HOME

Falsche Namen, falsche Pässe: Der rätselhafteste Kriminalfall Norwegens: War die unbekannte Tote eine deutsche Spionin?

Im Jahr 1970 starb eine Frau in der norwegischen Wildnis. Bis heute weiß niemand, wer sie war und was sie in Norwegen wollte. Die "Isdal Woman" hinterlässt eine nicht enden wollende Spur an Rätseln. Ein True-Crime-Podcast versucht nun, ihrer Identität auf die Spur zu kommen.

Der Fundort der Leiche: Das Isdal, ein Gletschertal in Norwegen

Der Fundort der Leiche: Das Isdal, ein Gletschertal in Norwegen

Sie war attraktiv und gepflegt, schlank und dunkelhaarig. Sie war eine Fremde. Sie soll ungewöhnlich gerochen haben, nach Knoblauch oder würzigem Parfum. Und sie starb 1970 in einem einsamen norwegischen Gletschertal. Wie und woran, das ist bis heute ebenso unklar wie die Identität der Frau, die nur als "Isdal Woman" bekannt ist – die Tote aus dem Eistal.

Wer nach dem Hype um den Crime-Podcast "Serial" von 2014 Bedarf nach einem neuen, süchtig machenden Kriminalfall hat, der sollte sich "Death in Ice Valley" anhören, einen Podcast, gemeinsam produziert von der britischen BBC und dem norwegischen Sender NRK. In den zehn Folgen der ersten Staffel folgen die Journalisten Neil McCarthy aus England und Marit Higraff aus Norwegen den Spuren der Unbekannten.

Das Phantombild einer attraktiven dunkelhaarigen Frau

So sah sie aus: Die unbekannte Tote aus dem Eistal

Wäre die Tote nur eine unglückliche Touristin gewesen, dann wäre ihr tragisch, aber vermutlich heute vergessen. Doch die "Isdal Woman" war für die Ermittler von Anfang an ein einziges verwirrendes Rätsel. Man fand sie verbrannt – auf den ersten Blick schien sie in ihr Lagerfeuer gestürzt zu sein. Das Gesicht war verkohlt, die Lungen voller Rauch. Rauchvergiftung wäre eine mögliche Todesursache. Aber außerdem hatte die Frau auch noch eine tödliche Dosis Schlafmittel geschluckt. Selbstmord? Dagegen spricht, dass man die Tabletten nicht nur in ihrem Magen, sondern auch noch im Mund fand. Jemand hätte sie ihr mit Gewalt verabreichen können. Unfall? Selbstmord? Mord?

Sie wollte offensichtlich nicht erkannt werden

Aus ihrer Kleidung waren sämtliche Etiketten fein säuberlich herausgeschnitten. Der Tipp eines Angestellten am Bahnhof von Bergen führte die Polizei zu zwei Koffern, die in einem Schließfach abgestellt waren. Sie gehörten der Toten. Auch hier waren aus allen Kleidungsstücken die Label entfernt, selbst die Markennamen der Zahnbürsten waren mühevoll abgekratzt worden. Auf dem Glas einer Sonnenbrille fand sich immerhin ein Fingerabdruck. Die Frau hatte feine Handschuhe aus Frankreich, Schuhe und Deodorant aus Deutschland sowie ein Reise-Nähset aus der Schweiz dabei. Außerdem merkwürdige Dinge wie eine Streichholzschachtel des Beate-Uhse-Versands oder ein Beutel Ton, wie man ihn zum Töpfern verwendet. Eine vollständige Liste der gefundenen Habseligkeiten kann man auf Facebook hier nachlesen.

Richtig spannend wird es, als das Podcast-Team herausfindet, dass die Frau in den Wochen zuvor rastlos durch gereist ist. In keinem Hotel blieb sie länger als einige Tage. Und – überall nutzte sie einen falschen Namen und einen falschen Pass. Die hübsche Fremde war als Finella Lorck, Genevieve Lancier, Claudia Tielt oder Elizabeth Leenhouwer bekannt. Sie gab sich als belgische Staatsbürgerin aus, füllte die Anmeldeformulare der Hotels abwechselnd in Deutsch und Französisch aus. Dabei machte sie seltsame Schreibfehler, die sich kaum erklären lassen. Als "Zweck der Reise" schrieb sie beim Check-In in ein Hotel im norwegischen Stavanger etwa "Berufverkehr". Nichts nur, dass hier offensichtlich ein S fehlt – selbst "Berufsverkehr" dürfte nicht das gewesen sein, was sie meinte.

Kurz: Die Frau hatte mehrere falsche Pässe bei sich und offenbar genug Geld, um sich elegant zu kleiden und in ganz Europa umherzureisen. Aber was wollte sie ausgerechnet in Norwegen? Sie sprach kein Norwegisch. Viele, die sich mit dem Fall der "Isdal Woman" beschäftigen, sind sich sicher: Die Frau war eine . Interessierten sie Militärgeheimnisse? Betrieb sie Industriespionage? Jagte sie untergetauchte Nazis oder palästinensische Terroristen?

Für wen arbeitete die geheimnisvolle Fremde?

Dazu passt, dass der norwegischen nach wenigen Tagen der Geheimdienst in die Quere kam und die Polizisten dazu drängte, den Tod der Unbekannten als Selbstmord abzutun. Dass das geschehen war, wurde jedoch erst vor Kurzem bekannt, als der Sohn eines damaligen Ermittlers dem Team von "Death In Ice Valley" davon erzählte, wie sein Vater damals frustriert von der Behinderung seiner Ermittlungen berichtet habe.

Ohne zu viel spoilern zu wollen: Die Spur der Frau führt schließlich nach Deutschland. Die Journalisten von und NRK finden mit Hilfe vieler Zeitzeugen, Wissenschaftler und der norwegischen Ermittler mehr über die "Isdal Woman" heraus, als je zuvor bekannt war. Und das macht diesen rätselhaften Fall nur noch tausendmal spannender. Nach den ersten zehn Folgen hofft man inständig, dass weitere Ermittlungen tiefer in die Geschichte der mysteriösen Toten führen, die seit mehr als 40 Jahren niemand zu vermissen scheint. Irgendjemand muss sich doch an sie erinnern - Familie, Nachbarn, Auftraggeber.

Verurteilt werden kann ihr Mörder heute ohnehin nicht mehr – die Tat ist nach 25 Jahren verjährt. Den Beteiligten geht es jetzt nur noch darum, der Unbekannten ihre Identität und ihre Würde zurückzugeben.