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stern-Gespräch

Über die Abgründe der Seele: In der Freizeit erforscht dieser Kommissar die Psyche von Serienmördern

Stephan Harbort hat Dutzende von Serienmördern getroffen. Der Kriminalist und Buchautor hat ihnen Fragebögen geschickt, ihre Akten studiert, versucht, sie zu verstehen.

Von Anette Lache

Forschung zu Serienmördern: Stephan Harborts abgründiges Spezialgebiet

Stephan Harbort (l.) korrespondierte mit etlichen Serienmördern. Persönlich getroffen hat er unter anderem die "Blaubeermariechen" genannte Maria V. (r.)

Herr Harbort, Sie haben mehr als 50 Serienmörder in Gefängnissen und Forensischen Psychiatrien besucht. Wie sprechen diese Menschen über ihre Taten?

Vor allem leise. Oftmals auch vorsichtig, zurückhaltend. Viele meiner Bekannten denken, das müssten dramatische Gespräche sein, die ich da führe. So ist es aber nicht. Emotionen spielen zumindest bei den meisten männlichen Tätern keine Rolle – weil sie keine haben. Sie zeigen kein Gefühl, wenn sie schildern, wie sie jemandem einen Kehlschnitt gesetzt haben.

Gibt es Serienmörder, die stolz sind auf ihre Taten?

Stolz ist der falsche Begriff. Einige der Täter glauben, etwas Außergewöhnliches vollbracht zu haben.

Welches war Ihr längstes Gespräch?

Das mit Reiner Sturm, der sogenannten "Bestie von Wuppertal". Er hatte in den 70er Jahren zwei Frauen und einen Mann getötet und später im Gefängnis zwei Häftlinge lebensgefährlich verletzt. Mit ihm habe ich sechs Stunden gesprochen.

Ihr bedrückendstes Gespräch?

Das kann ich nicht sagen. Denn ich versuche, das Leid der Opfer nicht an mich heranzulassen. Das würde mir sonst zu viel.

Ihr härtestes Gespräch?

Auch das mit Sturm. Ich werde den 5. September 1997 nie vergessen. Sturm war ein Psychopath wie aus dem Lehrbuch.

Wo haben Sie ihn getroffen?

Im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf, in einem winzigen fensterlosen Raum, in dem es einen großen roten Alarmknopf für mich gab. Als Sturm reinkam, merkte ich: Der steht richtig unter Dampf. Und schnell war klar: Er wollte die Bestie geben. Er war der Regisseur und ich der Komparse.

Was tat der Regisseur?

Er sprang immer wieder auf und demonstrierte, wie er die Frauen gewürgt und getötet hatte. Mehrfach riss er meinen Kugelschreiber hoch und rief zu entsprechenden Bewegungen: "Und dann steche ich denen durch die Augen ins Gehirn." Er war beseelt von der Idee, mich in Angst und Schrecken zu versetzen.

Und – hat er das?

Zu meiner Beruhigung trugen seine Aktionen jedenfalls nicht bei. Spätestens, als er das erste Mal auf die Toilette ging und dort merkwürdige, kratzende Geräusche machte, hatte ich die Kontrolle über das Gespräch verloren. Und dann war da noch sein abgründiges Grinsen, fast nicht mehr menschlich. Das hat mich wirklich angefasst. Ich dachte: Das ist jetzt das Böse, das du da siehst. Und: Dieses Grinsen müssen auch die Opfer gesehen haben.

Sie erforschen Serienmörder in Ihrer Freizeit. Warum gehen Sie nicht lieber angeln oder wandern auf dem Jakobsweg?

Angefangen hat es für mich mit einem Verbrechen, das Anfang der 90er Jahre geschah, als ich Kommissar-Anwärter war: Zwei junge Männer hatten erst den Stiefvater des einen umgebracht, wenig später dann seine Stiefschwester und schließlich noch seine Ex-Freundin, die sie für ein Sicherheitsrisiko hielten. Der Stiefsohn hatte vor, "forciert zu erben", das Vermögen wollten die beiden Täter teilen.

Auswahl der Opfer, Vorbereitung der Taten, Beseitigung der Leichen – mehr als 50 Serientäter, die in Deutschland gemordet haben, füllten für Harbort lange Fragebögen aus

Auswahl der Opfer, Vorbereitung der Taten, Beseitigung der Leichen – mehr als 50 Serientäter, die in Deutschland gemordet haben, füllten für Harbort lange Fragebögen aus

Sie hätten sich sagen können: zwei verrohte Typen – und das wäre es dann gewesen.

Das genau konnte ich nicht. Da gab es noch zu viele offene psychologische Fragen. Ich suchte nach Studien zu Serienmördern, also zu Menschen, die mehrere Opfer getötet hatten, und zwar mit zeitlichem Abstand und jeweils neuem Tatentschluss. Aber für Deutschland gab es da nichts.

Was genau wollten Sie wissen?

Alles. Ich wollte verstehen, was die Motive solcher Täter sind. Wie sie denken, wie sie sich vorbereiten, nach welchen Kriterien sie ihre Opfer auswählen. Wie ihre Kindheit war. In den vergangenen 25 Jahren habe ich Tausende von Seiten gelesen, Ermittlungsakten, psychiatrische Gutachten, Anklageschriften, Urteile. Ich habe Dutzende Fragebögen an Serienmörder verschickt. Und die vielen Gespräche geführt.

Was war Ihr Ziel?

Man darf einfach nichts unversucht lassen, solche Täter frühzeitig zu identifizieren, denn dann lassen sich unter Umständen weitere Taten verhindern. Dafür brauchte es aber erst einmal eine Art Grundlagenforschung, mehr Wissen, eine empirische Basis.

Warum sind die Mörder bereit, Ihnen zu Ihrer empirischen Basis zu verhelfen?

Es ist ja nicht so, dass alle gleich zustimmen, wenn ich anfrage. Manchmal warte ich Jahre. Einige wollen auch gar nicht reden. Aber in der Regel sehen die Häftlinge für sich auch einen Vorteil in diesen Gesprächen. Sie können viel offener erzählen als sonst, sie laufen nicht Gefahr, wegen ihrer Aussagen auf der Gefährlichkeitsskala wieder nach oben gesetzt zu werden und keine Vollzugslockerungen zu bekommen. Und es gibt Täter, die wollen sich mit ihren Taten auseinandersetzen.

Der "typische" Serienmörder …

… existiert nicht. Aber es gibt Merkmale, die nach meinen Auswertungen auf drei von vier Tätern zutreffen: Der männliche Mehrfachmörder ist zwischen 18 und 39, ledig oder geschieden und kinderlos. Er stammt aus defizitären Familienverhältnissen, gilt als sozialer Außenseiter. Anders als die meisten Serienmörderinnen ist er vorbestraft oder zumindest polizeibekannt. Er ist kein Hannibal Lecter, sondern hat im Schnitt einen IQ von 106. Nur 15 Prozent sind überdurchschnittlich intelligent.

Viele, mit denen Harbort sprach, schickten ihm selbst nach der Haftentlassung noch Post

Viele, mit denen Harbort sprach, schickten ihm selbst nach der Haftentlassung noch Post

Und sein Charakter?

Ich habe mir zu dieser Frage 52 Täter genauer angeschaut. Auffällig ist ihr schwaches Selbstwertempfinden, aber auch das Machtgefühl, das sie bei ihren Taten entwickeln. Es fehlt ihnen an sozialer Kompetenz und Empathie. Ein Täter sagte mir: "Für die Opfer habe ich nichts empfunden. Einfach nichts. Auch heute nicht."

Sehen Sie Risikofaktoren in der Kindheit, die eine Rolle spielen könnten?

Gewalt, sexueller Missbrauch, psychische Verletzungen, familiäre Kälte, Alkoholismus der Eltern, möglicherweise auch frühe Hirnschädigungen, soziale und sexuelle Misserfolge – da gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die so eine Entwicklung womöglich begünstigen können.

Was treibt den männlichen Serienmörder zu seinen Taten?

In 35 Prozent der Fälle ist nach meinen Daten sexualisierte Gewalt das Motiv. Dabei geht es meist nicht um Sexualität im engeren Sinne, sondern um Kontrolle. Die Täter wollen ihre Opfer beherrschen, die eigene Macht demonstrieren. Ebenso häufig haben wir das Motiv Habgier, also Raubmörder. Dann sind da noch die Auftragsmörder, die Patiententöter und die Täter, die aus ideologisch verbrämten, wahnhaft-religiösen oder pseudoethischen Gründen Verbrechen begehen.

Tötet ein Serientäter immer nur aus ein und demselben Grund?

Bei den allermeisten ist das so. Die anderen habe ich Dispositionsmörder genannt. Der Berliner Thomas R. zum Beispiel brachte zwischen 1983 und 1995 sieben Menschen um: Vier Frauen vergewaltigte er, zwei alte Damen beraubte er, bevor er sie "totmachte", wie er das nannte. Und das siebte Opfer war angeblich "eine Tratsche". Auch die Tatausführung war unterschiedlich. Eine Serie ist da selbst für erfahrene Ermittler kaum zu erkennen.

Gab es Serienmörder, die eine Partnerin hatten?

Frank G. zum Beispiel, der "Rhein-Ruhr-Ripper". Er hat sich bewusst in eine Beziehung begeben, um vom Morden loszukommen. Es war eine Art Selbstheilungsversuch. Und Fredi R., "der Schreckliche", hat nach den ersten Morden sogar geheiratet. Aber eine Partnerschaft stabilisiert eben nur so lange, bis es zu Problemen in der Beziehung oder auch im Job kommt.

Einige Täter befragte Harbort nur schriftlich, andere nur mündlich, bei wieder anderen kamen beide Methoden zum Einsatz

Einige Täter befragte Harbort nur schriftlich, andere nur mündlich, bei wieder anderen kamen beide Methoden zum Einsatz

Wie viele weibliche Serienmörder gab es bisher?

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wissen wir in Deutschland von mehr als 300 Serienmördern mit drei oder mehr Opfern. Nur 38 davon waren weiblich.

Weil Frauen die friedfertigeren Wesen sind? Oder ist die Dunkelziffer bei ihnen besonders hoch?

Letzteres. Wer traut schon einer Frau zu, dass sie mehrere Menschen umbringt? Ich gehe davon aus, dass es viel mehr Täterinnen gegeben hat als diese 38, weil Frauen vor allem in ihrem sozialen Umfeld töten und ihre Taten auf Vertuschung angelegt sind, oft nur zufällig entdeckt werden. Wahrscheinlich gibt es in Deutschland noch einige Keller und Dachböden mit Babyleichen.

Wie viele der Serienmörderinnen haben Sie getroffen?

Vier. Unter anderem Irene B., die Patiententöterin aus der Charité, und Maria V., das "Blaubeermariechen". Sie servierte über einen Zeitraum von 20 Jahren immer mal wieder Blaubeerpudding mit E605. Ihre Opfer waren ihr Vater, zwei Ehemänner, ein Lebensgefährte und die Tante. Außerdem gab es da noch neun Tötungsversuche.

Was war ihr Motiv?

Sie sagte: "Die waren mir lästig."

Was können Sie allgemein über solche Täterinnen sagen?

Auch hier gilt: Es gibt nicht den einen Typ. Aber für die meisten deutschen Fälle lässt sich feststellen: Die Frauen waren bei ihren Morden zwischen 21 und 40 Jahre alt, in einer Partnerschaft, sozial integriert und durchschnittlich intelligent. Sie hatten ein geringes Selbstwertgefühl, waren emotional eher instabil und nicht in der Lage, Konflikte zu lösen.

Wie töteten sie?

Indem sie ihren Opfern Fremdsubstanzen verabreichten oder sie erstickten. Entsprechend dominierten bei den Tatmitteln Gift, Medikamente, Handtücher und Kissen. Während die Männer ihre Opfer eher erschlugen, erwürgten, erschossen oder niederstachen.

Reiner Sturm vor Beginn seines Prozesses 1978. Frank G. im Jahr 2000 zwischen seinen Anwälten

Reiner Sturm vor Beginn seines Prozesses 1978. Frank G. im Jahr 2000 zwischen seinen Anwälten

Planen Serienmörder ihre Taten bis ins Detail?

Genau das habe ich auch in meinen Fragebögen wissen wollen. Die meisten stecken nur einen Rahmen ab: eine bestimmte Region, ein bestimmtes Stadtgebiet. Und sie sind selten auf einen konkreten Opfertyp fixiert, das Opfer soll lediglich einigen groben Kriterien entsprechen: Frau oder Mann, Mädchen oder Junge, alt oder jung. Für die Sexualmörder, mit denen ich zu tun hatte, kann ich sagen: In knapp 60 Prozent der Fälle lag der Ort, an dem sie mit ihrem Opfer in Kontakt kamen, weniger als zehn Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

Wie viele Kinder waren unter den Opfern?

Knapp 20 Prozent waren jünger als 13. Die meisten von ihnen wurden von sogenannten "unechten Pädophilen" getötet. Ich bekomme immer wieder den Satz zu hören: "Es mussten Kinder sein, weil die sich nicht so gut wehren können."

Geben Sie auch Kindermördern die Hand zur Begrüßung?

Selbstverständlich. Ich habe da keine Berührungsängste. Die meisten Serienmörder haben übrigens keinen festen Händedruck.

In welchen Momenten haben Sie bei Ihren Gesprächen Abscheu empfunden?

Abscheu? Nie. Die Täter sind für mich Informationsgeber, ich urteile nicht über sie.

Die Wahrscheinlichkeit, selbst ins Visier eines Serienmörders zu geraten, ist ja zum Glück extrem gering …

Das stimmt. Nur etwa ein Prozent aller Morde geht auf das Konto von Serientätern. Wahr ist aber auch: Viele von ihnen sind oft in ihrem "Revier" unterwegs, halten Ausschau nach Opfern, verfolgen sie und lassen es dann doch sein, weil in der Situation nicht alle Faktoren passen. 31 Mal setzt ein Serienmörder im Schnitt an, bevor er tatsächlich tötet. Viele Frauen, Kinder, Männer werden in Deutschland also schon einmal im Visier eines Serienmörders gewesen sein, ohne etwas davon bemerkt zu haben.

Das ist eine beklemmende Vorstellung …

Zumal es ja mehr Serientäter gibt als die jetzt schon bekannten. Wir wissen von mindestens fünf oder sechs Mordreihen, bei denen nur der Täter bislang nicht identifiziert ist. Ich gehe zudem von mindestens 30 weiteren, noch nicht einmal als Serienmörder erkannten Tätern aus – Männer und vor allem Frauen, bei denen der Zusammenhang zwischen ihren einzelnen Delikten noch nicht gesehen wird oder deren Verbrechen unentdeckt geblieben sind.

Die Patiententöter Irene B. und Niels H.

Die Patiententöter Irene B. und Niels H.

Wie groß ist die Chance, einem Serienmörder bei einer Attacke zu entkommen?

Nur 16 Prozent der Opfer überlebten den Angriff.

Gibt es Täter, mit denen Sie unbedingt noch sprechen wollen?

Ja, einige, zum Beispiel Niels H., den Krankenpfleger aus Delmenhorst. Die durchschnittliche Opferzahl unterstreicht die Gefährlichkeit der Patiententöter: Zwölf Menschen bringen sie im Schnitt zu Tode, bevor sie überführt werden.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie stundenlang mit jemandem über das Morden gesprochen haben? Gehen Sie zum nächsten Currywurst-Stand? Oder rufen Sie Ihre Frau an?

Ich setzte mich auf die nächste Bank oder Mauer, manchmal an eine Bushaltestelle, und spreche meine Empfindungen auf Band. Das hilft. Ich bin ja keine Maschine, diese Gespräche machen ja etwas mit mir.

Und wenn Sie dann wieder zurück in Düsseldorf sind …

… bin ich wieder normal.

Das Interview mit Stephan Harbort ist dem aktuellen stern entnommen:

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