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Sauerland-Prozess: Terroristen sind schuldfähig

Psychiatrische Gutachter sehen in familiären Krisen und Vaterkonflikten die Auslöser für die islamische Radikalisierung der Terroristen der "Sauerland"-Gruppe. Alle vier Angeklagten seien aber völlig unterschiedliche Charaktere, sagten drei Gutachter am Dienstag vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf.

Krankhafte Persönlichkeitsstörung könne man den vier Angeklagten wirklich nicht attestieren: Zu diesem Schluss kommen gleich drei Psychiater in ihren Gutachten zum geistigen Zustand der "Sauerland"-Terroristen. Warum waren die Männer zunächst über Jahre ganz normale Jugendliche, wandelten sich später aber zu radikalen Islamisten, die mit verheerenden Anschlägen Hunderte Menschen in Deutschland töten wollten? Darüber können die Gutachter im Prozess vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht nur spekulieren, wie am Dienstag deutlich wurde.

Das liegt wohl vor allem daran, dass drei der Angeklagten sich weigerten, den Experten einen Einblick in ihr Seelenleben zu gewähren. Auch die Familienangehörigen wollten nicht aussagen. Die Erklärungsversuche beginnen trotzdem dort, wo sie meistens anfangen: in der Familie.

Traumatisch muss für den seinerzeit elfjährigen Daniel Schneider die Trennung der Eltern gewesen sein, die sich dann noch Jahre um Vermögen und Sorgerecht bekriegten. "Untadelig" sei Schneider als Schüler gewesen, Messdiener in der Kirche. Mit der Zerrüttung der Familie begannen seine Probleme in der Schule, Keilereien auf offener Straße, erfolglose Bewerbung bei der Bundeswehr. "Der schönste Tag in meinem Leben", sagte der 24 Jahre alte Schneider später, sei die Konversion zum Islam gewesen.

"Ich halte Schneider für einen eher braven Menschen", erklärte der Psychologe Norbert Schalast. Dabei muss sich Schneider als einziger der vier Angeklagten auch wegen versuchten Mordes verantworten. Er hatte bei der Festnahme im Sauerland versucht, einem Polizisten die Waffe zu entreißen. Schalast beschreibt Schneider, der als Jugendlicher schon Schopenhauer lesen musste, als einen tiefgründigen Mann, "der primär sicher kein gewalttätiger Mensch ist".

Schneider hatte in seinem Geständnis auch tiefe Reue gezeigt. Seine Jugend entbindet ihn nach Ansicht Schalasts aber nicht von der Verantwortung. "Wohlüberlegte und langfristig vorbereitete Sprengstoffanschläge sind sicher keine Jugendverfehlung."

Eine ganz andere Persönlichkeit sei der Deutschtürke Adem Yilmaz (31). Er fiel im Prozess immer wieder durch Flegelhaftigkeit auf. Anfangs weigerte er sich aufzustehen, wenn der Senat den Saal betrat. Kürzlich geriet er mit einem Justizbeamten aneinander und beschimpfte ihn unflätig: "Mach hier nicht den Dicken, du Fettsack." Er schwärmt für Waffen und den bewaffneten "Heiligen Krieg" (Dschihad), wobei der Psychiater Dieter Seifert gewisse "Größenfantasien" ausmacht. So stammt von Yilmaz der Satz: "Deutschland sucht den Super- Terroristen."

Hinzu kommt die Autoritätsproblematik: Bei Yilmaz, Sohn einer ostanatolischen Einwandererfamilie, vermuten die Psychiater einen typischen Vaterkonflikt. Die Söhne in zweiter Generation sähen ihre Väter als unterwürfig und angepasst an. Im Islam fänden sie dann Leitfiguren, um im radikalen Kampf den Vaterkonflikt zu bewältigen.

Der "schillerndste" und widersprüchlichste Angeklagte aber ist für die Gutachter der Anführer des Quartetts, Fritz Gelowicz. Er lässt am wenigsten in sein Innenleben schauen. "Narzissmus" und einen Hang zur Großspurigkeit macht der Psychiater Norbert Leygraf bei dem Kind aus einer Scheidungsfamilie aus. Gelowicz, der am Gymnasium scheiterte, später aber doch studierte, scheine sich in seiner Anführer-Rolle zu gefallen, sei auf "Außenwirkung" bedacht und dabei erstaunlich wenig emotional. Wie auch sein Bruder konvertierte er zum Islam. Als sehr religiös wird Gelowicz allerdings nicht eingeschätzt. "Es bleibt der Eindruck, dass er sich immer noch ein Hintertürchen aufhält."

Dorothea Hülsmeier/DPA / DPA