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Tierärztin im Gespräch Hunde-Expertin zur tödlichen Hundeattacke in Hannover: Wo die Probleme liegen

Ein Hund der Rasse American Staffordshire-Terrier
Bestimmte Hunderassen seien nicht per se gefährlich, sagt Fachtierärztin Barbara Schöning (im Bild: ein American Staffordshire-Terrier)
© Gerard Lacz / Anka Agency International / Picture Alliance
Ein Staffordshire-Terrier-Mischling soll in Hannover zwei Menschen totgebissen haben. Sind bestimmte Hunderassen besonders aggressiv? "Nein", sagt eine Expertin im Gespräch mit dem stern. Das Problem liege woanders.

Auch Tage nach dem Tod zweier Menschen in Hannover, die vermutlich von ihrem eigenen Hund totgebissen wurden, ist das Entsetzen groß. Vor allem die Frage, warum Staffordshire-Terrier-Mischling "Chico" seine Besitzer angegriffen hat, beschäftigt die Ermittler in der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Doch auch eine weitere Frage steht - wie immer nach vergleichbaren Vorfällen - im Raum: Ist es unverantwortlich, bestimmte Hunderassen zu halten, weil sie von Natur aus aggressiv sind?

"Nein", sagte Barbara Schöning, Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz in Hamburg und Vorsitzende der Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie (GTVMT) dem stern schon im vergangenen Sommer. Seinerzeit biss im baden-württembergischen Stetten am kalten Markt ein Kangal eine Seniorin tot, ehe das Tier von der Polizei erschossen wurde. Auch heute noch sagt Schöning, ohne den konkreten Hannoveraner Fall bewerten zu wollen: "Eine mögliche Gefährlichkeit eines Hundes hängt nicht von der Rasse ab." Zwar gebe es sehr selten auch Hunde, die eine pathologische Verhaltensstörung aufweisen und deshalb zubeißen würden, ein Angriff eines Hundes sei aber in der Regel normales Aggressionsverhalten, ausgelöst etwa durch Angst oder Stress. "Letztendlich kommt es auf den Besitzer an, hier durch Erziehung und tierschutzkonforme Haltung vorzubeugen."

Jährlich drei bis vier Tote durch Hundeattacken

Hier haben die Halter aus Hannover möglicherweise versagt. Die gehbehinderte 52-Jährige und ihr 27-jähriger schwerkranker Sohn seien mit der Haltung des Tieres überfordert gewesen, erzählten Nachbarn Reportern der Nachrichtenagentur DPA. Staffordshire-Terrier-Mischling "Chico" sei tagsüber nicht ausgeführt worden und habe sein Dasein in einem engen Metallzwinger in der Wohnung gefristet. Verhaltensstörungen sind bei derartigen Bedingungen fast zwangsläufig die Folge - ganz gleich, um welche Rasse es sich handelt.

Ohnehin sollte man nicht Hunderassen als gefährlich oder ungefährlich klassifizieren, wie es in einigen Bundesländern anhand von sogenannten Rasselisten geschieht, sagt Schöning. "Solche Listen gaukeln eine falsche Sicherheit vor. Die in den 2000er-Jahren eingeführten 'Rasselisten' haben sich als wenig sinnvoll erwiesen: Die Zahl der jährlichen tödlichen Zwischenfälle mit Hunden von den 1960ern bis heute ist zum Beispiel weitgehend konstant (zuletzt im Schnitt drei bis vier pro Jahr, d. Red.). Und die bundesweite Sterbestatistik ist die einzige, die wirklich verlässliche Zahlen liefert. Das Problem bei auffälligen Hunden befindet sich am oberen Ende der Leine."

"Der Halter muss sachkundig sein"

Die Haltung und die Erziehung durch den Menschen seien in erster Linie ausschlaggebend dafür, ob Hunde ein problematisches Verhalten gegenüber anderen Lebewesen zeigen. "Der Halter muss entsprechend sachkundig sein, ganz gleich, ob es sich um einen Dackel oder einen Deutschen Schäferhund handelt", meint Schöning. Die GTVMT plädiere daher für den sogenannten Hundeführerschein, ein Sachkundenachweis, unabhängig davon, welche Rasse gehalten wird - abgeschlossen etwa durch eine Prüfung. "Das dient letztendlich nicht nur dem Schutz vor Zwischenfällen, sondern auch dem Schutz der Tiere."

In Niedersachsen ist die potenzielle Gefährlichkeit eines Hundes seit 2003 nicht mehr an die Rasse gekoppelt. Wer einen Hund neu anschafft, muss eine theoretische und praktische Sachkunde-Prüfung ablegen. "Damit setzen wir auf die Schulung des Halters und verzichten auf pauschale Rasselisten", sagte Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast.

Hund "Chico" wurde nach der Attacke von der Feuerwehr in der Wohnung eingefangen und in ein Tierheim gebracht. Die Stadt Hannover muss entscheiden, ob das Tier eingeschläfert wird. Dazu werde der Hund durch einen Veterinärmediziner der Stadt Hannover begutachtet, teilte ein Stadtsprecher mit. Zunächst wolle man aber das Obduktionsergebnis abwarten Dies werde nicht vor Freitag vorliegen, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Nachtrag vom 5. April 2018, 17.30 Uhr:

Nachbarn hatten 2014 und 2016 gemeldet, dass das Tier wohl in einem Zimmer eingesperrt sei, ständig belle und auf dem Balkon sein Geschäft mache. Eine Tierschutz-Inspektorin besuchte daraufhin zwei Mal die Wohnung, in der das Tier gehalten wurde, wie der Geschäftsführer des Tierschutzvereins Hannover, Heiko Schwarzfeld, sagte. Der Hund habe dabei laut gebellt und sei weggesperrt worden, das sei aber nicht ungewöhnlich. "Der Hund zeigte damals keine Anzeichen von Vernachlässigung", betonte Schwarzfeld.

mit DPA-Material

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