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Prozess vor Arbeitsgericht: Angestellte nach Brötchen-Klau gefeuert

Kündigungen wegen Bagatelldelikten sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Diesmal hat es zwei Sekretärinnen des Bauverbandes Westfalen getroffen. Sie hatten sich von einem Firmen-Buffett bedient.

Ein neuer Streit um Kündigungen wegen eines Bagatelldelikts beschäftigt die Justiz. Weil sie für Gäste und den Chef bestimmte Brötchen selbst gegessen haben, müssen zwei Sekretärinnen des Bauverbands Westfalen in Dortmund um ihren Job kämpfen. Nach dem ergebnislosen Gütetermin der einen Frau am Dienstag vor dem Arbeitsgericht Dortmund will nun auch ihre Kollegin vor Gericht ziehen. Der Prozess wird voraussichtlich am 24. November starten, wie das Gericht am Mittwoch mitteilte. Die 59 und 51 Jahre alten Mitarbeiterinnen waren fristlos entlassen worden, nachdem sie beim Brötchenschmieren für ein Firmen-Büffet den eigenen Hunger gestillt hatten.

Die Beschuldigten wollen an jenem 21. Juli ohne jedes Unrechtsbewusstsein gehandelt haben, als sie zu Brötchen und Frikadelle griffen. In der Vergangenheit sei das in der Firma gang und gäbe gewesen, sagen sie. Vor dem Arbeitsgericht beteuerte die 59-jährige Chefsekretärin, dass es in der Firma ausdrücklich erlaubt gewesen sei, in Sitzungen übrig gebliebene Brötchen anschließend zu essen. Selbst der frühere Geschäftsführer habe sich gelegentlich bedient.

"Wir waren konsterniert"

Hermann Schulte-Hiltrop, Hauptgeschäftsführer des Bauverbands Westfalen, wertet das Verhalten der langjährigen Mitarbeiterinnen, die 34 bzw. 20 Jahre im Verband tätig waren, dennoch als Vertrauensmissbrauch, der nicht wieder gutzumachen sei. "Wir waren konsterniert, als wir davon erfahren haben", so Schulte-Hiltrop. Beim Bauverband würden hoch sensible Akten verwaltet. Da müsse man sich zu hundert Prozent auf seine Angestellten verlassen können.

Nachdem im Fall der 59-Jährigen eine gütliche Einigung scheiterte, deutet auch bei ihrer Kollegin nichts auf eine schnelle Beilegung des Konflikts hin. Der Bauverband Westfalen signalisierte, dass seiner Meinung nach die fristlose Kündigung die einzig angemessene Sanktionierung des "Brötchen-Diebstahls" sei.

Gefeuerte sieht guten Ruf ramponiert

Die Gegenseite pocht dagegen auf Weiterbeschäftigung. "Mit ihren 59 Jahren hat meine Mandantin doch gar keine andere Wahl, als um ihren Job zu kämpfen. Sie findet doch keinen neuen mehr", sagt Kläger-Anwalt Wolfgang Pinkepank aus Dortmund. Der Chefsekretärin gehe es vor allem aber auch um die Wiederherstellung ihres guten Rufes. "Mit einem solchen Makel will sie nicht einfach so gekündigt werden. Sie hat ein großes Rehabilitationsbedürfnis."

In der Güteverhandlung am Dienstag hatte die Vorsitzende Richterin angedeutet, dass sie eine fristlose Kündigung für möglicherweise überzogen hält. Ihr Vorschlag, die Kündigung zurückzunehmen und die Sekretärin mit einer Abmahnung zu belegen, wurde von der Arbeitgeberseite jedoch nicht angenommen. Deshalb geht der Streit weiter. Das Gericht wird voraussichtlich im Januar über die Klage entscheiden.

Kündigung löst bei Politik und Gewerkschaft Empörung aus

Der Fall beschäftigt bereits die Politik. Der Generalsekretär der nordrhein-westfälischen SPD, Michael Groschek, forderte am Mittwoch die Rücknahme der Kündigung. "Wir dürfen nicht dulden, dass Manager trotz Fehlspekulationen in Millionenhöhe dicke Abfindungen kassieren und kleine Leute wegen eines Wurstbrötchens auf die Straße gesetzt werden", sagte er. Dies sei "unmenschlich und unmoralisch". Groschek forderte die Mitgliedsunternehmen des Verbandes auf, Druck auf die Verantwortlichen auszuüben. Auch die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt zeigte sich empört. Die Arbeitgeber müssten sich fragen, was sie der Betroffenen mit der Kündigung antäten, sagte der Regionalleiter Westfalen, Jürgen Czech.

Kündigungen wegen Bagatelldelikten sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Demnächst verhandelt das Bundesarbeitsgericht den Fall einer Kassiererin, der wegen zweier Leergutbons im Wert von 1,30 Euro gekündigten wurde. Damit wird das Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin überprüft, das die Kündigungsschutzklage der Mitarbeiterin abgewiesen und damit bundesweit für Empörung gesorgt hatte. Im baden-württembergischen Radolfzell kämpft eine 58-jährige Altenpflegerin um ihren Arbeitsplatz. Sie war fristlos entlassen worden, weil sie mehrere Maultaschen für den eigenen Verzehr mitgenommen hatte. Erst im Frühjahr hatte ein Bäcker vom Arbeitsgericht Dortmund Recht bekommen. Er hatte in der Backstube für ein selbst gekauftes Brötchen "Hirtenfladen"-Aufstrich aus der Produktion für unter 10 Cent genommen. Die deshalb ausgesprochene Kündigung erklärten das Gericht und auch die nächste höhere Instanz für ungültig.

DPA/AP / AP / DPA
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