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Ein Trauma für Belgien Mädchen entführt, vergewaltigt, gefoltert: Marc Dutroux sitzt seit 25 Jahren im Gefängnis

Ein bieder wirkender Mann mit schwarzem Seitenscheitel und silberner Brille sitzt mit Händen vor dem Mund vor Gericht
Sexualstraftäter und Kindermörder Marc Dutroux sitzt am 17. Juni 2004 vor der Urteilsverlesung der Geschworenen im Gericht in Arlon, Belgien
© Michel Krakowski/Belga Pool/epa / DPA
Er zerrte seine Opfer in einen weißen Van, sperrte sie in ein Kellerverlies, wo einige der Mädchen verhungerten. Der Pädokriminelle Marc Dutroux ist ein Trauma für Belgien – selbst 25 Jahre nach seiner Festnahme noch.

In Charleroi, außerhalb von Brüssel, steht ein Haus ohne eine Tür. Das Haus des Mannes, dessen Name ein Synonym für Grausamkeit ist: Marc Dutroux. Der Eingang ist verbarrikadiert und die Fassade mit einem großen Bild verkleidet. Zu sehen ist ein Kind vor einem himmelblauen Hintergrund, das einen Drachen in die Luft steigen lässt.

Der heute 64-jährige Dutroux entführte, vergewaltigte, folterte und tötete in den 90er Jahren mehrere Mädchen in Belgien. Zwei Mädchen verhungerten in einem Kellerverlies in diesem Haus. Am 13. August vor 25 Jahren konnte die Polizei Dutroux fassen. Nach acht Jahren fiel das Urteil: lebenslange Haft.

Marc Dutroux bleibt ein Mahnmal

Vergessen hat Belgien Dutroux auch nach einem Vierteljahrhundert nicht. Die Person Dutroux bleibt ein Mahnmal. Wie auch das Haus mit der himmelblauen Fassade in Charleroi. Es ist ein Stück Farbe in einer trostlosen Gegend. Gleise liegen direkt vor der Tür, Autos rasen an der angrenzenden Schnellstraße auf der Überführung. Es ist durchweg laut. Unter der Brücke spielen kleine Jungs Fußball. Ihre Rufe und das Aufprallen des Balles gesellen sich zum Verkehrslärm. Eine Gedenktafel gegenüber vom Haus erinnert an die Opfer von Pädokriminellen, also an Kinder, die Opfer von Verbrechern wurden. Nach Angaben eines Stadtsprechers soll das Haus bis 2023 abgerissen und ein Gedenkgarten erbaut werden.

Zu den Opfern zählen zum Beispiel die beiden Mädchen Melissa Russo und Julie Lejeune. Beide wurden achtjährig im Juni 1995 entführt, in dem von Dutroux gebauten Verlies festgehalten und sexuell missbraucht. Damaliger Berichterstattung zufolge soll das Verlies rund zwei Meter lang und etwa ein Meter breit gewesen sein. Die Mädchen verhungerten, während Dutroux wegen Autodiebstählen für drei Monate im Gefängnis saß.

Zwei Mädchen entkamen dem Verlies

Zwei weitere Opfer, Eefje Lambrecks (19) und An Marchal (17), starben im Jahr 1995, nachdem Dutroux und Komplizen sie entführt, missbraucht und gefoltert hatten. Knapp ein Jahr später im Mai 1996 entführte Dutroux die damals 12-jährige Sabine Dardenne und im August die 14-jährige Laetitia Delhez und steckte sie in sein Verlies. Aufgrund von Zeugenaussagen konnte er dann gefasst werden. Die zwei Mädchen kamen frei. Sabine hatte zu dem Zeitpunkt mehr als 70 Tage und Laetitia etwa eine Woche im Verlies verbracht.

Besonders schockierend war der Fall, weil der fünffache Familienvater Dutroux und seine Lebensgefährtin, Michelle Martin, bereits in den 80er Jahren wegen der Entführung und des Missbrauchs von fünf Mädchen verurteilt worden waren. Er sollte eigentlich 13 Jahre absitzen – kam aber nur sechs Jahre nach seiner Verhaftung wegen guter Führung wieder frei.

300.000 Menschen demonstrierten in Brüssel

Nach der endgültigen Festnahme am 13. August 1996 rollte eine Welle der Empörung über Belgien. Etwa 300.000 Menschen demonstrierten damals in Brüssel beim sogenannten Weißen Marsch unter anderem gegen sexuelle Gewalt an Kindern und die Justiz. Als Auslöser sahen viele vor allem die Absetzung des Untersuchungsrichters Jean-Marc Connerotte vom Fall Dutroux. Der Richter hatte an einem Benefiz-Essen für die Opfer von Dutroux teilgenommen, daher warf man ihm Befangenheit vor. Connerotte hatte sich für ein striktes Durchgreifen gegen Pädokriminelle ausgesprochen.

Zudem beteuerte Dutroux, er habe im Auftrag eines Pädophilennetzwerkes mit bedeutenden Persönlichkeiten gehandelt. Diese Aussagen bestätigten sich zwar nie, für viele Menschen wurde der Fall Dutroux aber dennoch zu einem Inbegriff für das Versagen der Justiz und der Polizei. Er gilt auch als einer der Gründe für die Polizeireform in Belgien Mitte der 90er Jahre.

Dutroux' Anwalt kämpft für dessen Freilassung

Darf ein Mann wie Dutroux also noch einmal auf freien Fuß kommen? Damals bekam er die lebenslängliche Haftstrafe. Sein Anwalt Bruno Dayez jedoch kämpft seit ein paar Jahren für die Entlassung. 2018 veröffentlichte er sogar ein Buch darüber. 2020 bestätigte ein psychologisches Gutachten dann, dass Dutroux nach wie vor eine Bedrohung sei und nicht frühzeitig entlassen werden könne. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur teilte Dayez jetzt mit, dass er nicht aufgeben werde, derzeit sei "die Frucht" allerdings noch "nicht reif".

Sofia Mahjoub von Child Focus, eine Stiftung für sexuell missbrauchte und vermisste Kinder, ist sich sicher: Eine frühzeitige Entlassung des "Staatsfeindes" würde die belgische Gesellschaft nie akzeptieren. "Jeder kennt seinen Namen, jeder kennt seine Taten", erklärt Mahjoub. Dutroux habe Belgien verändert, gekennzeichnet und traumatisiert. Child Focus wurde in den 90ern unter anderem von dem Vater eines Opfers gegründet.

Angst steckt Belgiens Eltern in den Knochen

Dutroux entführte eines seiner Opfer auf offener Straße und zerrte es in einen weißen Van. Noch immer riefen besorgte Eltern die Stiftung an, wenn sie einen weißen Van auf der Straße sehen. Die Angst stecke noch in den Knochen. In vielen Bussen in Brüssel hängt das grünblaue Werbebild von Child Focus.

Doch auch wenn es gelegentlich zu Entführungen von Kindern komme, ist es Mahjoub zufolge "unmöglich", dass ein zweiter Dutroux das Land erschüttere: weil das Bewusstsein der Bevölkerung gestärkt sei und gleichzeitig die Polizeiarbeit besser ablaufe. "Belgien ist heute ein sicheres Land", sagt Mahjoub.

Eventuell auch weil Dutroux weiter im Gefängnis sitzt. Seinem Anwalt zufolge büßt er seine Strafe in Einzelhaft ab: 25 Jahre alleine in einer neun Quadratmeter großen Zelle. Fast wie ein Verlies.

tkr/Esra Ayari DPA

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