Panorama Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann, Teil 2


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In einem olivgrünen Kleinbus, Zweitakter Marke Barkas B 1000, verließen wir Berlin und knatterten Richtung Norden - mit unbekanntem Ziel. Lehrer Fritz sagte: "Wir fahren zu einem der geheimsten Orte der DDR" - was viel versprach, da die DDR insgesamt schon als geheimnisvolles Land galt.

Auf dem Weg erzählte Fritz über das "Objekt", wie er sich ausdrückte, in dem wir das nächste Jahr unseres Lebens verbringen sollten: "Es war einst das Liebesnest von Hitlers Propaganda-Minister Goebbels. 1936 schenkte Berlin dem Joseph Goebbels zum 39. Geburtstag ein idyllisches Stück Land mit See, Bäumen und Wiesen und baute ihm ein Landhaus. Der Kriegsverbrecher vergnügte sich dort mit Schauspielerinnen und anderen Gespielinnen. 1945 besetzten sowjetische und polnische Soldaten das Gebäude, gegen erheblichen Widerstand von Schergen der Waffen-SS, die sich dort verschanzt hatten. In einem Lazarett pflegten die Freunde dort verwundete Soldaten. Als "Freunde" bezeichnete man in der DDR Sowjetbürger, vor allem sowjetische Soldaten. "1946 übergaben die Freunde das Objekt der Freien Deutschen Jugend, seither bilden wir dort Verbandsfunktionäre aus.

1950 verlieh Wilhelm Pieck der Schule seinen Namen. Deshalb heißt sie Jugendhochschule Wilhelm Pieck." Das klang kultig in meinen Ohren. Wilhelm Pieck, das erste Staatsoberhaupt der DDR, starb 1960. Er hatte schon zu Lebzeiten seinen Namen an eine Schule "verliehen"? Immerhin, so erfuhren wir jetzt, wie der Ort hieß, an dem wir ab heute zu Revolutionären ausgebildet wurden. Nach einem Überholverbots-Schild überholte uns eine schwarze Tschaika-Limousine, eskortiert von einem Polizeiwagen mit Blaulicht. "Ein Mitglied des Politbüros", sagte Lehrer Fritz. Mich ärgerte dieses Privileg, zumal es auf der wenig befahrenen Straße keine Staus gab, aber ich schwieg. Bei Wandlitz passierten wir den Zufahrtsweg zu der Siedlung, in der sich Erich Honecker und die anderen Spitzenfunktionäre der DDR eingezäunt hatten.

Kurz darauf bogen wir rechts ab in einen Waldweg. Ein Schild in Deutsch, Englisch und Französisch erklärte das Gebiet zur militärischen Sperrzone, Zugang verboten für Patrouillen der alliierten Streitkräfte (die ansonsten die DDR inspizieren durften). Der Mischwald verdichtete sich. Nach einigen Minuten fiel uns auf: Ein Maschendrahtzaun trennte mitten im Wald ein Gelände ab. Der Barkas stoppte. Hinter Kiefern und Birken versteckte sich ein Wachhäuschen. Ein Volkspolizist trat heraus. Wie ein Grenzsoldat lugte er in den Kleinbus, erkannte Lehrer Fritz und winkte uns durch. Wir fuhren ein auf dem Gelände der Jugendhochschule Wilhelm Pieck, der höchsten Bildungsstätte der Freien Deutschen Jugend! Nach einigen Metern erhob sich aus dem Wald eine Schlossanlage im Stil der Stalinzeit, in dem pompösen Barock, den ich von Bildern aus der Sowjetunion kannte. Aus dem Goebbels'schen Landhaus war die FDJ bald herausgewachsen, erfuhren wir.

Geschlechter strikt getrennt

So entstand in den 50er Jahren diese Schlossanlage aus sechs gigantischen Bauten, die einen gepflegten Park von der Größe eines Fußballstadions einrahmten. Lehrer Fritz brachte uns, "die männlichen Genossen aus der BRD", zum "Haus 1", einem ocker angestrichenen Wohnheim. Schlange verabschiedete sich, sie musste ins "Haus 2", das Frauenwohnheim. Fritz sagte: "Ich weiß, für euch aus dem Westen ist das komisch. Aber bei uns werden die Geschlechter strikt getrennt."

Adrian Geiges

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