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Kinderschutzambulanz Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: Wie geht es den Kindern heute?

Kinderschutzambulanz: Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: Wie geht es den Kindern heute?
© Getty
Im Herbst 2019 wurde in Bergisch Gladbach ein riesiger Kindermissbrauchsring aufgedeckt, mindestens 200 Verdächtige sind schon identifiziert. Wie aber geht es den missbrauchten Kindern heute? Wir sprachen mit Birgit Köppe-Gaisendress, der Leiterin der dortigen Kinderschutzambulanz. Sie betreut die Opfer.

Es war eine Hausdurchsuchung, die im Herbst 2019 einen Kindermissbrauchsring in Bergisch Gladbach auf. Polizisten fanden nicht nur große Mengen kinderpornografischen Materials, sondern auch Chatprotokolle von Männern, die im Internet Videos und Abbildungen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs austauschen - und sich damit brüsten. Inzwischen sind mehr als 200 Verdächtige im gesamten Bundesgebiet namentlich identifiziert. Anfang Oktober wurde der Hauptangeklagte zu 12 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, weitere Verfahren stehen an.

Birgit Köppe-Gaisendrees ist Leiterin In der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land e.V. Hier werden acht der Kinder im Alter zwischen drei Jahren und elf Jahren betreut, die von diesen Männern missbraucht wurden. Wir sprachen mit der Leiterin Birgit Köppe-Gaisendrees.

Wie geht es den Kindern, die bei Ihnen aufgefangen werden?

Viele Menschen denken, die Kindern würden völlig verschreckt in der Ecke kauern. Das ist fast immer ein falsches Bild. Die meisten haben eine Fassade aufgebaut. Ein siebenjähriges Mädchen gibt sich immer alle Mühe, uns Therapeuten zu unterhalten – so etwas ist typisch. Es will alles dafür tun, dass wir uns mit ihm wohl fühlen.  Ein erster Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt, ist bei vielen am ehesten, dass sie keine gesunde Distanz halten können. Wir im Team sind bei jedem Kind froh, wenn es aus dem Wartezimmer nicht sofort mit uns – als einer für sie zunächst noch fremden Person - ins Therapiezimmer mitgehen will.

Birgit Köppe-Gaisendrees leitet die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land e.V.
Birgit Köppe-Gaisendrees leitet die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land e.V.
© Privat

Welches Leid ihnen angetan wurde ist den Opfern also zunächst gar nicht anzumerken?

Man muss verstehen, dass sie über viele Jahre Methoden entwickelt haben, mit ihrer schrecklichen Situation zurecht zu kommen. Diese Situation ist komplex. Sexuell ausgebeutete Kinder sitzen oft in einer Falle. Ein sechsjähriges Mädchen zum Beispiel fühlte sich verantwortlich für ihre Mutter, die psychisch labil war, es übernahm Aufgaben, die gar nicht zu seinem Alter passten. Es freute sich zuerst einfach über den Partner der Mutter, der in ihr Leben kam. „Die Mama hat wieder gelacht“, sagte es uns. Es setzte sich bereitwillig auf den Schoß des Mannes, umarmte ihn. Einmal weil es selbst die Sehnsucht nach einer männlichen Bezugsperson hatte. Aber auch, um brav bei dem Bild von einer heilen Familie, die die Mutter sich so wünschte, mitzuspielen.

Doch der Mann legte es auf Missbrauch an?

Gerade bei den Fällen von Bergisch Gladbach fällt uns auf, wie strategisch die Männer ihre Taten vorbereitet haben. Auch bei diesem Mädchen hat sich der Mann Stück für Stück vorgearbeitet. Verhielt sich das Kind abwehrend, hat er erstmal aufgehört. Und dann nach einer Pause weiter gemacht. Er hat die Grenze immer weiter herausgeschoben.

Hat die Mutter denn nicht gemerkt, was sich anbahnte?

Die Mutter baute eher einen Groll gegen die Tochter auf, weil das Mädchen ja mehr Zeit mit dem Mann verbrachte und mehr Nähe mit ihm hatte, als sie selbst. Diese fatale Eifersucht, die es dem Kind ja noch schwerer macht, sich zu schützen, erleben wir leider oft.

Hat sie von Vergewaltigungen gewusst?

Sie war im Nebenzimmer, als mehrere Männer das Kind missbrauchten. Wir wissen aus der Aufarbeitung, dass das Kind schrie.

Wie kann das sein?

Die Rolle der Mütter ist für uns im Team immer wieder erschütternd. Das Thema ist bisher zu wenig erforscht. Es gibt viele Beispiele. Immer wieder haben wir mit Frauen zu tun, die sagen: Das hat sich meine Tochter ausgedacht. Oder: Sie hat ihn ja auch angemacht. Wohlgemerkt, da ist die Rede von Kindern, die noch keine zehn Jahre alt sind.

Offenbar fehlt der Reflex, den man gerade bei Müttern als selbstverständlich voraussetzt: Ihre Kinder ohne wenn und aber zu beschützen.

Unsere Kinderschutzambulanz gibt es seit 31 Jahren. Wir haben alles gehört und gesehen, was man sich an Kindesleid vorstellen kann. Immer noch können wir es im Team kaum ertragen, wenn Mütter wegschauen oder zuerst an ihr eigenes Wohl denken.  Ein Paar war bei uns zum Gespräch. Es gab eindeutige Hinweise, dass der Mann die Tochter missbraucht hatte. Wir mussten zusehen, wie die Mutter des Kindes Hand in Hand und flirtend mit dem Mann aus unserer Einrichtung schlenderte. Wir wissen, dass viele dieser Mütter selbst Gewalt in ihrer Kindheit erlebt haben und psychische Abhängigkeiten entwickeln, so dass sie ihre Kinder nicht schützen. Sie bräuchten selbst Hilfe, aber das sehen viele nicht.

Wie können Sie den Kindern helfen, die jetzt von Menschen aus dem riesigen Täternetz rund um Bergisch Gladbach misshandelt wurden?

Unser erstes Ziel ist es, eine Vertrauensbeziehung zu schaffen. Wir tasten uns vor, um zu erfahren, was passiert ist und in welchem System das Kind lebte. Wir wollen uns ein Bild davon machen, wie es dem Kind geht und was es nun braucht. Kann es zurück zur Mutter oder sollte es in eine Pflegefamilie Ist eine Traumatherapie sinnvoll? Wir hören genau hin: Welche Fragen beschäftigen die Kinder besonders, wenn sie kommen? Meistens freuen sie sich gar nicht zu allererst, dass der Missbrauch nun endlich ein Ende hat und der Täter vor Gericht kommt. Ein Junge, der mitbekommen hatte, wie der Vater von der Polizei abgeholt wurde, wollte unbedingt wissen: Ist mein Vater jetzt im Gefängnis? Ihn beschäftigte, dass das dann alle erfahren würden und er nicht mehr in die Schule gehen könnte, weil er sich so schämen würde.

Können die Kinder bei Ihnen über den Missbrauch sprechen?

Wenn Vertrauen da ist, ja. Nach der ersten Stunde reicht es uns, wenn das Kind wiederkommen will. Dann nähern wir uns dem Thema behutsam aber zielgerichtet. Zum Beispiel fragen wir: Weißt Du, was eine Kinderschutzambulanz ist? Die Antwort ist meistens: Nein. Dann fragen wir: Hast Du eine Idee, wann Kinder geschützt werden müssen? Es kann eine Zeit dauern, bis das Kind davon spricht, wovor es selbst nicht geschützt wurde. Wenn es beginnt, darüber zu sprechen, kommt ja sein Gerüst, seine Überlebensstrategie in Gefahr.

Die Überlebensstrategie ist: Ich spüre nicht, was mir angetan wird?

Sich weg zu beamen, die Gewalt und die Demütigung abzuspalten, ist oft die einzige Chance, weiter zu leben, weiter in die Schule zu gehen, Freunde zu treffen oder für die bedürftige Mutter da zu sein. Diese Kinder wachsen ja damit auf: Ich darf niemanden belasten. Ich muss mich anpassen. Eine heute 14-Jährige erzählte mir, sie habe zuerst versucht, dem Vater auszuweichen, der sie vergewaltigte. Und als das nicht ging, habe sie alles versucht, um sich während des Missbrauchs abzulenken. Schließlich habe sie gekifft, bevor er nach Hause kam – das habe dann am besten gewirkt. Wenn man so etwas hört, wird einem klar, wie sich bei Menschen ein Suchtproblem entwickeln kann.

Sie rütteln an dem Schutzgerüst. Warum ist das wichtig?

Vorausgesetzt, wir können eine dicke, weiche Matte ausbreiten, auf die das Kind bildlich gesprochen fällt – ist das extrem wichtig. Denn diese Kinder müssen lernen, sich selbst zu spüren, ihre Grenzen zu fühlen und ernst zu nehmen. Lernen sie das nicht, sondern verschanzen sich hinter ihrem Gerüst, sind sie ihr Leben lang in Gefahr, Opfer zu werden.

Welche Zukunftsaussichten haben diese Kinder?

Es ist schwer, das zu beantworten. Wir wissen aus der Forschung, dass es Kinder gibt, denen trotz dieser brutalen Erfahrungen ein gutes Leben gelingt. Aber es gibt eben auch die, die ihr Leben lang mit Problemen kämpfen, die ihren Selbstwert, ihr Vertrauen, ihre Beziehungen betreffen. Die Verbreitung von Fotos und Filmen, die den Missbrauch dokumentieren, schaffen zusätzliche Probleme, die wir in ihrer Tragweite noch gar nicht beurteilen können.  Es liegt nah, dass es besonders schwer ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, wenn zutiefst beschämende Bilder und Videos weiterhin im Internet kursieren. Gute Begleitung, sehr oft langfristig von Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten, das ist die Chance, ihrem Leben Stabilität zu geben.

Die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land ist eine Fachstelle mit einem multiprofessionellen Team für Kinder und Jugendliche, die von körperlicher Misshandlung, Vernachlässigung und/oder sexueller Gewalt betroffen sind oder bei denen ein solcher Verdacht besteht. Sie wurde 1989 durch Kinderärzte der ortsansässigen Kinderklinik gegründet und ist auf Spenden angewiesen. Wenn Sie die Ambulanz unterstützen wollen, geht das zum Beispiel über die Stiftung stern. Bitte spenden Sie an: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – BIC DEUTDEHH – Stichwort „Bergisch Gladbach“ www.stiftungstern.de


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