Ende bringen: Vor jeder Bahnfahrt kaufe ich mir rituell für den Preis eines halben lauwarmen Kaffees eines dieser schmalen, knallgelben Hefte, die ich in meiner Schulzeit noch mit wüsten Kritzeleien verunstaltet habe. Die Bändchen von Gottfried Keller, Walter Benjamin, Georg Büchner und Arthur Schnitzler (diesmal waren es Erzählungen von Thomas Bernhard) sind für mich heute, ein paar Jahrzehnte später, lauter kleine Schatzkästchen, ich lese sie mit Genuss und deutlich weniger Kritzelei. Und selbst wenn ich nur 20 Seiten schaffe, bevor ich selig schnarchend an der Schulter meines Sitznachbarn im Zug einschlafe: Es sind jedes Mal fantastisch angelegte zwei bis drei Euro.

Die kleine gelbe Reiselektüre als Ritual

Dieses Reclam-Reiseritual ist mir heilig, und damit sind wir beim Thema: Neuerdings neige ich dazu, Dinge, die ich regelmäßig und gern tue, zu Ritualen zu verklären. Selbst banale Routinen werden dadurch irgendwie geadelt: in welcher Reihenfolge ich die Teesorten im Lauf des Tages wechsele, dass ich den Tee am Sonntag immer aus einer bestimmten Tasse trinke, so Alltagszeug halt. Eigentlich nicht der Beachtung und erst recht nicht der Rede wert, aber durch das Etikett "Ritual" halt doch.

Ich weiß nicht, ob es ein Phänomen des Alterns ist, dass man sich an lieb gewonnenen Gewohnheiten so festhält und sie derart zelebriert, aber ich beobachte das überall in meinem Umfeld. Absolut orthodox wird da immer die Nummer 207 beim Thai bestellt und manisch dieser eine bestimmte abgekaute Kuli gesucht, ohne den man angeblich kein Wort schreiben kann. Mal sind es die 15 Minuten Meditation, ohne die der Tag nicht beginnen kann, mal die zwei bis drei Netflix-Folgen "Friends" abends im Bett, ohne die man nicht einschlafen kann – die Ritualisierung des Alltags hat epidemische Züge angenommen.

Die Gründe sind sonnenklar: Es verändert sich gerade so viel und so schnell, dass man umso inbrünstiger am Immergleichen festhält. Und in unseren säkularen Zeiten scheint genau das schmerzlich zu fehlen. Alle Religionen bestehen aus Ritualen, aus ewigen Wiederholungen derselben Gebete, Gesänge, Formeln – diese besänftigend monotone Verlässlichkeit besorgt man sich jetzt halt auf anderem Weg.

Guter Schlaf ist wichtig.

Es geht um das urmenschliche Bedürfnis, dem eigenen Leben Struktur und Bedeutung zu verleihen, und sei es durch die Wahl einer Teetasse. Die gemeinschaftsstiftende Funktion von Religion wiederum wird durch neue Formen des Glaubensbekenntnisses ersetzt: Wer auf denselben Handyhersteller schwört, wird zu Bruder oder Schwester im Geiste.

Ähnlich einer Religion

Das Lustige ist: Ebenso wie bei echten Religionen werden die Jünger moderner Privatreligionen schnell apodiktisch. Abweichler werden nicht geduldet, Widersprüche schwer ertragen: Nur in diesem und keinem anderen Restaurant gibt es den besten Zwiebelrostbraten der Stadt, ach was, der Welt, nur an dieser Bude die beste Currywurst, amen. Nur diese Turnschuhe sind die einzig akzeptablen, nur ein Bahnhofsbuchhandel mit Reclam-Regal ist erträglich, siehe oben. In wachen Momenten weiß man natürlich, dass das ausgemachter Blödsinn ist, aber dieser Blödsinn ist zumindest nützlich. Er gibt Halt. Er ist das Geländer, an dem man sich entlang der Abgründe des Lebens Schritt für wackligen Schritt vorantastet.

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