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Ehrenmord: "Jetzt ist sie fällig!"

Immer wieder hatte sie die Polizei gebeten, sie vor ihrem Ehemann zu schützen. Vergebens. Dann, am Tag ihrer Scheidung, griff der Iraker zum Messer und zündete die Fliehende an. Die junge Frau starb. Ihr Ex-Mann steht nun unter Mordanklage.

Von Rupp Doinet

Sazan Bajez-Abdullah hatte sich nach diesem Tag gesehnt. Am 25. Oktober 2006, 14 Uhr, sollte die 24-jährige Kurdin aus dem Irak im Münchner Familiengericht von Kazim Mahmud Raschid, 35, geschieden werden - dem Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, den sie nicht liebte, der sie immer wieder verprügelt hatte. Nicht einmal 30 Minuten dauerte die Verhandlung, dann war Sazan frei. "Sie freute sich wahnsinnig", sagt ihre Anwältin Eelke Müntinga. "Sie war glücklich." Drei Stunden später war Sazan Bajez- Abdullah tot.

Viel ist nicht los an jenem 25. Oktober im Café-Bistro "Kanapee" in der Maier-Leibnitz-Straße 4 in Garching. Ein paar Gäste sitzen bei Spezi oder Bier. Die Bedienung wartet darauf, abgelöst zu werden. Kurz nach 17 Uhr stürmt Kazim herein. "Jetzt ist sie fällig", hört die Kellnerin, bevor der Mann hektisch vor die Tür läuft. Nur ein paar Minuten danach taucht Sazan auf. Sie geht mit schnellen Schritten auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Café vorbei, das nur ein paar Häuserblocks von ihrer Wohnung entfernt liegt. Sie hat ihren fünfjährigen Sohn an der Hand. Die Kellnerin kennt Sazan und Kazim. Sie weiß von der Scheidung an diesem Nachmittag und davon, dass Kazim seine Frau schon öfter misshandelt hat. "Geh nicht weiter!", ruft sie ihr zu: "Der bringt dich um!" Sazan geht weiter. Sie habe ihn schon gesehen, ruft sie zurück und: "Hab keine Angst!"

"Da brennt alles"

Um 17.25 Uhr läutet in der Einsatzzentrale der Münchner Polizei das Notruftelefon. In der Maier-Leibnitz-Straße habe jemand eine Frau angezündet: "Da brennt alles." In den folgenden Minuten überstürzen sich die Anrufe. Ein 13-jähriger Junge meldet sich. Wie ein Radioreporter berichtet er vom Balkon seiner Wohnung aus dem Polizeibeamten, was er sieht. Dass da einer auf eine Frau eingestochen habe, dass er die Flüchtende mit Benzin übergossen habe und dass nun alles brennt. Dass die Frau wahrscheinlich tot und überall Blut sei. Dass Leute sich bemühten, die brennende Frau mit Decken zu löschen, und dass viele Leute da seien. Tatsächlich versuchen viele Passanten und Anwohner, die junge Frau zu retten. Aus den Fenstern und von den Balkonen der umliegenden Häuser werfen sie nasse Handtücher und mit Wasser gefüllte Plastikflaschen herab. Unten auf der Straße reißen sie sich Jacken und Pullover vom Leib, um die Flammen zu ersticken.

Michael Kronoq*, 33, ist mit dem Fahrrad unterwegs. Er hat gerade geduscht und sich nur nachlässig abgetrocknet. Er sieht eine junge Frau mit einem Kind an der Hand über die Straße laufen, die laut um Hilfe schreit, und einen Mann, der sie verfolgt. 200 Meter ist er entfernt und glaubt, es sei ein Spaß. Aber dann sieht er das Gesicht der Frau und ihre Angst, sieht, dass der Mann sie einholt, festhält, dass sie plötzlich brennt. Er wirft sein Fahrrad weg, rennt ihr entgegen, reißt sie zu Boden und wirft sich über sie, um die Flammen zu löschen. In diesem Augenblick gibt es eine Stichflamme, die auch ihn versengt. Zum Glück ist er noch feucht vom Duschen. Mit einem weiteren Mann versucht er, die Flammen zu ersticken. Nasse Tücher werden gebracht, ein Mann bringt einen Feuerlöscher. 15 Sekunden, schätzt Kronoq später, habe es gedauert, bis das Feuer gelöscht war. Noch heute verfolgen ihn die Hilferufe der Frau und der Anblick ihres brennenden Körpers in seinen Träumen.

"Ich hab das Richtige getan"

Der Sohn von Sazan und Kazim, muss mitansehen, wie seine Mutter auf offener Straße ermordet wird. Der Junge steht verloren unter den Passanten. Ein Mann nimmt ihn an der Hand und klingelt an irgendeiner Wohnungstür. Eine Frau lässt die beiden ein und kümmert sich um das Kind. Inzwischen lebt der Junge bei einer Pflegefamilie. Von seiner Wohnung aus, im fünften Stock eines benachbarten Hauses, hört der Kriminalbeamte Peter Sperber*, 46, von der Straße herauf Lärm. Er blickt aus dem Fenster, sieht einen Menschenauflauf, steckt Dienstmarke und Pistole ein und eilt nach unten. Da ist das Feuer bereits gelöscht. Eine Frau berichtet, was passiert ist, und zeigt auf Kazim, der sich gerade nach dem Messer bückt, das er weggeworfen hat. Sperber fordert ihn auf, die Waffe fallen zu lassen, und befiehlt ihm, sich an einen Laternenmast zu setzen. Dann kommen Feuerwehr und uniformierte Polizei. Zu dem Beamten, der ihm die Handschellen anlegt, sagt Kazim Mahmud Raschid: "Ich hab das Richtige getan."

Vor zehn Jahren kam Kazim nach Deutschland, ein unauffälliger Kurde aus Kala Diza im Nordosten des Iraks. Er beantragte Asyl, der Antrag wurde abgelehnt, er wurde "geduldet", hielt sich allerdings nicht an das Verbot, München nicht zu verlassen. Immer wieder pendelte er zwischen München und der Heimat. Wie er es immer wieder schaffte, durch die Grenzkontrollen zu kommen, das muss nun vor Gericht geklärt werden. In Kala Diza leben seine Eltern, seine acht Brüder und zwei Schwestern, die Familie sollte ihm eine Frau suchen. Sie fanden Sazan, die mit ihrer Familie nur ein paar Straßen weiter lebte. 1999 reiste Kazim wieder über die Türkei in den Irak, um sie sich anzusehen. 40 Minuten sprachen die beiden, bis dahin völlig fremd, miteinander. Anschließend wurden sie verlobt. Ihre Eltern, so vertraute Sazan später in München einer Freundin an, hätten sie zu der Ehe gezwungen, sie geschlagen, als sie sich weigerte, den fremden Mann, elf Jahre älter als sie, zu heiraten.

Glückliche Momente waren selten

Ein halbes Jahr nach der Verlobung wurde in Kala Diza Hochzeit gefeiert, wieder war Kazim heimlich nach Kurdistan gereist. Im Jahr 2001 folgte Sazan ihrem Mann nach München. Auch sie stellte einen Antrag auf Asyl. Auch der wurde abgelehnt, auch sie wurde geduldet. Der Sohn kam zur Welt. Die Wohnung wurde zu klein für drei, 2004 zog die junge Familie in eine Sozialwohnung in Garching. Es hat sicher auch ein paar glückliche Stunden gegeben in dieser arrangierten Ehe: "Wenn Du eine Träne wärst in meinen Augen, würde ich nicht weinen, aus Angst, Dich zu verlieren", hat Kazim am Anfang mal für Sazan auf einen Zettel geschrieben. Doch diese Momente waren selten. Sazan, auch das schrieb Kazim, sei eine Frau "mit schwarzem Herzen", eine, die "die Erde auf ihren Händen tanzen lassen will". Aber er, Kazim, werde die Welt in ihren Händen "explodieren lassen".

Sazan war bestimmt nicht die Frau, die Kazims Familie für ihn hätte finden sollen. Sazan war einfach nicht gehorsam. Sagte er zu ihr: "Ich will Tee", antwortete sie schon mal: "Tee ist in der Küche, hol ihn dir." Sazan lernte schnell Deutsch, ging zu Freundinnen, war beliebt. Sazan las Bücher und träumte davon, Schriftstellerin zu werden. Wenn sie allein war, weinte sie viel. Den Namen für den Sohn hatte sie sich ausgedacht und gegen den Willen ihres Mannes beim Standesamt eintragen lassen. Auf Deutsch übersetzt bedeutet er "Träne". Es gab Streit zwischen den beiden, es gab immer öfter Streit. Im Oktober 2005 zeigte Sazan ihren Mann bei der Polizei zum ersten Mal an. Er sei über sie hergefallen, als sie davon sprach, sich scheiden zu lassen, er habe sie gewürgt und gedroht, sie umzubringen. Ein Arzt, der die junge Frau untersuchte, fand deutliche Würgemale.

"Mach mit ihr, was du willst"

Gegen Kazim erging eine einstweilige Verfügung, ein Kontaktverbot. Das war am 26. Oktober 2005. Von nun an durfte Kazim Mahmud Raschid seiner Frau und der Wohnung nicht näher als 300 Meter kommen. Er hielt sich nie daran. Er stahl Sazans Post, zerschnitt im Keller ihre Kleider, lauerte ihr an einer Bushaltestelle auf, versuchte, über eine Leiter in ihre Wohnung einzusteigen. Er werde Sazan töten, falls sie sich von ihm trenne, sagte er Freunden. Ihre Eltern hätten es ihm erlaubt, ihn geradezu darum gebeten: "Mach mit ihr, was du willst" und "töte sie oder schicke sie zurück". Denn zu Hause in Kala Diza sprächen schon die Leute darüber, was das für eine Tochter sei, die nicht gehorche und so Schande über ihre Familie bringe. Alle wussten es, die mit Kazim befreundet oder bekannt waren. Später berichteten sie der Polizei, dass er immer wieder davon gesprochen habe, diese Frau sei "gut für totmachen", "fällig", er werde sie umbringen, falls sie die Scheidung einreicht und sich weigere, wieder nach Kurdistan zu gehen.

Sazan wusste von diesen Drohungen. Eines Abends hatte sie auf ihrem Fensterbrett eine Tonbandkassette gefunden. Darauf Kazims Stimme: "Heute ist der 18. 10. 2005, 20.30 Uhr. Ich höre eine Koran-Kassette. Ich schwöre dreimal, bevor ich anfange zu erzählen ... Gott soll mich lähmen und erniedrigen, wenn meine Erzählung der Wahrheit nicht entsprechen sollte." Was Kazim zu sagen hat, dauert eine gute halbe Stunde. Ein seltsamer, befremdlicher Monolog. Immer wieder hätte seine Frau "ein rotes Signal" missachtet. Dass sie nicht von ihm schwanger werden wollte, sei so ein "rotes Signal", vor allem aber die Tatsache, dass sie die Scheidung verlange und sich weigere, nach Kurdistan zurückzukehren: "Ich will so eine Frau nicht" und "Ich weiß, was ich tun werde." Auch über sich sprach Kazim. Er sah sich als Mann, der "immer nett" mit Sazan geredet hätte, einer, "bei dem man Frauenrechte, Liebe und Barmherzigkeit ... findet". Allerdings: "Eine Frau darf keine Probleme machen", vor allem niemals ihren Mann verlassen: "Eine Frau, die in Europa als Schlampe bezeichnet wird, ist besser als eine Frau, die ihren Mann verlässt." Das Band endet mit der Prophezeiung, man werde Sazan in der Hölle treffen.

Bis die Polizei kam, war Kazim weg

Kazim Mahmud Raschid hat, so behauptete er in diesem Monolog, 72 Kopien der Kassette an Freunde und Verwandte verteilt. Sazan übergab ihr Exemplar dem Münchner Anwalt Paul Schmid, der gemeinsam mit seiner Kollegin Eelke Müntinga die Scheidung für die Irakerin eingereicht hatte. Die Kanzlei schickte es an die Polizei - wo es zu den Akten genommen wurde. Übersetzt wurde es erst nach dem Tod der jungen Frau. Aber das, so sagt nun der Anwalt, könne man der Polizei nicht vorwerfen. Die trage keine Schuld. Insgesamt viermal hat Sazan ihren Mann angezeigt. Immer wieder rief sie um Hilfe, wenn er sie bedrängte, ihr auflauerte, sie verfolgte. Doch bis die Polizei kam, war Kazim längst weg. Er bestritt alles, legte Einspruch ein, wenn ein Ordnungsgeld wegen Verstoßes gegen das Kontaktverbot ausgesprochen wurde, behauptete sogar, Sazan hätte versucht, ihn mit einer Eisenstange zu erschlagen. "Jeder wusste, wie abstrus das ist", sagt der Anwalt.

Dass die junge Irakerin gefährdet war, daran bestand für die Polizei kein Zweifel. Man empfahl ihr, den Wohnort zu wechseln, sogar eine neue Identität wurde "angedacht". Aber Sazan wollte ihre Freunde, die Bekannten und das vertraute Umfeld nicht verlassen. Selbst das Münchner Frauenhaus, in das sie einmal für zwei Tage und Nächte mit ihrem Sohn flüchtete, verließ sie wieder, um "daheim" zu sein. Sie hoffte auf die Scheidung und darauf, dass danach alle Probleme gelöst wären. Die Nacht vor ihrem Tod verbrachte Sazan bei Sarhad Mama, 35, einem entfernten Verwandten, und dessen Frau in München. Bei ihnen hatte sie sich früher schon einmal mit ihrem Sohn versteckt, insgesamt vier Wochen lang. Am Morgen des 25. Oktober verließ sie die Wohnung, um zum Familiengericht zu fahren. "Als sie zurückkam, hat sie meine Frau geküsst und gesagt: "Das ist der glücklichste Tag meines Lebens", sagt Sarhad Mama. Dann sei sie nach Hause gefahren, nach Garching. Dort wartete Kazim auf sie.

Sazan habe sich "selbst gefährdet"

Drei Monate nach dem Tod seiner Frau wurde Kazim Mahmud Raschid, nun in Untersuchungshaft, vom Amtsgericht München zu einer zehn Monate langen "Ordnungshaftvollstreckung" verurteilt. Grundlage waren die Verstöße gegen das Kontaktverbot. Auch das Münchner Verwaltungsgericht ist nach dem Tod der jungen Frau aktiv geworden. Es schickte dem Anwalt Friedrich Schikora, der Sazan bei ihrem Asylantrag unterstützt hatte, einen Bescheid, wonach sie keinen Anspruch auf Prozesskostenhilfe hätte. Begründung: "...handelt es sich bei Gefährdungen wegen Familienehre oder zu befürchtenden Ehrenmordfällen ... nicht um individuelle Gefahren", sondern, so das Gericht, um eine Art Folklore: "... Probleme, die in den allgemeinen Regeln des Iraks und den gesellschaftlichen Gepflogenheiten und religiösen Normen wurzeln". Durch ihr Verhalten "ihrem Mann gegenüber und ihrer Familie" hätte Sazan sich "selbst gefährdet".

Sazan Bajez-Abdullah wurde in ihrer Heimatstadt im Irak begraben. Ihre Eltern und die Familie ihres Mannes trauerten gemeinsam am Grab. Kein Wort davon, dass die Eltern der jungen Frau mit dem "Ehrenmord" einverstanden gewesen sein sollen. Einen Fragenkatalog der Münchner Staatsanwaltschaft ließen sie bisher unbeantwortet. In dem Prozess gegen ihren Schwiegersohn wollen sie als Nebenkläger auftreten. Die Staatsanwaltschaft München hat inzwischen Anklage wegen Mordes gegen Kazim Mahmud Raschid erhoben.

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