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Reportage: Die Waisenkinder von Bam

Das Erdbeben im Iran hat mindestens 1200 Waisenkinder zurückgelassen. Unter dem Schutt liegen nicht nur Eltern und Geschwister vergraben - auch ihre Identitäten. Von vielen kennt niemand ihre Namen.

Die kleine "Schima" schweigt. Das etwa vier Jahre alte Mädchen ist eines von geschätzten 1200 Waisenkindern aus der fast völlig zerstörten Stadt Bam im Südosten Irans. Seit der Erdbebentragödie am Freitag vergangener Woche ist sie in einem Waisenhaus in der Provinzhauptstadt Kerman untergebracht, zusammen mit 23 anderen Kindern - unter ihnen sind auch Säuglinge. Bei ihrer Ankunft wusste keiner, wie sie heißt oder wie alt sie ist. Auf viele Fragen der Pädagoginnen hat die Kleine bis jetzt nicht geantwortet. Nur geweint hat "Schima".

"Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr einen Namen zu geben", sagt Sahra Mirnadschafi, die Leiterin des Waisenhauses. Und da sie so niedlich war, habe ich sie "Schima" genannt, was im Kermaner Dialekt "niedlich" bedeutet.

Sie spricht nicht mehr

Und was passiert jetzt mit ihr? "Keine Ahnung, zumindest hat sie sich jetzt ein bisschen beruhigt, ist aber immer noch traumatisiert, und sprechen tut sie auch noch nicht", sagt die 43 Jahre alte Leiterin mit einem verzweifelten Lächeln. Auf den Namen "Schima" reagiert sie aber schon.

Vielleicht melden sich doch noch Angehörige

In dem Heim mit den 23 Kindern aus der verwüsteten Stadt hofft man immer noch, dass Angehörige sich melden. Aber nach fast einer Woche schwindet die Hoffnung. Das Gouverneursamt von Kerman hat Präsident Mohammad Chatami, der das Waisenhaus besucht hat, ein Schreiben überreicht, in dem von den 1200 geschätzten Waisenkindern aus Bam berichtet wird. Chatami habe sofort angeordnet, diese Kinder zu identifizieren und in Heimen unterzubringen.

Ali glaubt nicht, dass seine Eltern tot sind

Ein anderer Problemfall ist Ali. Er ist etwa elf Jahre alt und behauptet seit seiner Ankunft am Samstag, dass seine Eltern noch am Leben sind. Mehrmals haben Pädagogen die von ihm genannte Anschrift gesucht. Doch weder von dem Haus, in dem Ali gewohnt hat, noch von der Gasse, in der das Haus sein sollte, ist etwas übrig geblieben. Die Pädagogen konnten nichts finden. Nachbarn sagten jedoch, die Eltern sind tot und in einem der Massengräber beerdigt. "Das Kind will nicht wahr haben, dass seine Eltern tot sind, geschweige denn, dass er nie in seinem Leben mal ihr Grab besuchen kann", erklärt einer der Pädagogen.

Sofortige Adoptionen bringen Probleme

Das Gesundheits- und Sozialamt will nun zumindest Paten für die Kinder finden, die sie kurzfristig finanziell unterstützen. Nach sechs Monaten sollen sie dann auch für eine Adoption freigegeben werde. "Wir brauchen diese Zeitspanne, weil jetzt viele wegen der Katastrophe in einer emotionalen Phase sind und eine sofortige Adoption wollen", sagt ein Sprecher des Gesundheitsamtes. Das kann sich aber nach zwei Wochen schon ändern. Solche bitteren Erfahrungen hat das Amt bei dem Beben von 1990 in Nordiran schon erlebt.

Wann, wie und wo diese Kinder wieder in die Schule gehen können, spielt in dem Trauerspiel nicht mal mehr eine sekundäre Rolle. "Es ist schon schrecklich, wenn eine Stadt verwüstet wird und so viele Menschen dabei umkommen, aber es ist noch schrecklicher, wenn man das Schicksal der einzelnen Familien verfolgt", so Regierungssprecher Abdullah Ramesansadeh.

Viele Identitäten bleiben unter dem Schutt begraben

Der Rote Halbmond versucht derzeit durch Nachbarn die Identität der kleineren Kinder, besonders der Säuglinge, zu erfahren. Aber alle Informationen wären letztendlich nicht hundertprozentig sicher. "Wer sie sind, wer ihre Eltern waren und wann sie geboren wurden, könnte für immer als Geheimnis unter dem Schutt verbleiben", sagt Waisenhausleiterin Mirnadschafi.

Resa Derakschi und Farshid Motahari, dpa / DPA
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