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Meisterschaft bei Dresden: Im Mekka der Flipperverrückten

Gröflaz, Mr. Startrek und Duffy: Das sind die Stars der deutschen Flipperszene. Sirenengeheul, Geratter und Getöse sind Musik in ihren Ohren. Die diesjährigen Meisterschaften fanden in einem Kaff bei Dresden statt - dorthin waren die Organisatoren mit einer schwierigen Mission gereist.

Von Mareike Rehberg

Schon der Veranstaltungsort klingt nach Freakshow: Wilsdruff im Saubachtal, eine Kleinstadt nahe Dresden, durch die das verheißungsvolle Flüsschen "Wilde Sau" fließt. Na, wenn das nicht Action pur verspricht. Für ein Wochenende ist die Wilsdruffer Turnhalle das Mekka aller deutschen "Flipperbekloppten", wie sich die Mitglieder der German Pinball Association (GPA) gerne selbstironisch nennen.

Ein Mal im Jahr trifft sich die Crème de la Crème der vornehmlich männlichen Kugelvirtuosen, um unter sich den Deutschen Flippermeister zu küren. Dabei nimmt sie es mit der Nationalität allerdings nicht so genau: Auch Ungaren, Schweizer und Holländer pilgern durch die Gänge mit den 73 flackernden, blinkenden und dudelnden Automaten.

Die erste Austragung der Meisterschaft auf dem Gebiet der ehemaligen DDR soll die Ossis fürs Daddeln begeistern - ein schwierige Mission. Denn während in München die größte Flipperdichte Deutschlands herrscht, ist das Spiel hier kaum verbreitet. Fünf Euro Eintritt, und schon öffnet das Unterhaltungsparadies seine Pforten. Alle Geräte sind auf Freispiel gestellt, die Besucher können die Kugeln auf dem Feld herumkatapultieren, bis ihnen die Finger glühen. Brötchen für 50 Cent und Bier für 1,50 Euro sollen die Massen anlocken.

Der Veranstalter ist Mädchen für alles

Ernö Rotter hat es eilig. Hier fehlt der Schlüssel für einen Indiana-Jones-Automaten, dort steht noch ein Fußballtor im Weg herum. GPA-Mitglied Rotter hetzt von einem Ende der Halle zum nächsten. Der 33-jährige Verkäufer für Anglerbedarf hat die Pinball-Kollegen in seine Stadt gelotst, nun lastet die Verantwortung auf seinen Schultern. Hundert Spieler haben sich zum Turnier angemeldet, vormittags rechnet Rotter noch optimistisch mit zusätzlichen 200 Besuchern aus der Umgebung.

Doch nicht alle finden den Weg ins abgelegene Nest. Lediglich 88 angemeldete Spieler reisen tatsächlich an, auch der Andrang aus Wilsdruff und den umliegenden Dörfern hält sich in Grenzen. Zu Stoßzeiten halten sich vielleicht 150 Menschen in der Halle auf. GPA-Präsident Christian Bartsch alias "Duffy" rechnet ohnehin mit finanziellen Verlusten. Mit gemieteten LKW’s haben sie die restaurierten Flipper aus ihren Kellern und Vereinsheimen eingesammelt und Hunderte von Kilometern durch Deutschland kutschiert - ein teurer und ungemein aufwändiger Spaß.

Bartsch selbst kommt aus der Nähe von Bremen, seine Frau und seinen Sohn hat er zu Hause gelassen. Stundenlang bastelt er manchmal im Keller an alten Geräten herum, im Flipper-Forum tauscht er sich mit Gleichgesinnten aus. "Flippern ist wie Briefmarkensammeln, es nimmt nur mehr Platz weg", meint er. In seinem violetten T-Shirt sieht der schlaksige 41-Jährige aus wie ein in die Jahre gekommener Informatik-Student. Der Vergleich ist gar nicht so verkehrt, im wahren Leben verdient Bartsch sein Geld als Systemadministrator.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie der Simpsons-Automat funktioniert - und wie der Wettkampf ausgeht.

Vokuhila-Frauen mit Bauchtasche

Am späten Nachmittag ist die Vorrunde in vollem Gange. Nur die Organisatoren und der amtierende Meister haben einen Platz im Hauptspiel sicher, vier Finalisten wird es am Ende geben. An zwölf Flippern liefern sich die Gegner einen erbitterten Kampf um die meisten Punkte. Selbsternannte Größte Flipperspieler aller Zeiten ("GröFlaz") und Vokuhila-Frauen mit Bauchtasche drücken wie besessen an den Knöpfen herum. Korpulente Männer, die sich die Haare über die Glatze gekämmt haben, werfen sich gegen das Gehäuse, um die Kugel vor dem Aus zu retten. Über den ohrenbetäubenden Lärm der Automaten hinweg streiten sie sich um unfaire Punktwertungen und wischen sich den Schweiß von der Stirn. Bevor der Sieger seinen Pokal entgegen nehmen darf, wird es nach Mitternacht sein.

Unterdessen bewundern Laien die unterschiedlichen Automaten wie in einem Kuriositätenkabinett. Besonders beliebt bei Kindern ist der Simpsons-Flipper, jedes Mal wenn die Kugel dem bedrohlichen Schlund zu nahe kommt, schreit Bart "Eat my Shorts!" Vor dem Guns’n Roses-Gerät scharen sich hingegen die älteren Jahrgänge. "Welcome To The Jungle" und "Paradise City" tönen aus den Lautsprechern. Eine Plastikrose ersetzt den schnöden Startbutton, mit einer Pistole schießt der Spieler die Kugeln ins Feld.

Nächstes Mal geht's in eine Weltstadt

Zoltan Babiczik, 180. der Weltrangliste, ist heute vorzeitig ausgeschieden. Nun geht der gebürtige Ungare schweren Schrittes durch die Halle und weist unbedarfte Journalistinnen in die Kunst des Zielens und Festhaltens der Kugel ein. Jedes Wochenende verbringt er in Zürich mit Flippern, seine elfjährige Tochter könne schon besser Bälle passen als mancher Profi, beteuert der 47-Jährige stolz und nimmt einen großen Schluck aus seiner 1,5-Liter-Colaflasche. O-beinig beugt sich der übergewichtige Mann über einen Terminator-Automaten, mit Leichtigkeit meistert er eine Multiball-Runde, bei der mehrere Kugeln gleichzeitig in Schach gehalten werden müssen. Duelle mit Anfängern scheinen seine Laune zu heben.

Das hat der Verwaltungsangestellte offenbar auch nötig. Das Töchterlein werde bitterböse sein angesichts seiner schamvollen Niederlage in der Vorrunde, ärgert er sich, und stärkt sich mit einer Portion Sauerbraten. Mittlerweile hat sich die Sonne hinter dem gar nicht so wilden, eher träge dahinplätschernden Bach aus dem Staub gemacht, die letzten Hartgesottenen harren der Auswertung. Am Ende hat Organisator Ernö Rotter den Ärger um die ausbleibenden Besucher vergessen. Immerhin ist er Zweiter geworden und hat damit die eigentlichen Favoriten hinter sich gelassen. "Wir sind eigentlich gar keine Freaks", sagt er noch und denkt bereits ans nächste Treffen der Flipperverrückten, diesmal in der Weltstadt Hamburg.