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Panama Vom Klimawandel bedroht: Bewohner einer Insel müssen auf Festland umsiedeln

Gardi Sugdub Pamama
Nur 40 Zentimeter ragt die Insel Gardi Sugdub aus dem Wasser heraus. Überschwemmungen gehören mittlerweile zum Alltag der Bewohner.
© Agencia EFE / Imago Images
Der steigende Meeresspiegel bedroht die Inseln vor Panama, auf denen der Volksstamm der Guna lebt. 2050 könnte die Insel Gardi Sugdub bereits im Wasser verschwunden sein. Die Bewohner müssen deshalb umsiedeln.

Die Guna sind ein Volksstamm, der vor mehr als einem Jahrhundert auf der Flucht vor Malaria und Gelbfieber vom Festland auf die Inseln vor Panama übergesiedelt ist. In Kürze wird ihnen eine neue Flucht bevorstehen: Vor dem Klimawandel und dem steigenden Meeresspiegel. Die rund 1200 Bewohner der Insel Gardi Sugdub (zu deutsche "Krabben-Insel") werden die Ersten sein, die zurück auf das Festland ziehen. Bereits seit zehn Jahren arbeitet die Gemeinde zusammen mit der Regierung Panamas an einem Umsiedlungsplan.

Inseln vor Panama werden vom Meer verschluckt

Kommendes Jahr soll der Umzug, den das "Wall Street Journal" als "kurzen, historischen Exodus" bezeichnet, realisiert werden. Es handelt sich um das erste Projekt seiner Art in Lateinamerika. Viele Weitere könnten jedoch nötig sein. Früher oder später werden die meisten Insel im San Blas-Archipel, zu denen auch Gardi Sugdub gehört, unbewohnbar sein, sagt Steven Paton, Direktor am Smithsonian Tropical Research Institute.

Der Meeresspiegelanstieg hat sich von einem Millimeter im Jahr 1960 auf aktuell 3,5 Millimeter pro Jahr beschleunigt, wie aus Gezeitendaten der Panamakanalbehörde und Satellitendaten der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration hervorgeht. In den nächsten Jahrzehnten könnten die ersten der rund 350 panamaischen Inseln vom Meer verschluckt werden. Ungefähr 50 davon sind bewohnt, von insgesamt 30.000 Guna-Mitgliedern. Die Insel Gardi Sugdub wird laut Wissenschaftlern spätestens 2050 im Wasser verschwinden.

"Man kann sich hier nicht in Sicherheit bringen"

Die Bewohner leiden bereits jetzt unter den Folgen des Klimawandels. "Wir spüren den steigenden Meeresspiegel", sagt Blas López Morales, Soziologe und Mitorganisator der Umsiedlung den "Lateinamerika-Nachrichten". Extreme Wetterereignisse haben zugenommen. Stürme und Unwetter bringen Überflutungen mit sich. In die stroh- und blechbedeckten Hütten der Indigenen dringt regelmäßig das Wasser ein. Zum Teil werden dabei Häuser komplett zerstört, in anderen Fällen Feuerstelle und Feuerholz überflutet – die Familien können dann nicht mehr kochen. "Das Gefühl ist, dass es keinen Schutz gibt. Auf den kleinen Inseln kann man sich nicht schnell in Sicherheit bringen", berichtet López Morales.

Guna-Kinder sitzen zwischen traditionell Gebäuden Häusern
Guna-Kinder sitzen zwischen traditionellen Hütten. Auf dem Festland steht bereits eine neue Schule für sie bereit.
© Arnulfo Franco / Picture Alliance

Javila Apreciado lebt im Zentrum der Insel. "Die Flut kommt bis hierher. Immer wieder werden unsere Häuser beschädigt, dann müssen wir sie reparieren", sagt sie der "Tagesschau". Die Überschwemmungen, die bis zu zehn Mal im Jahr auftreten, seien für sie aber mittlerweile Normalität. Wenn die Klassenzimmer der Grundschule unter Wasser stehen, müssen Lehrer und Schüler in Gummibooten zum Unterricht kommen, berichtet das "Wall Street Journal". Doch das Hochwasser überschwemmt nicht nur Gebäude, sondern auch die Flüsse, aus denen die Guna ihr Trinkwasser beziehen. Das Meerwasser verstopft und zerstört die entsprechenden Leitungen.

Zudem schneiden die Fluten die Insel von der Außenwelt ab. Eine Straße, die das Eiland mit dem Festland verbindet, ist nicht zugänglich. Ebenso wenig können Schiffe anlegen. Beides gefährdet Lebensmittel-Lieferungen. Den Tourismus als wichtigsten Wirtschaftszweig der Gemeinde aufrechtzuerhalten, wird immer schwieriger.

1,6 Kilometer ist das neue Zuhause entfernt 

Um das Problem selbst in den Griff zu bekommen, fingen die Guna vor einiger Zeit an, Korallenriffe aus dem Meer zu entnehmen. Diese nutzten die Einwohner, um die Fläche der Insel zu vergrößern und Dämme zum Schutz vor der Flut zu bauen. Das hat gravierende Folgen. Denn die Korallen sind der wichtigste natürliche Schutz gegen Überschwemmungen und Erosion. Die Entnahme der Korallen sei inzwischen verboten, so López Morales. "Sie sind Teil des Systems, das uns am Leben erhält."

Doch langfristig bleibt den Guna nichts anderes übrig, als umzuziehen. Vor mehr als zehn Jahren ergriff die Gemeinde die Initiative und gründete eine Kommission für die Migration – man wolle sich nämlich nicht ausschließlich auf die Regierung verlassen, betont der Soziologe. Die Guna besitzen Land an der Küste, auf dem bereits eine Siedlung für die Gemeinde errichtet wird. Eine Meile – rund 1,6 Kilometer – ist das neue Zuhause von der Insel entfernt. Statt in Hütten aus Schilfwänden sollen die Indigenen in etwa 300 modernen Fertighäuser in einem neuen Viertel namens "La Barriada" unterkommen.

Die Jüngeren wollen gehen, die Älteren nicht

Die Regierung Panamas hat das Vorhaben von Anfang an unterstützt und finanziert. "Die größte Herausforderung ist sicherlich der wirtschaftliche Aspekt. Allein dieser erste Umzug, diese 300 Häuser, kosten uns zwölf Millionen Dollar", zitiert die "Tagesschau" José Batista, den stellvertretenden Minister für Bau und Territoriale Angelegenheiten. Aktuell fehle die weitere Finanzierung. Dennoch soll die Migration, der Umzug einer gesamten Insel, im kommenden Jahr vollzogen werden. Während die Jüngeren unter den Stammesmitgliedern umsiedeln wollen, sprechen sich die Älteren dagegen aus: Sie fürchten den Verlust ihrer Traditionen. "Insgesamt ist aber eine Mehrheit dafür", berichtet López Morales.

Guna-Frau paddelt in einem traditionellen Boot neben der Insel Gardi Sugdub
Rund 50 Inseln im San Blas-Archipel sind bewohnt. Die Prognose der Wissenschaftler: "Am Ende des Jahrhunderts werden die meisten die Inseln verlassen müssen."
© Arnulfo Franco / Picture Alliance

Aus Sicht der Guna ist der Kapitalismus der entscheidende Treiber des Klimawandels. "Wir haben auf die Natur achtgegeben, während die Verschmutzung aus den reichen Ländern kommt, von den Unternehmen", sagt der Soziologe. Die Regierungen müssen verstehen, dass der indigenen Bevölkerung eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Erderwärmung zukommt. Mit dem Wissen über die Natur und den traditionellen Praktiken der nachhaltigen Landwirtschaft könne man einen entscheidenden Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten. "Letztlich müssen wir, die Umweltschützer, NGOs und die Unternehmen beim Thema Klimawandel zusammenarbeiten", sagt López Morales.

Quellen: "Lateinamerika-Nachrichten", "Tagesschau", "Wall Street Journal"

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