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Gerichtsurteil: Höchststrafe für Kindermörder Hoffmann

Der Mörder der Kinder Levke und Felix aus Niedersachsen soll für immer hinter Gitter. Das Landgericht Stade hat Marc Hoffmann zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Höchststrafe für Marc Hoffmann: Das Landgericht Stade hat den Mann, der die achtjährigen Kinder Levke und Felix verschleppt, sexuell misshandelt und getötet hat, am Mittwoch für die längste, nach deutschem Recht mögliche Dauer hinter Gitter geschickt. "Sie haben anderen unvorstellbares Leid zugefügt", sagte der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer, Berend Appelkamp. Hoffmann nahm das Urteil wie die acht Prozesstage zuvor ohne erkennbare Regung auf. Nur kurz schlägt er die Augen nieder. "Selbstverständlich haben wir Mitgefühl mit den Angehörigen", sagt später Verteidiger Jost Ferlings. Offen lässt er dabei, ob auch sein Mandant dieses Mitgefühl teilt.

Nach der Haft in die Sicherungsverwahrung

Lebenslange Haft für die Morde, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, anschließende Sicherungsverwahrung: Dieses Urteil bedeutet, dass die lebenslange Freiheitsstrafe nicht bereits nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Wann die Gerichte erstmals ein Haftende prüfen, ist offen. Zudem müsste Hoffmann ohnehin zunächst in die Sicherungsverwahrung, falls das Urteil rechtskräftig wird. Sie wird ebenfalls in einer Justizvollzugsanstalt vollstreckt und alle zwei Jahre gerichtlich überprüft. Nicht ausgeschlossen ist, dass der 31-Jährige nie wieder frei kommt.

Das Urteil ist in seiner Härte im deutschen Strafrecht nicht zu überbieten. Angesichts der Taten war es allgemein erwartet worden, und doch waren die Eltern von Levke sichtlich erleichtert. Sie habe an dem Prozess seit dem 9. Mai dieses Jahres teilgenommen. Levkes Mutter Ulrike Straßheim sagte, sie tue dies, "um für meine Tochter einzutreten". Das Urteil sei ein Schlusspunkt und helfe bei der Trauerarbeit. "Für den Missbrauch, die Entführung und die Tötung meiner Tochter gibt es aber keine gerechte Strafe", betonte die Krankenschwester.

Die Mutter von Felix hatte die Teilnahme am Prozess nicht über sich gebracht, war zur Urteilsverkündung aber nach Stade gekommen. Anschließend äußerte sie sich zufrieden und nachdenklich zugleich: "Ich bin froh, dass von Marc Hoffmann keine Gefahr mehr ausgeht", sagte Anja Wille. Gerechtigkeit könne es nicht geben, denn "das Urteil gibt mir meinen Sohn auch nicht zurück", sagte sie. Ihr sei ein Stein vom Herzen gefallen, dass der 31-Jährige "auf immer und ewig weg ist".

Schuldfähigkeit entscheidend für Strafmaß

Für das Strafmaß entscheidend war die Einschätzung von Hoffmanns Schuldfähigkeit. Hoffmann hatte dem Gutachter erklärt, er wolle als schuldunfähig eingestuft und in der Psychiatrie behandelt werden. Er stellte sich vor, dass er drei Jahre später wieder auf freiem Fuß wäre.

Das Gericht hingegen schloss sich dem laut Richter Berend Appelkamp "ausführlichen und widerspruchsfreien Gutachten" des renommierten Essener Psychiaters Norbert Leygraf an. Hoffmann habe demnach bei beiden Taten die Fähigkeit gehabt, "das Unrecht einzusehen und danach zu handeln". Der 31-Jährige sei nicht psychisch krank, kein Sadist und auch nicht pädophil. Er habe sich die Kinder nur gegriffen, weil sie leichte Opfer waren; die Polizei hatte es als ungewöhnlich bezeichnet, dass ein Kindermörder sowohl Mädchen als auch Jungen als Opfer wählt. Der Richter sagte weiter, Hoffmann kennzeichne ein "massiver Mangel an Emotionalität und Mitgefühl".

Hoffmann traf die zufällig vor ihrem Elternhaus wartende achtjährige Levke am 6. Mai 2004. Er verschleppte sie in seinem Auto, verging sich laut Urteil an dem Mädchen in einem Waldstück und erdrosselte es mit einem Kabelbinder. Danach bettete er die Leiche mehrmals um, bis er die Achtjährige sicher genug versteckt glaubte: in einem Wäldchen nahe seinem früheren Heimatort Attendorn im Sauerland.

Trotz Fahndung neues Opfer gesucht

Ende August wurde das Kinderskelett gefunden. Hoffmann beirrte die groß angelegte Fahndung nach dem Mörder nicht. Am 30. Oktober fuhr er wieder auf der Suche nach einem Opfer los. Er stieß auf den achtjährigen Felix aus Neu Ebersdorf im Landkreis Rotenburg, der mit dem Fahrrad unterwegs war. Hoffmann lockte Felix ins Auto, fuhr in einen Wald und wartete dann eine halbe Stunde mit dem ängstlichen Jungen auf die Dunkelheit, denn erst dann wollte er sich an dem Kind vergehen. Später erwürgte er Felix und versenkte seine Leiche im Fluss Geeste bei Bremerhaven.

Richter Appelkamp wünschte den Eltern zum Schluss "Mut, Kraft und Hoffnung". Die Kammer werde die Kinder Levke und Felix nicht vergessen. Zu Hoffmann sagte er, ihm stehe trotz seiner Taten eine menschenwürdige Behandlung zu. Er wolle dem 31-Jährigen für dessen weiteren Lebensweg mitgeben, "dass Sie die vorgegebenen Rahmenbedingungen ertragen können".

Hoffmann war in seinem weißen T-Shirt mit dem Aufdruck "Explorer-Jeans" auf der Anklagebank in sich zusammengesackt. Nun nickte er resigniert. In der Hierarchie eines Gefängnisses stehen Kindermörder ganz unten, in einer Psychiatrie hingegen gelten sie zumindest als behandlungsbedürftig.

Imke Zimmermann/AP / AP