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stern-Reportage

Mexiko: Das Gesetz sind wir: Die Bürgerwehr, die im Narcoland die Kartelle austrickst

Der Staat: machtlos. Die Drogenmafia: vertrieben. In einer Kleinstadt in Mexiko haben die Bürger Polizei und Justiz übernommen, um sich vor den Gewaltorgien der organisierten Banden zu schützen. Sie richten über ihre Nachbarn – und töten, wenn es sein muss.

Mexiko: Bürger haben Polizei und Justiz übernommen

Mexiko: Mit konfiszierten oder selbst gekauften Waffen patrouillieren Lehrer und Taxifahrer im Dunkeln durch Xaltianguis, um ihre Nachbarn zu schützen

Hinweis: Dieser Text erschien bereits im Juni im stern und später auch auf stern.de. Er gehört zu den erfolgreichsten Texten des Jahres. Die besten Stücke spielen wir in loser Reihenfolge bis zum Ende des Jahres.

Es mag ziemlich seltsam erscheinen, wenn der Polizeichef deiner Stadt der lokale Kaufmann ist und der Richter ein Ingenieur und das Militär eine Gruppe aus 30 bewaffneten Volksschullehrern. Aber in dieser Stadt in den kargen Hügeln ist nichts mehr richtig seltsam. In dieser Stadt, ja diesem Land, ist die Seltsamkeit längst zur Norm geworden.

Schon die Anreise nach Xaltianguis war ein Trip in die Randgebiete des Surrealismus. Sie begann in Acapulco, diesem einst glorreichen Seebad der Klippenspringer und Luxusurlauber. Heute kämpfen hier 186 Banden um jeden Meter Drogenrevier, und wenn die einen mit Enthauptungen agieren, antworten die anderen mit Verstümmelungen, als wollten sie in ihrer verrohten Grausamkeit den "Islamischen Staat" übertreffen.

Schon am Ortseingang wachen die Späher der Drogenmafia

Wenn in Acapulco heute noch etwas regiert, dann die Anarchie der Drogenkriege. Von Acapulco führt die Landstraße 95 tief hinein ins bergige Narcoland durch Dörfer, die in ihrer Seelenlosigkeit nach nichts als dem Kilometerstand benannt sind: Kilometer 30, Kilometer 42. Schon am Ortseingang wachen die Späher der Drogenmafia und kontrollieren die Autos wie Militärposten. Aber anders als in Acapulco toben hier keine Kriege, die Orte sind fest in der Hand einer autoritären Mafiafamilie – Los Arizmendi – mit Duldung von und Politik.

Hier herrscht so etwas wie das zweite Regierungsmodell Mexikos: die Diktatur eines Kartells.

Und dann kommt bei Kilometer 48 die in den trockenen Bergen gelegene Stadt Xaltianguis – 20 000 Einwohner, zehn Kirchen und eine Mordrate, die bis vor Kurzem die Aleppos übertraf. Statt Ortsschild begrüßen uns an einer Straßensperre drei uniformierte mit Gewehren und der Aufforderung, etwas für die örtliche Bürgerwehr zu spenden, eine Art Wegzoll oder Kollekte, ganz wie man will. Ein Transparent über der Straße verkündet das Motto der Stadt: "Wenn du schon nicht kämpfst, habe den Anstand, die zu respektieren, die es tun."

Die "policía comunitaria" bewacht Feste und Fußballturniere im Ort – ihre Präsenz wird von allen Einwohnern akzeptiert

Die "policía comunitaria" bewacht Feste und Fußballturniere im Ort – ihre Präsenz wird von allen Einwohnern akzeptiert

Gleich dahinter liegt die frisch gestrichene Wache der neuen , der "autodefensa", dekoriert mit einem indianischen Wappen aus Zeiten der Azteken. Dort sitzen in einem klimatisierten Raum drei bewaffnete Männer im Halbkreis, die Anführer des neuen Regimes und Hauptfiguren dieser Geschichte:

Edgar, 28, ein feinfühliger Musiklehrer, der jetzt als Soldat auf Patrouille geht. Álvaro, 38, ein umtriebiger Ingenieur, der plötzlich Richter ist.

"Der Staat ist in Mexiko Teil des organisierten Verbrechens."

Und Comandante Pájaro, 51, Inhaber eines Krämerladens und jetzt Anführer der "policía comunitaria", der 150 Mann starken Bürgerpolizei.

Gibt es hier keine staatliche Polizei?, fragen wir sie.

"Die trauen sich nicht her", antwortet Pájaro.

Auch kein Militär?

"Die müssen bei uns vorher um Erlaubnis bitten."

Überhaupt kein Staatsorgan?

"Der Staat ist in Mexiko Teil des organisierten Verbrechens."

Und die Mafia?

"Die haben wir vertrieben."

Pájaro ist nie richtig zur Schule gegangen, inzwischen aber so was wie der Kommandant der Stadt. Er übernahm das Amt vor neun Monaten, nachdem der Gründer der Bürgerwehr, der Taxifahrer Miguel, von der Mafia erschossen wurde. In seiner Jeans trägt Pájaro eine Pistole, am Hosenbund Handschellen und Funkgerät. 18 Jahre hat er als Tagelöhner in den USA gelebt und nicht viel mehr mitgebracht als eine zerfräste Hand und eine Akne, die aus seinem Gesicht eine Gebirgslandschaft geformt hat. "Aber wer sich an solchen Sachen stört, ist hier am falschen Ort", sagt er.

Die Bürgerpolizei kontrolliert die Bundesstraßen in ihrem Revier – und blockiert sie, um politische Forderungen durchzusetzen

Die Bürgerpolizei kontrolliert die Bundesstraßen in ihrem Revier – und blockiert sie, um politische Forderungen durchzusetzen

Auf dem Schreibtisch vor ihm liegen frisch abgezählt Patronen, Pistolen und in Form eines Faltblatts das Gesetz des Ortes. Sie haben es gerade selbst geschrieben. Die Präambel heißt: "Ein vereintes Volk wird nie bezwungen". An der Wand hängen das Foto zweier mexikanischer Freiheitshelden und der Spruch: "Würden die beiden noch leben, hätten sie Präsident Peña Nieto und seine Ratten längst erschossen." Auf dem Bett liegt eine AK-47.

"Ich wurde entführt wie so viele"

Das Ganze hat was von Wildem Westen oder Utopia. In jedem Fall von Neuanfang. Xaltianguis ist eine Kleinstadt wie viele andere in Guerrero, dem derzeit gefährlichsten Bundesstaat Mexikos. Sie liegt auf dem Weg von Mexico City nach Acapulco und somit auf der Hauptroute der Drogenkartelle. Sie war ein Hauptschauplatz für Entführungen, Morde und Schutzgelderpressungen, und wer etwas von der grausamen Normalität erfahren will, braucht den drei Männern auf der Wache nur eine Weile zuzuhören:

"Ich wurde entführt wie so viele", sagt Edgar, der Musiklehrer. "Auch mein Cousin. Wir suchen immer noch nach ihm."

"Mein zehnjähriger Sohn sollte gekidnappt werden", erzählt Álvaro, der Ingenieur. "Wir jagen gerade die Täter." "Wir hatten in unserer kleinen Stadt 150 Morde und Vermisste pro Jahr", sagt Pájaro. "Keiner traute sich nach 16 Uhr noch aus dem Haus. Ich glaube nicht, dass der Terror unter den Taliban schlimmer ist."

Für einen Augenblick klingt es, als sei Trumps Mauer keine so schlechte Idee. Wenn man so will, vertreten die drei Männer die neue Gewaltenteilung in der Stadt. Edgar die Exekutive, Álvaro die Judikative, Pájaro die Legislative. Aber sie haben auch ein persönliches Anliegen. Edgar sucht seinen Cousin. Álvaro die Entführer. Pájaro die Leichen.

Aus Angst vor Entführungen badete an diesem Fluss lange Zeit niemand mehr. Jetzt herrscht wieder Hochbetrieb

Aus Angst vor Entführungen badete an diesem Fluss lange Zeit niemand mehr. Jetzt herrscht wieder Hochbetrieb

Vor zwei Jahren gingen die damals herrschenden Banden zu weit. Sie verlangten von Bürgern Schutzgelder dafür, sie nicht zu entführen, eine Art provisorisches Lösegeld, eine Nichtentführungsgebühr von 500 Pesos pro Woche. "Wer nur 400 auftrieb, wurde erschossen" , sagt Pájaro, "Wegen 100 Pesos, fünf Dollar. So hielten sie die Angst hoch."

Da organisierten die Männer 15 Lastwagen und 2000 Bürger auch aus umliegenden Gemeinden und starteten eine Invasion. Sie trieben die Gangs mit Knüppeln, Sturmgewehren und Fleischermessern in die Hügel. An einer Schlucht kesselten sie sie ein, töteten einige und nahmen andere fest. "Limpiar el pueblo" nannten sie die Aktion. Dorfsäuberung.

Sie schufen den Consejo, ein Bürgergericht

In den Folgetagen gründeten sie so etwas wie einen eigenen Staat, das, was sie die wahre Volksherrschaft nennen. "Wir orientierten uns an indianischen Vorfahren", erklärt Álvaro, "am Konzept uso y costumbre" – Gebräuche und Traditionen. "Wir kennen uns ja, seit wir klein sind. Wir wissen, wer gut und wer böse ist."

Sie schufen ihre Bürgerpolizei, in der 150 Männer auf Patrouille gehen, samstagnachts die Lehrer, zum Beispiel, sonntags die Taxifahrer. Sie schufen den Consejo, ein Bürgergericht, wo sie im Schnellverfahren urteilen und Strafen aussprechen, eine Woche Straßenkehren etwa. Sie richteten Grenzkontrollen ein und bauten an der Wache ein Gefängnis, aus dem gerade Rufe schallen: "Ich will hier raus."

"Das ist mein Neffe", sagt Pájaro nüchtern. "Er ist zu schnell Auto gefahren und hat zwei Tage Knast gekriegt. Wir machen vor keinem Verwandten Halt."

So funktioniert jetzt im Kern die neue Ordnung von Xaltianguis: Der Onkel steckt seinen Neffen in den Knast. Der Krämer den Studenten. Am Sonntag sollen sie dann wieder zusammen grillen.

Comandante Carlos Pájaro vor seiner Wache. Neben ihm hängt das Budget der Truppe, für alle einsehbar

Comandante Carlos Pájaro vor seiner Wache. Neben ihm hängt das Budget der Truppe, für alle einsehbar

"Es ist nicht leicht", gibt Edgar zu, Vater zweier kleiner Kinder. "Wir führen alle ein Doppelleben. Stell dir vor: Du musst plötzlich über deinen Nachbarn richten, wenn er seine Frau schlägt. Aber das ist der Preis der Volksherrschaft."

Es ist, nach der Anarchie in Städten wie Acapulco und der Narco-Diktatur anderer Orte, so etwas wie das dritte alternative Regierungsmodell Mexikos: die Volksherrschaft. Es passt in eine Zeit, in der ein diffuses Gefühl von Elitenskepsis die Menschen global erfasst hat. Das Volk, unzufrieden mit den Herrschern, nimmt sein Schicksal in die eigene Hand. Es bewaffnet sich. Es richtet. Es straft. Der Staat wird zum Feind. Es handelt sich um eine radikale Form der Basisdemokratie, eine Neudefinition des Wortes Bürgerbeteiligung. Eine schwierige Nummer für Menschen mit westlichem Rechtsempfinden, aber wer sie verurteilen will, sollte eine Patrouille auf der Suche nach Massengräbern begleiten.

Im Schutt des Hauses stehen ein Verhörstuhl und ein Metallgitter

In der Mittagshitze springen Comandante Pájaro und sieben weitere Männer auf die Ladefläche eines weißen Pick-up-Trucks. Sie haben ihn der Polizei in der Stadt Iguala gestohlen in einer "Umverteilungsaktion ans Volk". Sie tragen ihre Uniformen, grüne T-Shirts mit dem Aufdruck "Bürgerpolizei Xaltianguis" – und Waffen, die sie bei Banden konfisziert haben. Über dem Tal liegt ein Schleier aus Dunst und Staub, der alles in ein mattes Beige taucht.

Gegen Mittag erreichen die Männer eine verlassene Farm auf einem weitflächigen Gelände, genannt La Escondita, die Versteckte. Es handelt sich um das Folterhaus einer Gang. Auf ihrer vorigen Mission fanden sie hier zwei Massengräber, doch noch immer fehlen die Leichen Dutzender Bürger. Im Schutt des Hauses stehen ein Verhörstuhl und ein Metallgitter, an das die Opfer gehängt wurden, um ihnen Lippen und Haut abzuziehen. An der Wand prangen in schwarzer Kreide die Szenen der Vergewaltigung einer Frau.

"Es war eine Terrorherrschaft, nicht anders als beim 'Islamischen Staat'", sagt Pájaro, dieser eher stille Grantler. "Wir mussten lernen: Du kannst Terror nur mit Gewalt bezwingen."

Pájaro und seine Männer rammen die Spaten in die vertrocknete Erde und beginnen mit dem Graben. Die meisten von ihnen haben ein persönliches Motiv, sie haben Angehörige und Freunde verloren. Man hat in Xaltianguis oft den Eindruck: Es gibt keine unbeteiligten Bürger mehr. Es gibt nur Opfer oder Täter.

Den Knast in der Kleinstadt haben die Einwohner selbst gebaut. Häftlinge schlafen auf dünnen Decken

Den Knast in der Kleinstadt haben die Einwohner selbst gebaut. Häftlinge schlafen auf dünnen Decken

"Noch fehlen uns 100 Leichen plus die 43", sagt Pájaro. Er meint die 43 Studenten, die im September 2014 im nah gelegenen Iguala verschwanden. Polizei und Bürgermeister hatten sie zur Exekution an eine kriminelle Bande übergeben. Er sagt: "Wir hören nicht auf, bis wir sie finden."

Der Comandante fühlt sich noch immer nicht ganz wohl in seiner neuen Rolle. Er wollte sich in seiner Heimatstadt eigentlich zur Ruhe setzen. Jetzt ist er Krämer, Leichengräber und Dorfsheriff in einer Person. Sein Tagespensum reicht von Milch verkaufen bis Mörder jagen. "Viele konnten entkommen", sagt er. "Aber unsere Sondereinheit ist dran. Unsere Lehrer."

Wir händigen euch 50 Banditen aus, dafür wollen wir eine neue Landstraße

Das Modell der Bürgerwehren begann in Mexiko 2011 unter Führung des Community-Leaders Bruno Plácido hier in Guerrero. Erschöpft von Jahren der Gewalt, gründete er die erste Bürgerwehr im Ort Buena Vista und verbreitete das Modell im ganzen Bundesstaat. Bis heute werden 40 der 81 Gemeinden von den "autodefensas" kontrolliert, auch in den Nachbarstaaten Oaxaca und Michoacán haben sie sich ausgebreitet. Ein neues Gesetz – Ley 701 – gibt ihnen das Recht dazu. Ihre neue Stärke nutzen sie in bilateralen Verhandlungen mit dem Staat schon mal für bizarre Deals: Wir händigen euch 50 Banditen aus, dafür wollen wir eine neue Landstraße.

Inzwischen häufen sich die Seltsamkeiten: Als die Mafia im Ort Totolapan kürzlich einen Bauingenieur entführte, kidnappte die Bürgerwehr im Gegenzug die Mutter des Mafiaführers. In einigen Orten sind Bürgerwehren zudem in den Drogenhandel eingestiegen und erlauben Bauern den Anbau von Mohn für die Opiumproduktion. Comandante Pájaro gibt zu: "Schon einen Ort weiter, in Kilometer 42, regieren die Narcos, allerdings ohne das Volk zu drangsalieren. Wir respektieren die Grenzen." Er sagt Grenzen, frontera, als handele es sich tatsächlich um ein anderes Staatsgebiet.

Entführte wurden in diesem Haus gefoltert, heute steht es leer. Nach vielen Toten wird weiter gesucht. Einschusslöcher in der Wand zeugen von einer Schlacht zweier Banden

Entführte wurden in diesem Haus gefoltert, heute steht es leer. Nach vielen Toten wird weiter gesucht. Einschusslöcher in der Wand zeugen von einer Schlacht zweier Banden

"Einer der Clanführer dort ist der Mann meiner Schwester", ergänzt sein Vizekommandant, der Lehrer Aqua Gio, und zuckt lässig mit den Schultern. "Wir sehen uns bei Familienfeiern. Was willst du machen?" So ist das in ihrer "Außenpolitik". Auch Angela Merkel muss sich mit Schurkenstaaten arrangieren.

Zwei Jahre nach der Befreiung ist in Xaltianguis eine Art Normalität eingetreten. Händler müssen keine Schutzgelder mehr zahlen. Eine Tankstelle hat aufgemacht, auch ein Hotel, eine Apotheke. Fußballturniere finden wieder statt. Sie mögen ein seltsames Regierungssystem installiert haben, aber es hat etwas Frieden gebracht. "Wir haben jetzt erstmals einen Krankenwagen", sagt Pájaro. "Wir haben ihn dem Staat im Tausch für festgenommene Verbrecher abgerungen." Das ist ihre Form des Handelsabkommens: Verbrecher gegen Krankenwagen.

In der Nacht dagegen herrscht noch Ausnahmezustand. Dann treten die 30 Lehrer unter Edgars Führung zur Patrouille an. Ein dramatisch klingender Notruf geht ein: "Ich höre furchtbare Schreie aus dem Nachbarhaus."

Sie tragen schusssichere Westen, Gewehre und Masken

In ihren geklauten Geländewagen schwärmen die Lehrer aus in die Nacht. Die Kälte ist über die Berge gekrochen und hat die Tageshitze Richtung Küste vertrieben. Überall am Weg verteilen Bürger Getränke und Snacks an die Pädagogen und feuern sie an. "Wie beim Marathonlauf", sagt Edgar. Sie tragen schusssichere Westen, Gewehre und Masken, um nicht erkannt zu werden, aber die Kinder erkennen sie an der Statur: "Hallo, Lehrer López", rufen sie Edgar zu.

Edgar, dieser junge Musiklehrer mit Kinnbart und sanfter Stimme, fremdelt noch immer mit seinem neuen Leben. "Ich zittere mit dem Ding in der Hand", sagt er und zeigt auf seine Kalaschnikow. Er, der Musikliebhaber, soll plötzlich so was wie ein Elitesoldat sein. "Meine Familie will nicht, dass ich auf Patrouille gehe. Aber wenn wir Bürger es nicht machen, wer dann? Und so kann ich am besten nach meinem entführten Cousin suchen."

Kindermädchen Rosita (l.) sollte im Auftrag der Mafia ihre Schützlinge entführen. Jetzt darf sie nur in Begleitung das Haus verlassen

Kindermädchen Rosita (l.) sollte im Auftrag der Mafia ihre Schützlinge entführen. Jetzt darf sie nur in Begleitung das Haus verlassen

Edgar geht bei den Einsätzen jedem kleinen Hinweis nach, vor allem in Flussnähe, wo auch er entführt wurde. "Sie lauerten mir auf dem Schulweg auf und stießen mich in ein Auto. Sie verlangten drei Millionen Pesos Lösegeld. Mein Vater musste Land verkaufen und sich Geld von Nachbarn leihen. Er bekam 800.000 Pesos zusammen, 40.000 Dollar. Bei der Übergabe führten mich die Kidnapper zur Müllhalde und ließen mich hinknien. Ich dachte, jetzt kommt der Genickschuss."

Sein Blick ist leer, als wisse er nicht, ob er froh über den Ausgang sein soll.

Am Einsatzort angekommen umzingeln seine Männer das Haus. Der Geschichtslehrer verheddert sich in den Büschen. Edgar zieht erschrocken seine Pistole. Er hört Schreie, es sind die einer Frau. "Wieder nicht mein Cousin", raunt er. Auf sein Kommando hin stürmen die Pädagogen polternd das Haus. Sie klingen eher wie eine Fanhorde als wie ein Sondereinsatzkommando. Sie nehmen einen prügelnden Ehemann fest und führen ihn in einem Triumphzug zur Wache. So machen sie es auch mit Vergewaltigern und Dealern. Wenn sie Drogen finden, verbrennen sie das Zeug für alle Bürger sichtbar auf dem Sportplatz. Schon am nächsten Tag folgt dann der kurze Prozess.

Lyncht das Volk?, fragen wir Edgar.

"Nicht bei uns. Weiter in den Bergen in kleinen Dörfern schon. Bei uns kommen die Täter vors Schnellgericht."

Jeder kennt hier jeden. Das ist ein Vorteil. Und gleichzeitig das Dilemma

Jeden Abend ab 19 Uhr versammeln sich auf dem Hügel oberhalb der Wache zehn Männer an einem Plastiktisch: Unternehmer, Kaufleute, Pensionäre, keine einzige Frau. Unter Führung Álvaros tagt der Consejo, eine Kommission aus vom Volk bestimmten Bürgern, eine Mischung aus Gericht und Rat der Weisen. Abend für Abend beraten sie über die kleinen und großen Fälle im Ort: Scheidung, Betrug, Gewalt in der Ehe. Sie tragen Schirmmützen, Polohemden, Jeans, sie sitzen auf Plastikstühlen.

In der Abenddämmerung steigen aus der Stadt die Bürger den Hügel hinauf. Sie stellen sich geduldig in die Schlange und tragen ihre Anliegen vor: Mein Kollege verunglimpft mich in sozialen Medien. Meine Tochter wurde von ihrem Mann verprügelt. Mein Mann ist kein Kidnapper.

Die Ehefrau dieses Mannes nimmt Platz und schüttelt die Hände der Richter. "Hallo, Nachbar", grüßt sie einen. "Hallo, Nachbarin", grüßt der Richter zurück.

Jeder kennt hier jeden. Das ist ein Vorteil. Und gleichzeitig das Dilemma.

"Was ist mit einem Anwalt?", fragt die Frau.

"Ihr braucht keinen Anwalt", sagt Álvaro. "Anwälte und Menschenrechte gibt es hier nicht. Ihr seid eure besten Anwälte."

"Ich will, dass das Volk urteilt."

"Wir sind die Vertreter des Volkes", sagt Álvaro. "Wir nehmen kein Geld dafür." Er zeigt auf ein Plakat, das Motto des Consejos: "Wer nicht lebt, um zu dienen, taugt nicht, um zu leben."

Der Lehrer Edgar verhüllt auf Patrouille des Nachts sein Gesicht. Seine Schüler erkennen ihn dennoch

Der Lehrer Edgar verhüllt auf Patrouille des Nachts sein Gesicht. Seine Schüler erkennen ihn dennoch

Die Frau trägt den Fall vor. Ihr Mann sei kein Gangster. Er sollte selbst entführt werden. Er habe aus Notwehr geschossen. Er sitze zu Unrecht im Gefängnis.

Die Laienrichter geraten ins Grübeln. Sie sind hier Detektive, Mediatoren und Richter in einem – und ein wenig überfordert. Innerhalb von 48 Stunden müssen sie im Konsens entscheiden, so sieht es ihr neues Bürgergesetz vor. Aber die Fälle sind oft zu komplex für ein Schnellverfahren.

"Gewaltenteilung ist Luxus"

"Widersprüchliche Beweislage", resümiert Álvaro schließlich. Der Verdächtige möge eine Woche lang die Straßen putzen. Für viele ist das eine Art Höchststrafe. So werden sie zum Gespräch der Leute. Es heißt dann: Aha, da putzt ein Täter.

In solchen Momenten stößt das Bürgermodell an seine Grenzen. Es herrscht die romantische Vorstellung, dass gesunder Sachverstand die Jurisprudenz ersetzt. Bei einem kleinen Dorf mag das noch funktionieren. Bei einer 20.000-Einwohner-Stadt wie Xaltianguis schon weniger. Bei einer Großstadt wie Acapulco völlig ausgeschlossen.

Álvaro wendet ein: "Ihr dürft Europa nicht zum Maßstab machen. Gewaltenteilung ist Luxus, wenn dein Volk ermordet wird. Wenn es in Mexiko Gewaltenteilung gibt, dann zwischen 1000 kriminellen Banden. Und Menschenrechte schön und gut, aber die zerschellen, wenn es um Kidnapping geht – wie in meiner Familie."

Álvaro ist ein kleiner, wendiger Mann, der so schnell redet, wie er geht. Er ist gleichzeitig auch der Schatzmeister von Xaltianguis. Er setzt sich auf dem Ortsplatz an einen langen Tisch und zählt für alle sichtbar die Einnahmen, Türme von Münzen. "Totale Transparenz" nennt er das. "Ich sammele zudem Geld vom Gouverneur ein, um die Bürgerwehr zu bezahlen. 100 Pesos pro Tag pro Soldat."

Wir dachten, es gibt keine Kontakte zum Staat?

"Der Gouverneur will nur Ruhe haben. Wenn wir diese auf unsere Weise herstellen, ist ihm das recht."

Nach mehreren Tagen in Xaltianguis wird klar: Die "autodefensas" sind nicht so unabhängig, wie sie behaupten. Es gibt durchaus Kontakte zum Staat und zur Mafia.

Der Ingenieur Álvaro (links hinten) steht als Richter dem Bürgerrat vor. Beschuldigte müssen sich hier selbst verteidigen

Der Ingenieur Álvaro (links hinten) steht als Richter dem Bürgerrat vor. Beschuldigte müssen sich hier selbst verteidigen

Vor einigen Monaten bekamen es die Volksrichter mit dem größten Kriminalfall der vergangenen Jahre zu tun. Er wurde den Bürgern öffentlich auf dem Sportplatz präsentiert, wie alle wichtigen Fälle. Man führte acht Mitglieder einer Bande vor, die vermutlich auch Edgars Cousin verschleppten und Álvaros Sohn entführen wollten. Das Volk musste davon abgehalten werden, die Verdächtigen zu lynchen.

"Willst du eine Entführerin kennenlernen?", fragt Álvaro. "Komm mit."

Er führt durch die anbrechende Nacht ins Stadtzentrum, in eine belebte Straße, in der Avocados 15 Cent kosten und ein Auftragsmord 80 Euro. In seiner Jeans sitzt locker ein Revolver, den er auf dem Schwarzmarkt erstanden hat. Sporadisch flackert das fahlgelbe Licht der Laternen, das alles in eine gruselige Tatortkulisse verwandelt. Aber vielleicht ist das nach einer Woche Wilder Westen schon Paranoia.

Álvaro bleibt vor einem gelben Flachdachhaus stehen: "Der Tatort", sagt er. "Mein Zuhause."

"Beide Seiten wollen sie beseitigen: die Angehörigen der Opfer und die Mitglieder der Bande."

Drinnen läuft der Fernseher, Real Madrid spielt. Aus der Küche zieht der Geruch von Enchiladas. Drei kleine Kinder toben durchs Haus. Nur der älteste Sohn sitzt ruhig auf dem Sofa, Alvarito, zehn Jahre.

"Er sollte im Dezember entführt werden, mit zwei anderen Kindern. Für je fünf Millionen Pesos Lösegeld, 250.000 Dollar", erklärt Álvaro.

Der Junge ist etwas überrascht von der Präsentation. Er wollte eigentlich Fußball gucken.

"Er kennt die Details", sagt der Vater. "Wir haben ihm alles erzählt."

Alvarito nickt.

Neben ihm sitzt ein 16-jähriges Mädchen mit großen braunen Augen und einer roten Schleife im langen Haar.

"Das ist Rosita", sagt Álvaro. "Sie ist Teil der Bande. Sie hat als Babysitterin das Leben unserer Kinder ausspioniert."

"Ich wurde gezwungen", verteidigt sich Rosita. Sie senkt den Kopf.

Kronzeugin Rosita soll gegen die Mafia aussagen. Was danach mit ihr geschieht, ist ungewiss

Kronzeugin Rosita soll gegen die Mafia aussagen. Was danach mit ihr geschieht, ist ungewiss

Es ist eine beklemmende Situation. Rosita blickt voller Angst. Ebenso Alvarito. Da sitzen Opfer und Täter beieinander wie eine Einheit.

Du bist hier immer noch Babysitterin?, fragen wir sie.

"Ja", antwortet sie leise und blickt Álvaro an, als müsse sie um Erlaubnis für jedes Wort bitten.

"Rosita wird als Kronzeugin in einem staatlichen Prozess gegen die Bande aussagen", erklärt Álvaro. "Im Consejo haben wir beschlossen: Unter Hausarrest ist sie am besten aufgehoben."

Und nach dem Prozess?

"Beide Seiten wollen sie beseitigen: die Angehörigen der Opfer und die Mitglieder der Bande."

Álvaro blickt sie an. Rosita blickt weg. Keiner sagt mehr was.

Und Sie?, fragen wir ihn später. Wollen Sie Rosita auch beseitigen?

"Ich überlege noch", sagt er. "Pájaro hat mir dazu geraten. Aber Sie können sie auch gern außer Landes bringen."

Es ist der seltsamste Fall in diesem seltsamen Regime dieses seltsamen Landes. Ein ehrenwerter Bürger, Vater von vier Kindern, Volksrichter, lässt die Entführerin seines Sohnes weiter im Haus leben und überlegt, sie später umzubringen.

Man geht und weiß nicht weiter.

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