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Mysteriöser Kriminalfall: Das Rätsel der Armbrust-Toten - wie eine Schülerin in den Bann von Torsten W. geriet

Drei Tote in Bayern, zwei in Niedersachsen. Einer der Tatorte mutet an wie aus einem Horrorfilm. Der stern hat sich auf Spurensuche in diesem rätselhaften Kriminalfall begeben.


Carina im Alter von 15 Jahren auf einer Klassenfahrt im Berliner Tiergarten

Das Haus in der kleinen Gemeinde Borod im im Westerwald wirkt verlassen. Die Namensschilder an den Briefkästen sind abgerissen, vor dem Haus stehen die Fahrzeuge der Bewohner, darunter ein nagelneues Quad und ein Anhänger, frisch lackiert, mit der Aufschrift "Team Hawk". 

Team Hawk gibt es nicht mehr. Der Mann, der sich den Beinamen "Falke" gab und die jungen Frauen, die mit ihm in diesem Haus wohnten, sind tot. Torsten W., Kerstin E. und Farina C. starben 600 Kilometer entfernt in einer Pension im bayerischen Passau. Gudrun C. und Carina U. wurden im 400 Kilometer entfernten Wittingen in Niedersachsen gefunden.

Fünf Tote, doch kaum ein aktueller Kriminalfall erscheint so rätselhaft wie dieser. "Es schwirren tausend Mutmaßungen durch die Luft", sagt der Passauer Oberstaatsanwalt Walter Feiler. Kein Wunder, schließlich erinnerte der Tatort in Passau an eine Inszenierung aus einem Horrorfilm. Ein Zimmermädchen fand Torsten W. auf dem Bett des Dreibettzimmers liegend, mit Pfeilen in der Brust und im Schädel, neben ihm die zwanzig Jahre jüngere Kerstin E., ebenfalls von Pfeilen aus einer Armbrust durchbohrt, vor ihnen auf dem Fußboden Farina C., getötet von einem Pfeil in Hals und Wirbelsäule. Es spreche "alles dafür, dass das ein Geschehen zwischen den drei Personen war", so der Staatsanwalt. Mit Farina C. als mutmaßlicher Schützin, die sich anschließend selbst das Leben nahm.

Dieses Foto von Carina U. stammt von der Facebook-Seite des Mittelalter-Vereins von Torsten W.

Dieses Foto von Carina U. stammt von der Facebook-Seite des Mittelalter-Vereins von Torsten W.

War es eine Verabredung zum Sterben?

Die Obduktion ergab keine Abwehrverletzungen bei dem Paar, es hielt sich an der Hand. Als die Polizei der Lehrerin Gertrud C., die mit Farina C. verheiratet war, die Todesnachricht überbringen wollte, fand sie zwei weitere Leichen, Gertrud C. und Carina U. Die Todesursache ist bislang nicht bekannt, es gebe keine äußeren Verletzungen, so die Polizei. Eine Verabredung zum Sterben, ein Tod in gegenseitigem Einvernehmen? 

Obwohl die Szenerie in Passau bis ins Detail vorbereitet wirkte - bei den Toten lagen Testamente - fehlt bisher jeder Hinweis auf ein Motiv. Ein Gutachter soll nun herausfinden, ob es möglich ist, sich selbst mit einer Armbrust zu erschießen. Die Ermittler wollen sicher gehen, dass sich kein "Sechster oder Siebter" hinter der Tat verbirgt, der kollektive Freitod also womöglich ein geschickt inszenierter Mord war. Das ist nach momentanem Stand eher unwahrscheinlich. Voraussichtlich in zwei Wochen will die Polizei in Passau ihren Bericht vorlegen. Sollte es keine Belege für überlebende Mittäter geben, werden die Fälle wohl als Suizide und "Tötung auf Verlangen" zu den Akten gelegt, der Fall wäre abgeschlossen. 

Die Gymnasiastin Carina U. ist das jüngste Opfer im Armbrust-Fall

Bitter insbesondere für die Angehörigen, wenn sich nicht klären ließe: Wurde einer unter Druck gesetzt, womöglich sogar in den Tod getrieben? Das fragen die Eltern des jüngsten Opfers, Carina U., Gymnasiastin, 19 Jahre alt. Die Eltern, ein Physiker-Ehepaar aus dem Westerwald, sehen Torsten W. als Schlüsselfigur des Dramas, auch wenn er am Ende das Töten anderen überließ. Er habe schon seit drei Jahren massiven Einfluss auf ihre Tochter gehabt (hierzu finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins stern ein Interview) und sie ihnen entfremdet.

Torsten W. kann sich nicht mehr zu den Vorwürfen äußern. Aber Unterlagen, die dem stern vorliegen, belegen, dass die Eltern einen jahrelangen Kampf gegen Torsten W. führten. Gegen einen Mann von 53 Jahren, dem es gelang, intelligente junge Frauen anzulocken und wie Sklavinnen zu behandeln. 

Der stämmige Torsten W. besaß viele Visitenkarten. Er war Pferdezüchter,  hatte im Jahr 2000 eine kleine Hobbyzucht bei Koblenz gegründet, "die heute zu einer der renommiertesten Pferdezuchten" zähle, so schrieb er auf seiner Homepage. Das scheint übertrieben.

Tatsächlich aber hielten er und seine Ehefrau (die nicht unter den Toten war) zwei wertvolle Zuchthengste, die Turniere gewannen. Torsten W. gab Reitunterricht und Selbstfindungskurse in seiner "Akademie für pferdegestützte Persönlichkeitsentwicklung". Wahlweise gab er sich als Psychologe oder Tierpsychologe aus. Beides war er Recherchen des stern zufolge nicht.

Dieses Foto Carina U. als Teenager auf einer Klassenfahrt im Berliner Tiergarten

Dieses Foto zeigt Carina U. als Teenager auf einer Klassenfahrt im Berliner Tiergarten, bevor sie in den Bann von Torsten W. geriet

Erster Kontakt über den Kampfsportclub

Torsten W. ist offenbar gelernter Tischler und wurde in Gronau geboren. Er zahlte ausschließlich in bar. Woher er das Geld hatte, ist unklar.  Im Städtchen Hachenburg, zehn Kilometer entfernt von seinem Haus in Borod, betrieb Torsten W. seit Jahren einen Kampfsportclub, den "Scorpion MMA & Muay Thai". Zu seinem Bekanntenkreis gehörte auch Philipp W., Lehrer an einem privaten Gymnasium. Eine seiner Schülerinnen war Carina U. Auf seine Empfehlung hin begann sie Anfang 2016 ein Probetraining bei Torsten W.  Sie hatte Spaß am Kampfsport, schwärmte ihren Eltern vom Charisma des Trainers vor. 

Eine andere ehemalige Schülerin, die einen der Trainingskurse im Jahr 2000 bei Torsten W. belegt hatte, berichtete in der "Rhein-Zeitung", Torsten W. habe schon damals Mädchen gefragt, ob sie bereits sexuell aktiv seien. Einmal habe er sich beim Training, als sie allein waren, auf sie gelegt. Sie kündigte. Die Schülerin schildert das System von "Hawk" so: "Der Verein war zweigliedrig organisiert. Vorne im Raum fand das normale Training statt. Ab und zu hat Torsten W. schwächere, labilere Persönlichkeiten zu einem besonderen Training ins Hinterzimmer eingeladen." 

Schülerin veränderte sich binnen weniger Monate drastisch

Ihre Tochter sei ein selbstbewusstes Mädchen gewesen, stellen die Eltern von Carina klar. Doch unter dem Einfluss von Torsten W. beobachteten sie, wie sie sich binnen weniger Monate dramatisch veränderte. Carina zog sich von ihrer Familie zurück, brach mit ihrem Freund, Ende Juni zog sie auf eigenen Wunsch in eine Jugendhilfeeinrichtung, später beschuldigte sie ihre Eltern, sie zu misshandeln. 

Die Eltern hatten Torsten W. im Verdacht, ihre Tochter zu manipulieren. Sie erstatteten Anzeige wegen Betrugs gegen den Trainer. Sie vermuteten eine Sekte hinter dem Verein, sie schalteten Carinas Schule ein, verlangten Aufklärung, denn Philipp W. hatte als Lateinlehrer ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Carina. 

Lehrer Philipp W. nahm sich im Juli 2016 das Leben. Kurz vor seinem Tod kursierte eine E-Mail, überschrieben mit "Mein letzter Wille", mit einer bitteren Anklage gegen die Schule und gegen Carinas Eltern, denen der Absender Verleumdung vorwarf. 

In der aufgeladenen Atmosphäre nach dem Tod des Lehrers beantragte Carina Ende August 2016 beim Jugendamt, ihren Eltern das Sorgerecht zu entziehen. Begleitet wurde sie bei dem Termin von Farina C., eine der Frauen aus dem nahen Zirkel um Torsten W. 

Unter den vier Frauen, die ihm nun bis in den Tod folgten, spielte Farina C. eine besondere Rolle. Sie war erfolgreich im Beruf, schloss ihre Ausbildung zur Verkaufsleiterin mit Auszeichnung ab. Sie war seine "Privatsekretärin" und offenbar die perfekte Grenzgängerin zwischen den Welten. Farina C.  beantragte das Sorgerecht für Carina, wogegen sich Carinas Eltern wehrten. Mit Erfolg. 

Torsten W. mit schwarzer Kutte auf seinem Pferd. Das Bild stammt von der Facebookseite des Mittelaltervereins.

Torsten W. mit schwarzer Kutte auf seinem Pferd. Das Bild stammt von der Facebookseite des Mittelaltervereins.

Eltern beauftragten einen Detektiv

Sie schalteten einen Detektiv ein, um herauszufinden, wer ihre Tochter beeinflusste. Rolf Will, 52, der eine Wirtschaftsdetektei in Koblenz betreibt, observierte die Gymnasiastin über Monate hinweg. Er fand heraus, dass sie in der Jugendhilfeeinrichtung, knapp 60 Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt, ein Einzelzimmer bewohnte und sich komplett zurückgezogen hatte. "Sie sprach mit niemandem, auch nicht mit den anderen Kindern dort." 

An ihrem 18. Geburtstag zog sie aus, mit tief gesenktem Kopf, das Gesicht hinter Haaren versteckt, eine Betreuerin fuhr sie zum Bahnhof, der Detektiv folgte. Dort wartete Torsten W. in einem schwarzen Audi auf sie. Carina wirkte auf einmal fröhlich. 

Danach war Carina über Wochen verschwunden. Am 23. April vorigen Jahres entdeckte der Detektiv sie in Borod, in dem Haus in der Wiesenstraße. Sie kehrte die Rinnen im Hof des Hauses von Torsten W. Während ihre Mitbewohnerinnen mit dem Hund spazieren gingen, "war mein Eindruck, dass Carina das Haus nicht verlassen durfte", sagt Will. 

Blass mit leerem Blick

Am 18. Dezember vergangenen Jahres öffnete sie die Tür, als der Detektiv klingelte, ihre Mitbewohnerinnen hatten gerade das Haus verlassen. Er gab sich als Paketbote aus. In Erinnerung ist ihm vor allem ihre Blässe. Und ihr leerer Blick.  Carina "suchte keine Hilfe", sagt er. Sie hätte fliehen können, aber ihr fehlte offenbar die Kraft oder sie wollte es auch gar nicht. Will sagt: "Sie war wie eingemauert."

Carina U. wird an diesem Donnerstag beerdigt. Die Eltern bitten von Trauerkleidung abzusehen. Denn auch der Zirkel um Torsten W. trug nur schwarz, und zumindest an diesem Tag soll nichts an Torsten W. erinnern. Für die Traueranzeige wählten die Eltern das Zitat: "Denn es geschehen Dinge, die wir nicht begreifen können, wir stehen machtlos und stumm daneben."

Ein ausführliches Interview mit den Eltern von Carina U. lesen Sie im aktuellen stern

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Zu jeder Lebenslage und rund um die Uhr bietet die Telefonseelsorge anonym und kostenlos ein offenes Ohr und Beratung unter Telefon: (0800) 1110111 und (0800) 1110222. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Mitarbeit: Anette Lache, Rainer-Josef Burkhard

Von:

Ingrid Eißele und