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Die Spur der Drogen: Der Polizist

Lörrach, Deutschland

Polizist Valentin persicke

Polizist Valentin Persicke aus Lörrach stellt kurz vor seiner Pensionierung ernüchtert fest: "Wenn ich mir die Sache so anschaue, kann ich sagen, dass ich hier gescheitert bin"

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Teil 2

An einem Donnerstag im Oktober beugt sich Valentin Persicke in einem etwas zu leeren Büro in Süddeutschland fluchend über eine Europakarte. Persicke, 61, ist Chef der Kriminalpolizei in Lörrach und wenn es um die Albaner geht, fängt sein weißer Schnurrbart bedrohlich an zu zittern. Nicht, dass Persicke die ganze Sache noch sonderlich interessieren müsste, draußen im Hof bauen sie gerade ein Zelt für seine Verabschiedung auf. Doch Persicke blickt am letzten Tag seiner Karriere verbissen aus dem Fenster und sagt: "Wenn ich mir die Sache so anschaue, kann ich sagen, dass ich hier gescheitert bin."

Der Landkreis Lörrach ist ein Idyll, gesäumt von Weinbergen, von denen man einen wunderbaren Blick auf die Schweizer Alpen hat. Die Gegend ist für seine Milka-Schokolade berühmt. Und für seine Drogen.

Denn mitten in Persickes Revier liegt einer der wichtigsten Umschlagplätze für den europäischen Drogenhandel: das Dreiländereck. Hier, wo drei Staatsgrenzen zu einer Metropolregion verschwimmen, geht viel von der Schmuggelware durch, die danach ihren Weg in die Großstädte Westeuropas findet. Die Drogen kommen aus unterschiedlichen Winkeln der Welt. Kokain wird vor allem über den Seeweg aus Südamerika nach Europa geschmuggelt, in Containern versteckt landet es in den großen Häfen. Das Heroin gelangt auf dem Landweg nach Europa, aus Afghanistan über die Türkei und dann vor allem über die Balkanroute Richtung Westen. Bei Persicke ist einer der Knotenpunkte für den Stoff, der aus dem Süden Europas in den Norden muss.

"Die lachen sich doch tot über uns Hanseln"

"Deshalb sind die Albaner hier, für die ist hier das reinste Schlaraffenland", sagt Persicke. Vor ein paar Jahren war er an einer der größten Aktionen gegen die albanische Drogenkriminalität überhaupt beteiligt. Unterstützt durch Europol ermittelten Polizisten aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz über ein Jahr hinweg gegen ein großes albanisches Heroinkartell, das von Lörrach aus operierte. Sie hörten Handys ab, bauten V-Leute auf und beschatteten die Albaner, permanent. Am Ende stürmten 450 Beamte Restaurants, Kneipen und Wohnungen in drei Ländern und vollstreckten etwa 100 Haftbefehle – sogar das SEK war im Einsatz.

Doch vier Wochen später war alles wieder wie vorher. "Das hat die Clanchefs in Albanien gar nicht gejuckt, die haben einfach neue Leute geschickt", sagt Persicke.

Das ist das Neue, das Persicke am Ende seiner Laufbahn die Wut ins Gesicht treibt: Er hat es mit einem Gegner zu tun, den man mit den normalen Mitteln der Polizei nicht mehr bezwingen kann. Es ist wie in einer der Sagen, die Persicke seinem Enkel vorliest: Schlägt der Held dem Monster den Kopf ab, wächst ein neuer nach.

Das Einzige, was nach Persickes Meinung gegen die Albaner helfen könnte, wäre ein europäisches Team aus Ermittlern, das permanent gemeinsam gegen die Albaner vorgeht. Denn die arbeiten professioneller als alles, was Persicke in seiner langen Laufbahn gesehen hat: brutal, effektiv und unglaublich verschwiegen. In Lörrach auf der Wache gibt es deshalb diesen Spruch: Türken kriegst du über die Eitelkeit, Russen mit der Familie, aber Albaner, die werden stumm geboren.

LKA-Fahnder Oliver Erdmann im Interview:


Dazu kommt das effektive Netzwerk von Exilalbanern, das der Mafia Kontakte in ganz Europa beschert, auf die sie sich bis in den Tod verlassen können. "Das sind keine herkömmlichen Schlägertruppen, sondern Verbände mit brutaler Organisation und strammer Hierarchie", sagt Persicke, als er sich etwas später auf den Weg nach Friedlingen macht. Ins "Frontgebiet", wie sie in Lörrach sagen.

Der Problembezirk an der französischschweizerischen Grenze zeigt viel von den Problemen, mit denen sich die Polizei im Kampf gegen die albanischen Kartelle herumschlagen muss. Schwierigkeiten machen ihr vor allem die durchlässigen Grenzen. Für die deutsche Polizei endet das Zugriffsrecht mit dem Staatsgebiet. "Die lachen sich doch tot über uns Hanseln, die artig an der Grenze warten", sagt Persicke während sich das Auto an Dönerbuden vorbeischiebt.

Hier im Viertel begann der Aufstieg der Albaner. Los ging es vor etwa sieben Jahren. Zu dieser Zeit waren den Ermittlern immer mehr junge, albanische Männer aufgefallen, die in den Wettbüros und Spielhallen in Friedlingen herumhingen, aber kein Wort Deutsch sprachen. Meistens verhielten sie sich unauffällig, tranken wenig Alkohol und wurden auch nie mit Drogen erwischt.

"Wir haben am Anfang gar nicht geschnallt, wie schnell die das Geschäft übernommen haben, das lief alles wie am Reißbrett", sagt Persicke. Über einen V-Mann im Milieu bekamen er und seine Leute heraus, wie die Kartelle vorgehen. Zunächst sind da die Manager – Vertraute vom Clan, die im jeweiligen Land das Sagen haben und direkt mit den Bossen in der Heimat telefonieren. Dann kommen die Vorarbeiter, die sich um das Geld und die Ware im Land kümmern. Die Vorarbeiter befehligen zudem die sogenannten Läufer, die Drogen von A nach B bringen. Sie sind die letzte Stufe im Geschäft und oft die Schwachstelle in Mafiaorganisationen.

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Verfolgung

Die Fahnder nehmen in der Nähe der italienischen Hafenstadt Brindisi die Fährte auf. Ein weißer Kleintransporter ist ihnen aufgefallen, er beschleunigt, sie liefern sich eine Verfolgungsjagd über italienische Fernstraßen.


Doch bei den Albanern ist das anders. Denn auch wenn die jungen Männer, die meist aus armen Familien aus dem albanischen Hinterland stammen, in den jeweiligen Einsatzländern oft in leeren Wohnungen auf fleckigen Matratzen hausen – loyal sind sie bis in den Tod. Denn die Kartelle bezahlen den Familien in der Heimat ein vernünftiges Auskommen und machen keinen Hehl daraus, wofür ihre Jungs eingesetzt wurden. Die Familien sind dabei das Faustpfand der Kartelle. Kein "Läufer" würde bei einer Verhaftung sprechen und damit das Leben seiner Verwandten in der Heimat in Gefahr bringen.

Bevor die Läufer allerdings überhaupt ins Ausland reisen dürfen, werden sie in das strikte Regelwerk der Clans eingewiesen: nur bestimmte Lokale, wenig Alkohol, keinen Ärger mit der Polizei. Die Disziplin ist der Schlüssel, sagt Persicke. "Die leben hier wie vorbildliche Ingenieure auf Montage, dann geht es zurück in die Heimat." Die Aufenthaltsgenehmigungen für Albaner im Schengen-Raum sind auf drei Monate begrenzt. Doch weil es in Albanien knapp 50 Euro kostet, seinen Namen zu ändern, sehe man die gleichen Nasen dann immer wieder. Gegen solche Typen brauche man mehr Man-Power, sagt Persicke. Oder im Musterländle habe man bald sizilianische Verhältnisse.

Natürlich weiß Persicke, dass sich der Drogenhandel nicht besiegen lässt. Doch er fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Es ist das alte Dilemma: Je mehr Polizisten nach Drogen suchen, umso mehr werden gefunden. Kein verlockendes Angebot für die meisten Innenminister, die sich damit ihre Kriminalstatistiken ruinieren könnten.

Hinzu kommt, dass die Ursache des Problems weit weg liegt: in Albanien. Das weiß auch Persicke. Vor zwei Jahren reiste einer seiner Leute nach Tirana, Albaniens Hauptstadt, um Nachforschungen über ein Heroinkartell anzustellen. Doch statt Hilfe von der Polizei fand der Kollege nur den Stoff den man auch in Lörrach bei den Albanern gefunden hatte: Paracetamol-Pulver. Es wurde säckeweise in kleinen Läden rund um Tirana verkauft. "Das Zeug hat keinen anderen Zweck als Heroin zu strecken und so etwas wird da im Supermarkt verkauft", sagt Persicke, als er später ein letztes Mal die Treppen zur Wache hinaufsteigt. Hinter ihm zerläuft die Abendsonne über den Weinbergen. Dann fällt mit einem Seufzen die Tür ins Schloss.

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Lesen Sie im dritten Teil der Reportage, wie ein albanischer Journalist sich an die Fersen eines Clanchefs heftet: "Je schwieriger man mich einschätzen kann, desto besser sind meine Überlebenschancen."

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