HOME

Prozess in Heilbronn: Der kleine Ole war wie ein Enkel für sie. Dann fand man ihn tot in ihrer Badewanne

Der siebenjährige Ole liebt seine Babysitterin. Und die 70-Jährige liebt den Jungen. Alles passt. Bis zum 27. April 2018, dem Tag, an dem das Unfassbare geschieht.

Von Ingrid Eißele

Künzelsau: 70-jährige Pflegeoma tötet kleinen Ole – Prozess in Heilbronn

Der Weg vom Haus der Familie May* zum Haus der Babysitterin im fränkischen Künzelsau ist zu Fuß gut zu schaffen. "Mit kleinen Füßen 20 Minuten", erklärt Katja May, Oles Mutter.

Den Weg zu Elisabeth S. sind die beiden oft gegangen, manchmal täglich. Ole war ein eher schüchterner Junge, "der aber ganz lebendig wurde, wenn er Vertrauen gefasst hatte", so beschreibt sie ihn. Zu Elisabeth S. ging der Siebenjährige gern, er kannte sie seit seinem zweiten Lebensjahr. Elisabeth S., inzwischen 70 Jahre alt, spielte stundenlang mit ihm und seinen Autos, erzählte lustige Geschichten, und abends, wenn sie auf dem Sofa "Tom und Jerry" guckten, spendierte sie Schokolade. Kein einziges Mal in all den Jahren habe ihr Sohn gesagt, dass er nicht zu "Oma Elisabeth" wolle. Seine richtigen Großmütter leben weit entfernt oder gar nicht mehr. Für Ole war Elisabeth S. seine Oma.

Heilbronner Schwurgericht

Auch Katja May, 41, Lehrerin an einer Grundschule, fühlte sich bei ihr auf Anhieb wohl. Die freundliche Frau mit dem grauweißen Haar habe sie an ihre verstorbene Mutter erinnert, sagt sie vor Gericht. Elisabeth S. war ihr von einer Kollegin empfohlen worden, als sie eine Betreuerin für ihren Sohn suchte, der oft erkältet war. Die gelernte Krankenschwester war ein Glücksgriff. Auch Oles Vater Alexander, 44, Justiziar in einem Unternehmen, bestätigt, dass die Chemie zwischen Sohn und Babysitterin vom ersten Moment an stimmte. Einmal sei der Zweijährige vor Begeisterung fast von seinem Arm gesprungen, als er Oma Elisabeth sah. "Wir freuen uns, wie innig unser kleiner Schatz dich liebt", schrieb Katja May aus dem Urlaub an Elisabeth S.

Alles passte. Bis zum 27. April 2018.

Gab es Zeichen, dass etwas mit Elisabeth S. psychisch nicht stimmte? Das fragt der Richter des Schwurgerichts von Heilbronn. "Sie war manchmal traurig, wegen ihres verstorbenen Mannes." Aber sie habe sich immer gefreut, wenn Ole kam.

Oles Mutter schildert dem Gericht den entsetzlichsten Tag ihres Lebens. Am 27. April 2018 übernachtet der Junge bei Elisabeth S., weil die Eltern ins Konzert gehen. Am nächsten Morgen, einem Samstag, wollen sie ihn um zehn Uhr abholen. Der Vater ist als Erster am Haus von S., doch niemand öffnet. Er läuft ums Haus herum, sieht durchs Wohnzimmerfenster Oles Autos und Spielsachen auf dem Fußboden verstreut. Vielleicht wurde es am Abend spät, und sie schlafen noch. Die Rollläden im Schlafzimmer sind geschlossen. Katja May kommt hinzu. "Ich dachte, vielleicht hat sie einen Herzinfarkt erlitten", sagt sie. Der Nachbar hat einen Schlüssel.

Katja May betritt das Haus, Wohnzimmer, Treppe, Flur, dunkles Schlafzimmer. Das Bett ist leer, die Decke zerwühlt. Sie schaut ins Bad. Die Badewanne ist fast randvoll mit Wasser.

Den Schrei seiner Frau werde er nie vergessen, sagt der Vater, der ihr folgt. Er hebt sein Kind aus der Wanne, trägt es hinab ins Wohnzimmer, legt es auf den Boden. Katja May legt sich zu Ole, der aussieht, als ob er schliefe, sie hält ihn im Arm, will ihn wärmen, er ist so kalt in seinem nassen Schlafanzug. Eine Notärztin kommt, Sanitäter, Polizei, Notfallseelsorgerin. Sie kommen zu spät.

"Das wollte ich alles nicht."

Die Helfer legen eine Decke um die Mutter, sie versuchen den Vater zu beruhigen, der gegen die Wände schlägt, brüllt: Mein Sohn! Und: Was ist hier passiert?

Sieben Verhandlungstage nahm sich die Schwurgerichtskammer bisher Zeit, um herauszufinden, warum Ole sterben musste. Roland Kleinschroth, der Vorsitzende Richter, befragt mehr als 30 Zeugen – Nachbarn, Freunde, Angehörige von Elisabeth S., Polizisten und Ärzte, während die Angeklagte stumm zuhört und Taschentuch um Taschentuch zerknüllt, mit tief gebeugtem Kopf und bleichem Gesicht.

Die Tat ist ein Rätsel. Elisabeth S. ist ein Rätsel. Warum tötete sie das Kind, zu dem sie ein inniges Verhältnis hatte?

Polizeibeamte fanden am Tatort einen Brief, den sie an ihren Sohn gerichtet hatte. "Bitte verzeih mir, bin sehr verzweifelt", stand da. Sie wäre doch nur eine Belastung für ihn. Wollte sie sich an jenem 28. April, als sie den ganzen Tag verschwunden war, das Leben nehmen?

Die Polizei durchsuchte das Haus, ein Spürhund schnüffelte die Umgebung ab, ein Hubschrauber kreiste.

Am Samstagabend, als sich die Tat in der Stadt herumgesprochen hat, beobachtet ein junges Paar aus der Nachbarschaft, wie sich Elisabeth S. ihrem Haus nähert und in der Garage verschwindet. Sie alarmieren die Polizei. Ein Beamter entdeckt sie auf dem Rücksitz ihres Autos. Sie reicht ihm die Hand und lässt sich abführen. Teilnahmslos habe sie gewirkt und gefragt, "was in ihrem Haus passiert sei". Die Nachbarn sind sich sicher, den Satz gehört zu haben: "Das wollte ich alles nicht."

Die Notärztin fand am Hals des Kindes zwei rote Druckstellen, die aussahen wie Würgemale. "Strangulation nicht ausgeschlossen", schrieb sie ins Protokoll. Ihr Verdacht sollte sich bestätigen: Ole wurde laut Anklage erwürgt, bevor er ins Wasser gelegt wurde.

Warum ihr Sohn starb, wann genau und unter welchen Umständen – die Eltern wissen es bis heute nicht. Der Verlust ihres einzigen Kindes, ihres "Sonnenscheins", sei kaum zu ertragen, sagt Katja May am ersten Verhandlungstag und wendet sich direkt an die Angeklagte. "Warum?", fragt sie. "Elisabeth, das kannst du mir doch sagen. Bitte!" Es ist eine verzweifelte Rede, gegen einen stummen Rücken gerichtet. Elisabeth S. antwortet nicht, auf Anraten ihrer Anwältin. Oles Mutter versucht es noch mal: "Bitte lass uns nicht sitzen in diesem schwarzen Loch."

"Ins Wasser geplumpst"

Mit jedem Prozesstag steigt der Druck auf die Angeklagte. Die Mutter, der Vater, der Vorsitzende Richter, der Anwalt der Eltern, ein Nachbar, auch ihr Sohn, alle drängen, argumentieren, bitten, flehen, sie möge doch endlich sprechen.

Erst nach dem fünften Verhandlungstag lässt sie sich auf ein Treffen mit dem psychiatrischen Gutachter Thomas Heinrich ein. Auf diesem Gespräch liegt viel Hoffnung, doch sie wird enttäuscht. Zur Tat sagt Elisabeth S. nur: Sie könne sich "das Ganze nicht erklären", sie kriege es "mit ihrer Person und Ole nicht auf die Reihe". Sie habe ihn doch gemocht. Ole sollte an jenem Abend baden, sie habe Wasser eingelassen, aber er wollte nicht in die Wanne. Sie habe ihm eine Geschichte erzählt, Ole sei eingeschlafen. In der Nacht, so gab der Gutachter ihre Schilderung wieder, sei der Junge aufgewacht, habe schwer geatmet. Sie habe ihn gefragt, was los sei, habe ihn geschüttelt. Ole habe "noch schlechter" geatmet. Sie sei in Panik geraten, habe ihn ins Badezimmer gezogen, sein Gesicht mit Wasser beträufelt. Dabei sei er "ins Wasser geplumpst". In Panik sei sie weggelaufen. Wie Ole gestorben sei, das wisse sie nicht, auch nicht, woher die Würgemale kämen. In ihrer ersten Vernehmung hatte sie noch erzählt, dass Ole gehüpft und mit dem Hals auf die Bettkante geschlagen sei. Es wird noch eine dritte Variante geben: Sie habe versucht, Ole zu reanimieren, und dabei "alles falsch gemacht".

Ist Elisabeth S. krank? Handelte sie in einem Wahn? Darauf gibt es keine Hinweise. Sie habe während ihrer Schilderungen manchmal weinerlich und bedrückt gewirkt, aber sie erschien ihm "klar", sagt der Gutachter.

Mitte Januar erklärt Elisabeth S., sie übernehme die Verantwortung für den Tod von Ole. Dem Motiv allerdings ist das Gericht keinen Schritt näher gekommen.

Jens Rabe, Anwalt der Eltern, konfrontiert sie darauf mit dem möglichen Motiv. Sie habe Angst gehabt, dass sie Ole weniger oder gar nicht mehr sehen dürfe. "Und wenn Sie ihn nicht haben konnten, dann sollte ihn keiner haben."

Elisabeth S. schweigt.

"Ganz arge Angst"

Es gibt eine Zeugin, die womöglich Licht ins Dunkel bringt. Edeltraud, 71, ist einer der wenigen Menschen, zu denen Elisabeth S. Vertrauen hat. Die langjährige Freundin wohnt in Bayern und telefonierte häufig mit Elisabeth S. In den beiden Wochen vor der Tat beinahe täglich. Am 10. April klingt Elisabeth S. verzweifelt und traurig. Sie liege noch im Bett, obwohl draußen die Sonne scheine. "Ich brauche jemanden, der mich an die Hand nimmt, Traudl."

Die Freundin fragte, ob sie den Sohn oder ihren Bruder anrufen solle, zu dem sie ein gutes Verhältnis hat. Darauf habe Elisabeth S. panisch reagiert. Ihre größte Angst: dass sie in die Psychiatrie eingewiesen wird – und Oles Eltern von ihren Problemen erfahren könnten. Sie habe "ganz arge Angst, den Ole zu verlieren". Zweieinhalb Stunden lang sprechen sie. "Mein Leben geht zu Ende", sagte Elisabeth S.

Sie konsultiert auf Drängen der Freundin die Hausärztin, bekommt ein Schlafmittel, setzt es aber nach ein paar Tagen ab. Aufgewühlt erzählt sie von einem Telefonat mit Oles Vater: "Stell dir vor, er sagte zu mir: Ich dachte, du bist krank. Wie kommt der auf die Idee, dass ich krank sein könnte?" Ihre Sorge: "Die denken, ich bin krank! Ich kriege dann das Kind nicht mehr." Ole aber sei für Elisabeth, die keine eigenen Enkel hatte, der Lebensinhalt gewesen. "Sie war glücklich, für ihn sorgen zu können. Sie hat das Kind geliebt."

Dass Elisabeth S. schon länger Probleme hatte, wussten nur wenige. In den 80er Jahren galt sie als Kleptomanin, die zwanghaft stahl. Die Praxis, in der sie arbeitete, habe sie wegen Diebstahls entlassen, berichtet der Beamte, der ihre Vorgeschichte ermittelte. Auch ein Buchhändler ertappte sie, ihr Mann brachte die Bücher zurück. Fehlendes Geld war nicht der Grund. Der Ehemann hatte als Beamter eine sichere Anstellung, sie besaßen ein Haus und hatten zwei Einkommen. Behandeln ließ sich Elisabeth S. offenbar nicht. Ihre Angst vor der Psychiatrie war größer als die Angst vor den inneren Dämonen.

Zu Gutachter Heinrich sagte sie, es sei ihr immer wieder schlecht gegangen, besonders nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2009. Das aber habe sie in sich hineingefressen, sie wollte "keine Belastung sein".

Rückzug

"Niemand konnte in sie hineinschauen", sagt ihre Freundin. Die Fassade musste stimmen. Elisabeth S. habe sich gern "in besseren Kreisen" bewegt. "Sie hat quasi andere Leben zu ihrem eigenen gemacht, sie identifiziert sich sehr stark mit anderen Menschen."

Sie sei immer für andere da gewesen, so charakterisierte sie sich selbst im Gespräch mit dem Gutachter, schon als Kind habe sie sich um ihre Brüder gekümmert.

Sie engagierte sich jahrzehntelang in der SPD, war Schöffin am Jugendgericht, arbeitete ehrenamtlich für die "Tafel" und in der Kleiderkammer des DRK. In der Schule, an der Oles Mutter unterrichtete, war sie Lesepatin.

Doch 2016 begann ihr Leben erneut zu erodieren. Sie verlor ihre Zähne, hatte Probleme mit der Prothese und zog sich deshalb aus ihrem Bekanntenkreis zurück. Ihr Sohn erkrankte schwer an einer doppelseitigen Lungenentzündung. Die Schule brauchte keine Lese-Omas mehr: Deshalb sei sie traurig gewesen, erinnert sich Oles Mutter.

Sie ließ den Keller vermüllen, hortete Geschirr, Zeitschriften, Bücher, Kleider. Den Garten hingegen pflegte sie. Sie habe sich wegen des anstehenden 70. Geburtstag Sorgen gemacht, gesteht sie dem Gutachter. Sie habe vieles nicht mehr "hingekriegt". Erzählt habe sie davon keinem.

Zu Weihnachten 2017 schreibt ihr Oles Mutter eine Karte: "Liebe Elisabeth, wir wünschen dir ein schönes Weihnachtsfest, und wir freuen uns auf viele gemeinsame Stunden."

Doch die gemeinsamen Stunden mit Ole werden weniger. Der Junge ist jetzt in der zweiten Klasse. Er fährt nach der Schule Roller, lernt schwimmen, Karate, spielt Tennis, trifft Freunde. Die Eltern wollen, dass er als Einzelkind "viele Sozialkontakte" zu Gleichaltrigen hat.

Elisabeth S. sagt Oles Mutter einmal: "Ich seh euch nicht mehr, ich hör gar nichts mehr von euch." Sie wurde anfangs für ihre Dienste bezahlt, später bedankte sich Katja May mit kleinen Geschenken, man nahm sie zu Ausflügen mit. "Sie war erweiterte Familie."

Warum?

Etwas Ähnliches sagt Elisabeth S. wenige Wochen vor der Tat, doch es klingt anders. Sie lädt die Mays zu ihrem Geburtstag ein. Sie müssten auf jeden Fall kommen. "Ihr seid doch meine Familie." Familie? Hatte sich Elisabeth S., die zusehends vereinsamte, zu viel erhofft?

In dem langen Telefonat, in dem sie ihre Ängste offenbart, Ole zu verlieren, gibt die Freundin aus Bayern Elisabeth S. einen Rat: "Lade die Mutter ein, rede mit ihr." Es klingt so einfach. Und vielleicht hätte es geholfen. Denn die Eltern hatten nicht vor, ihr Ole zu entziehen. Sie sollte sich weiter um den Jungen kümmern, nur ein bisschen weniger.

Auf ihrem Handy fand die Polizei viele Fotos von Ole. Das letzte ist aufgenommen am Freitagabend, 27. April, 19.44 Uhr. Ole im Schlafanzug auf dem Sofa, lächelnd. Sie habe der Mutter wie üblich das Bild schicken wollen, sagte Elisabeth S. dem Gutachter. Warum hat sie es nicht getan? Auch dafür bleibt Elisabeth S. eine Erklärung schuldig.

* Name der Eltern von der Redaktion geändert

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

Honeymoon-Horror: Mord in Kapstadt