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Softwarepionier John McAfee: Vom Virenjäger zum Gejagten

Millionär, Exzentriker, Schlitzohr: John McAfee, Entwickler der gleichnamigen Antivirensoftware, führte ein skurriles Leben zwischen Genie und Wahnsinn. Nun wurde er wegen Mordverdachts festgenommen.

Von Christoph Fröhlich

Es war eine skurrile Flucht durch den Dschungel Mittelamerikas, und die ganze Welt schaute gebannt zu: Drei Wochen versuchte der in Belize unter Mordverdacht stehende Softwarepionier John McAfee den Behörden zu entkommen, jetzt wurde er in Guatemala festgenommen. Immer wieder beteuerte der Erfinder des gleichnamigen Antivirenprogramms auf seinem Blog seine Unschuld und sprach mit Medien wie "Wired" oder dem Fernsehsender BBC. Er sei das Opfer einer Verschwörung, behauptete der Flüchtige gebetsmühlenartig, er werde gejagt vom angeblich korrupten Regime des Inselstaats, weil er der Regierung Spenden verweigere. Das Mordopfer - McAfees Nachbar - interessierte niemanden. Alle Aufmerksamkeit bekam der vermeintliche Täter.

McAfee soll laut Polizeiangaben nach Belize ausgeliefert werden, wo er wegen des Mordes am Bauunternehmer Gregory Faull vernommen werden soll. Viele Gerüchte ranken sich um den Mordfall: McAfee und Faull hätten sich heftig gestritten, heißt es, außerdem gehöre die Mordwaffe dem IT-Millionär. Manche behaupten, McAfee sei drogenabhängig und ein exzentrischer Lügner geworden. Und Affären mit sehr jungen Frauen habe der 67-jährige auch noch unterhalten. Doch wie konnte der einst angesehene Softwarepionier so tief fallen?

Der große Erfolg

Geboren wurde John McAfee 1945 in Großbritannien, aufgewachsen ist er in Salem im US-Bundesstaat Virginia. Schon als Jugendlicher wusste er, wie er bekommt, was er wollte: Er verdiente sich ein nettes Taschengeld, indem er ahnungslosen Nachbarn an der Türschwelle Zeitungsabos aufschwatzte. Um das Vertrauen der Leute zu erschleichen, behauptete er einfach, das Abonnement sei gratis - und holte sich die Kosten später über eine frei erfundene Versand- und Bearbeitungsgebühr wieder herein.

Mit 22 Jahren beendete er sein Bachelor-Studium in Mathematik am Roanoke College. Ein Jahr später fing McAfee als Programmierer bei der US-Weltraumbehörde Nasa an, über Umwege landete er als Softwareberater beim Luft- und Raumfahrtunternehmen Lockheed. Dort kam er auch mit dem ersten Computervirus der Geschichte in Kontakt, dem sogenannten "Pakistani Brain". Fortan machte er es sich zur Aufgabe, digitale Bedrohungen zu bekämpfen.

1987 gründete er die nach ihm benannte Firma McAfee Associates, die Antivirensoftware entwickelte. Statt die Softwarepakete wie bis dahin üblich zu einem festen Preis zu verkaufen, entschied sich McAfee für das Shareware-Modell, bei dem das Programm vor dem Kauf ausprobiert werden kann und erst nach dem Testzeitraum kostenpflichtig registriert werden muss. Es war ein gigantischer Erfolg, 1992 sollen 300 der 500 größten US-Unternehmen die teuren McAfee-Lizenzen erworben haben.

Genie und Schlitzohr

Seine Verschlagenheit aus Jugendzeiten hatte McAfee nie abgelegt: Für den Entwickler eines Virenschutzprogramms lief das Geschäft umso besser, je bedrohlicher die digitale Welt wirkte. McAfee setzte alles daran, damit die Kasse klingelte: Vor 20 Jahren behauptete er, ein Virus namens Michelangelo bedrohe bis zu fünf Millionen PCs. Viele Nutzer verfielen in Panik, McAfee wurde in diesem Jahr rund sieben Millionen Softwarepakete los. Am Ende erwies sich die Behauptung als heiße Luft: Nur wenige Tausend Computer infizierten sich mit der Schadsoftware, die nicht bedrohlicher war als viele andere.

1994 ging das Unternehmen an die Börse, zwei Jahre später verkaufte McAfee seine letzten Anteile. Er wählte einen guten Zeitpunkt, laut "New York Times" machte er ein Vermögen von 100 Millionen Dollar. Doch das Leben nach den Jahren im Silicon Valley wurde langweilig, McAfee suchte sich extravagante Hobbys: Erst beschäftigte er sich mit Yoga, gab Seminare auf der ganzen Welt und schrieb sogar ein Buch zum Thema. Ein riesiges, 900 Quadratmeter umfassendes Haus für sich und seine Yoga-Anhänger baute er auch noch.

Bald war ihm Yoga zu anstrengend, McAfee entdeckte "Aerotrekking" als neues Hobby, eine Sportart, bei der man mit einem Leichtflugzeug einige Meter über dem Boden gleitet. Um seinen Zeitvertreib vollends ausleben zu können, kaufte sich McAfee mehrere Grundstücke und baute acht Flughäfen in New Mexico und Arizona. Insgesamt verpulverte der Exzentriker mehr als elf Millionen Dollar für sein extravagantes Hobby. Außerdem kaufte er zwei Gästehäuser, ein Kino samt Café und einen ganzen Fuhrpark von Oldtimern. Allein die Autoflotte, angeschafft zur Belustigung seiner Gäste, soll einen Wert von 400.000 US-Dollar haben.

Reise ins Paradies

"Geld macht wirklich merkwürdige Dinge. Es verleiht das Gefühl, allmächtig zu sein", erklärte er dem "Wall Street Journal" im Jahr 2007. Doch bald war es vorbei mit dem Reichtum. Die Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 verdampfte sein Vermögen auf knapp vier Millionen Dollar. McAfee sagte den USA Lebewohl und machte sich auf den Weg in die Karibik. Sein Ziel: eine kleine Insel im Westen von Belize. Warum sich der IT-Millionär nach Lateinamerika absetzte, ist bis heute unklar.

Einige vermuten, dass McAfee juristische Streitigkeiten in den USA umgehen wollte, seit sein Neffe beim Aerotrekking gemeinsam mit einem Passagier tödlich verunglückt war und eine Klage der Hinterbliebenen des Passagiers droht. Andere behaupten, er sei nach Belize ausgewandert, um Drogen zu konsumieren: Jeff Wise von der Technikwebseite "Gizmodo" schreibt, McAfee sei seit einigen Monaten abhängig von der Designerdroge MDPV, auch bekannt als Badesalz. In den USA ist die Droge verboten, in Belize dürfen die Substanzen aber noch frei verkauft werden.

McAfee selbst sagt, dass er sich auf der Tropeninsel wieder dem Yoga und seiner neuen Firma Quorumrex widmen wolle, die sich mit der Entwicklung neuer Antibiotika beschäftigt.

Der Hackerfeind Nummer eins

Gegenüber dem "Mensa Bulletin", der Zeitschrift des Mensa-Vereins für Menschen mit hohem Intelligenzquotienten, sagte McAfee einmal, er sei als Entwickler der ersten kommerziellen Antivirensoftware eines der beliebtesten Ziele von Hackern gewesen. Unter Cyberkriminellen wäre es ein Ehrenabzeichen gewesen, wenn sie seinen Computer geknackt hätten. Um das zu verhindern, setzte er auf verschiedene Pseudonyme und wechselte mehrmals am Tag seine IP-Adresse. Später bekam er sogar die Ehrendoktorwürde des Roanoke College verliehen.

Viel übrig geblieben ist von der einstigen Computerlegende nicht mehr: Mit tätowiertem Oberkörper, Spitzbart, Sonnenbrille und blondierten Haaren posierte McAfee kürzlich für das Technikmagazin "Wired". In der Hand hält er eine seiner sieben Pumpguns, zuhause lagerte er zwei Pistolen vom Kaliber 9mm. Jenem Typ, mit dem Gregory Faull in seinem eigenen Haus getötet wurde. Einbruchspuren hätte es keine gegeben, sagt die örtliche Polizei, das Opfer habe den Täter offenbar gekannt. Beweise gibt es bislang keine. McAfee dürfte in den nächsten Tagen verhört werden, er beteuert weiterhin seine Unschuld. "Warum hätte ich die Leiche und all die Spuren hinterlassen sollen?", fragte er. "Ich bin nicht doof."

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