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stern Crime

Der mysteriöse Tod von Frauke Liebs: "Komm doch wieder." "Das geht nicht. Ich lebe noch."

Ein Sommerabend 2006. Während die Deutschen die Fußball-WM feiern, verschwindet in Paderborn eine junge Frau. Sieben Tage lang sendet sie verstörende Lebenszeichen. Dann herrscht Stille. Was geschah mit Frauke Liebs?

Frauke Liebs und Fußgängertunnel in Paderborn

Welchen Heimweg wählte Frauke Liebs am 20. Juni 2006, als sie zuletzt im Irish Pub in der Paderborner Innenstadt gesehen wurde?

Das Verschwinden

Ingrid Liebs, Fraukes Mutter: Die Ferien standen vor der Tür. Es war der 20. Juni. Ich besuchte Frauke in Paderborn. Sie wollte an dem Abend Fußball schauen. Vorher sind wir essen gegangen, Frauke, Chris und ich. Die beiden waren schon über ein Jahr nicht mehr zusammen, aber immer noch gute Freunde. Sie lebten in einer Zweier-WG.
Isabella Cameron, Fraukes Freundin: Während sie mit ihrer Mutter und Chris essen war, schrieb ich Frauke eine SMS: "Wir sitzen jetzt im Pub. Gute Sicht auf die Leinwand. Komm gerne vorbei."
Chris Karaoulis, Fraukes Mitbewohner: Um kurz vor neun setzten wir sie am Pub ab. Ich hatte keine Lust aufs Spiel, wollte lieber mit meiner neuen Freundin telefonieren. Weil ich meinen Wohnungsschlüssel vergessen hatte, lieh mir Frauke ihren. Und ich versprach ihr, dass ich aufbleibe und ihr aufmachen werde.
Freundin Isabella: Alle waren im Fußballfieber. Wir hatten noch verabredet, dass wir Rot und Weiß tragen an diesem Abend, England spielte gegen Schweden. Wir saßen wie im Kino in einer Reihe. Sie schrieb die ganze Zeit SMS mit Niels, einem meiner besten Freunde, den sie gerade kennengelernt hatte. Plötzlich piepste ihr Handy, ging aus. Akku leer. Wir hatten das gleiche, ich lieh ihr meinen, bekam ihn später zurück. Sie fragte: "Ach, wie soll ich das formulieren?" Wir haben viel gelacht.

Niels, Fraukes neuer Bekannter: Ich kannte Frauke seit ein paar Wochen. Sie war total nett. An dem Abend hatte ich Spätschicht. In den Pub bin ich danach nicht mehr, obwohl sie gefragt hatte.
Freundin Isabella: Frauke sah müde aus. Gähnte oft. Gleich nach dem Spiel ist sie abgehauen: "Chris wartet, ich geh nach Hause, sonst muss er die halbe Nacht aufbleiben." Ich habe sie noch zur Tür gebracht. "Bis morgen, Frauke!" Keine Ahnung, welchen Weg sie nahm.
Mitbewohner Chris: Ich lag in meinem Zimmer, schaute Fernsehen. Sie kam nicht. Aber nichts für ungut, dachte ich, sie war im Pub, hatte ihren Spaß. Ich gehe ohnehin nicht so früh ins Bett. Nach Mitternacht kam eine SMS von ihr.


Mittwoch, 21. Juni 2006, 0.49 Uhr: "Komme später. Das Spiel war lustig nicht gegen England Hdgdl bis später"

Mitbewohner Chris: Wir hatten vorher noch gescherzt: Hauptsache, kein Achtelfinale gegen England. Und auch das Hdgdl, dieses Hab-dich-ganz-doll-lieb, der Smiley, alles normal. Als ich dann fast eingepennt bin, rief ich sie an. Handy aus. Klar, Akku leer, dachte ich. Habe also die Zimmertür offen gelassen, damit ich das Klingeln höre. Dann bin ich eingeschlafen.
Freundin Isabella: Am nächsten Morgen saß ich pünktlich um acht Uhr in der Krankenpflegeschule. Frauke hatte den Platz genau gegenüber, aber der war leer. Ich bin zur Lehrerin. Hat sich Frauke krankgemeldet? Nach der ersten Stunde habe ich Chris in der WG angerufen: Hat Frauke verpennt?
Mitbewohner Chris: Isabella hat mich mit dem Anruf geweckt. Ich bin in Fraukes Zimmer. Das Bett war gemacht, sie war nicht nach Hause gekommen. Aber das ist nicht Frauke, die bleibt nachts nicht weg. Ich habe sofort die Krankenhäuser abtelefoniert.
Mutter Liebs: Ich wollte bei der Polizei bei mir im Ort Vermisstenanzeige stellen. Der Beamte sagte, Frauke sei eine erwachsene Person, die ihren Aufenthaltsort selbst wählen könne. Mag sein, aber sie ist tausendprozentig zuverlässig. Er hat wenigstens die Kollegen in Paderborn informiert. Die schauten, ob es einen Unfall gegeben hat. Nichts.

Frauke Liebs

Frauke Liebs telefonierte noch mehrmals nach ihrem Verschwinden mit ihrer Schwester und einem Freund, bis die Anrufe ganz aufhörten

Frauke

Mutter Liebs: Frauke war erst ein dreiviertel Jahr in Paderborn. Hatte vorher Abitur in Bielefeld an einem Berufskolleg gemacht, verbunden mit einer Ausbildung zur Erzieherin. Sie wollte in einer Behinderteneinrichtung arbeiten, hat dort auch ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin gemacht. Da sie dann keine Stelle fand, ist sie nach Paderborn, um eine Krankenpflegeausbildung zu machen. Ich hatte eine WG mit Chris skeptisch gesehen. "Ob das gut geht, Frauke? Ihr wart vier Jahre zusammen. Jetzt, wo es ein Jahr vorbei ist, wollt ihr zusammenziehen?" Aber sie mochte nicht ins Schwesternwohnheim. Frauke ist 21 Jahre alt geworden, sie steckte in einer Lebensphase, in der man neugierig ist, auf alles, auch auf andere. Sie war ein selbstbewusster, offener Mensch. So sahen sie auch ihre Freunde.

Aus dem Abiturbuch:

Patient Frauke Liebs Diagnose Redefreude und Lästeritis

Krankheitsbild Wirbelwindiges Verhalten

Libido wenn sie am WE genug Party hat, wenn sie Auto fahren darf, sie Shopping macht, und wenn sie Brote teilen darf

Identifiziert sich mit ihrem Handy

Mitbewohner Chris: Frauke war mit meinem jüngeren Bruder in der Kindergartengruppe. Jahre später schleppte sie jemand auf die Party eines Bekannten mit. Und plötzlich war sie bei mir im Arm. Ich war 18, sie 16. Aber in Paderborn war das lange vorbei. Frauke hatte eine andere Beziehung in der Zwischenzeit, die war gerade vorbei. Wir kamen gut miteinander aus. Haben einmal in der Woche gemeinsam die Lebensmittel eingekauft und ab und zu gekocht. Sonst lebte jeder seinen Alltag. Frauke war ein sehr hilfsbereiter Mensch, das war fast ein Helfersyndrom, vielleicht ist ihr das zum Verhängnis geworden.
Mutter Liebs: Sie kam gut mit allen aus, selbst mit schrägen Vögeln. Wenn ich wissen wollte, was ihre Bekannten beruflich machen, sagte sie: "Du fragst immer! Das interessiert doch gar nicht." Und ich dachte, nicht zu viel bohren, sonst verlierst du den Draht.
Karen Liebs, Fraukes Schwester: Meine Schwester feierte gern. Aber sie war nicht der Typ, der sich einfach so von Männern anquatschen lässt. Bei ihr ist nie ein One-Night-Stand gelaufen. Nie. Sie war null so.

Ingrid Liebs

Ingrid Liebs, Fraukes Mutter. 62 Jahre alt. Lebt im ostwestfälischen Lübbecke und ist Direktorin eines Gymnasiums in Bad Driburg nahe Paderborn. Ihre Kinder: Frank, Frauke und Karen

Die Anrufe

Mutter Liebs: Ich fand die erste SMS auch authentisch. Wir wussten, dass ihr Akku leer war. Nachdem sie den Pub verlassen hatte, muss es also jemanden gegeben haben, der ein Ladegerät oder einen passenden Akku für sie hatte. Vielleicht war jemand bei ihr, den sie kannte. Die Paderborner Innenstadt war an dem Abend voll. Irgendwer musste sie doch gesehen haben. Wir haben am Donnerstagabend überall in der Stadt Flugblätter verteilt, die komplette Krankenpflegeschule war dabei, bestimmt 40 Leute.

Ralf Östermann, der Ermittler: Der Pub Auld Triangle liegt am Innenstadtring. Weit war der Heimweg zur Borchener Straße nicht, eine Viertelstunde vielleicht. Die Frauke hatte etwa drei Euro im Portemonnaie. Sie war also gezwungen, zu Fuß zu gehen. Als Schülerin hätte sie aber sowieso kein Geld für ein Taxi ausgegeben. Es gab drei mögliche Wege. Wir wissen nicht, welchen sie genommen hat. Nur, dass sie schon bald außerhalb der Stadt war. Die erste SMS kam aus der Funkzelle Nieheim-Entrup, 40 Kilometer von Paderborn. In den Mast dort hatte sich das Handy eingewählt. Da zwischen Verlassen des Pubs und der SMS nur knapp zwei Stunden lagen, unterstellen wir, dass die Frauke irgendwo in ein Fahrzeug gestiegen ist. Anders ist das nicht machbar. Zwei Indizien sprechen dafür, dass es freiwillig war: Die SMS klang völlig normal. Und: Wäre sie unter Zwang ins Auto gezerrt worden, hätte das eher jemand wahrgenommen. Obwohl es natürlich eine Restunwahrscheinlichkeit gibt.
Mitbewohner Chris: Am Donnerstag nach ihrem Verschwinden war ich bei meinem Vater. Ich saß gerade unten auf der Treppe vorm Hauseingang, als das Handy klingelte. Auf dem Display: Frauke. Ich zitterte. Bin sofort ran gegangen.

Donnerstag, 22. Juni 2006, 22.25 Uhr, Gedächtnisprotokoll von Mitbewohner Chris: "Hallo Christos, ich wollte sagen, dass es mir gut geht und dass ich bald nach Hause komme. Sage Mama und Papa und den anderen Bescheid.

Mitbewohner Chris: Christos? Das sagte sie nur zu mir, wenn sie sauer war. Wenn ich genau zuhören sollte. Das war wie ein Text, den sie langsam und monoton vorgetragen hat. Total benommen, wie auf Drogen, gar nicht sie selbst. Ich glaube, sie war in einem Raum, aber sicher bin ich mir nicht. Sie legte direkt wieder auf. Ich konnte keine Frage stellen. Ich war so erleichtert, dass sie sich gemeldet hatte. Ein Lebenszeichen.

Schwester Karen: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich noch meldet. Ich hatte das Schlimmste befürchtet, auch wenn ich mich nicht getraut habe, das vor den anderen auszusprechen.
Mutter Liebs: Dass sie Chris anrief, war logisch. Sie vertraute ihm. Und sie wusste, dass ich damals nicht immer mein Handy in der Tasche hatte. Ihr Vater nutzte das Handy damals gar nicht. Nach dem Anruf haben wir in der WG gewartet. Gewartet und gewartet. Auf dem Handy konnten wir sie nicht erreichen.
Freundin Isabella: Ich saß an dem Abend mit ein paar Freunden im Auto, gleich in der Straße gegenüber. Wir beobachteten den Eingang zu Fraukes Wohnung, um da zu sein, wenn sie kommt. Doch sie kam nicht.
Der Ermittler: Es war seltsam. Die Kollegen leiteten ein Verfahren wegen des Verdachts einer Geiselnahme ein. So konnte man Fraukes Telefonverbindungen überwachen. Ist aber leider nicht so wie im Fernsehen, wir können nicht mithören. Wir kriegen nur Orte und Verbindungsdaten. Parallel wurde beim Public Viewing auf den Leinwänden ihr Foto gezeigt. Die Kollegen haben Kontaktpersonen abgeklappert, gefragt, ob sie irgendwo Unterschlupf gefunden hat.

Pub in Paderborn

"The Auld Triangle" liegt in einer belebten Gegend der Paderborner Innenstadt. Am 20. Juni 2006 gegen 23 Uhr verließ Frauke Liebs den Pub.


Niels, Fraukes neuer Bekannter: Die waren auch bei mir. Fragten mich nach den SMS, die sie mir aus dem Pub schrieb. Aber ich konnte ihnen nicht helfen. Ich wusste nicht, wo sie war. Wir hatten uns für den Abend auch nicht mehr verabredet.


Freitag, 23. Juni 2006, 23.04 Uhr, SMS an Mitbewohner Chris: "Ich komme heute zurück nach Hause. Bin in Paderborn Hdgdl"


Mitbewohner Chris: Ich habe sofort ihre Mutter Ingrid informiert. Frauke kommt heute. Was für eine Erleichterung.
Der Ermittler: In dem Moment, als Chris diese SMS bekam, ging bei Fraukes Bruder eine automatische Nachricht ein, dass Fraukes Handy wieder erreichbar sei. Er rief sie gleich an.

Freitag, 23. Juni 2006, 23.06 Uhr, Gedächtnisprotokoll von Bruder Frank: "Frauke, was machst du, wann kommst du nach Hause?"
"Ich komme heute nach Hause, auch nicht zu spät. Ich bin in Paderborn, frag nicht, ich komme nach Hause."
"Wo bist du denn?"
"Kann ich nicht sagen."


Mutter Liebs: Was heißt nun "Kann ich nicht sagen"? Heißt das, sie weiß es nicht, oder sie darf es nicht sagen? Frank fand, dass ihre Stimme bei dem Anruf klar geklungen habe. Ihr Vater und ich warteten in der Wohnung. Die ganze Nacht, aber es passierte nichts. Ich war fertig.
Freundin Isabella: Die Polizei sagte uns, dass Frauke vielleicht Lust auf eine Auszeit hatte. So ein Quatsch, so war sie nicht. Wir haben uns total über die Polizei geärgert. Die hätten intensiver ermitteln müssen.

Der Ermittler: Sie meldete sich regelmäßig. Da sagten die Kollegen zu Recht: Verdammt noch mal, kann ja jeder selbst entscheiden, was er wo macht. Es gab auch keine Lösegeldforderung. Über die Medien wurde dann noch der Appell an die Frauke verbreitet, sich bei ihrer Familie zu melden. Und das zeigte ja auch Wirkung.

Samstag, 24. Juni 2006, 14.23 Uhr, Anruf bei Mitbewohner Chris, Gedächtnisprotokoll: "Ich komme nicht so spät zurück. Komme heute Abend nach Hause."
"Bist du verletzt?"
"Nein. Ich bin in Paderborn. Ich bin in Paderborn. Ich bin in Paderborn."


Mitbewohner Chris: Warum betonte sie Paderborn so sehr? Und wieso kündigt sie an, sie komme, und kommt nicht? Wir haben gerätselt, ob etwas mir ihr nicht stimmen könnte. Ob sie Mist gebaut hatte und deswegen nicht zurückwollte.
Der Ermittler: Wenn es bei der Polizei vielleicht noch den Verdacht gab, die Frauke werde festgehalten, dann wurde er durch diesen Anruf tagsüber weiter abgeschwächt.
Mutter Liebs: Die Polizei sagte mir: "Was wollen Sie denn? Sie hat doch angerufen, sie lebt, und damit ist das für uns keine Aufgabe mehr." Ich war außer mir. Mich hat das Ganze erst recht alarmiert. Das ständige Ankündigen, dass sie nach Hause komme, ihre verschwommene Stimme, das Handy ausgestellt. Die Polizei wusste nicht einmal, woher die Anrufe stammten. Nur die Herkunft der ersten SMS war ermittelt worden. Es dauerte Tage, bis der Netzbetreiber weitere Informationen lieferte. Später musste ich erfahren, dass die Polizei die Daten nur für die ersten Anrufe bis Freitagnacht beantragt hatte. Auf die anderen warteten wir Wochen, weil der richterliche Beschluss fehlte.

Sonntag, 25. Juni 2006, 22.28 Uhr, Anruf bei Mitbewohner Chris, Gedächtnisprotokoll: "Komme heute nach Hause."
"Bist du in Gefahr?"
"Nein."
"Warum bist du gestern nicht nach Hause gekommen?"
"Kann ich dir erklären."
"Wo bist du?"
"Erkläre ich dir, wenn ich zu Hause bin."

Chris Karaoulis

Chris Karaoulis, Fraukes Mitbewohner. 33 Jahre alt. Angehender Lehrer. Lebt in Lübbecke. War vier Jahre mit Frauke zusammen, danach blieben sie Freunde. Wohnte gemeinsam mit ihr in einer Zweier-WG

Mitbewohner Chris: Sie gab Antworten, aber es waren Rätsel. Deswegen habe ich mir mit den anderen eine Strategie für das nächste Gespräch zurechtgelegt: erst einmal herausfinden, in welcher Situation sie sich befindet. Keinen Druck ausüben. Nicht sagen: Was machst du für Sachen? Nicht bohren. Sondern langsam einkreisen. Wie geht es? Wo bist du? Und ich wollte mitfühlend und deprimiert klingen, damit sie endlich sagt, wo sie ist. Doch am Montag kam kein Anruf. Dabei hatte sie jeden Abend angerufen.
Mutter Liebs: Am Dienstagabend waren Karen, Fraukes Vater und ich wieder bei Chris. Wieder warten. Vorher hatten wir noch vergeblich probiert, ein Diktiergerät zu kaufen. Sie meldete sich nicht, also sind Fraukes Vater und ich gegen 23 Uhr gefahren.

Mitbewohner Chris: Ich hockte noch bis nachts am Schreibtisch und versuchte, für die Uni zu lernen, es war Prüfungszeit. Karen war bei Frauke im Zimmer am Computer, sie übernachtete in der Zeit häufig in der WG. Plötzlich klingelte das Handy. Ich schrie: "Frauke ruft an!" Und stellte den Lautsprecher an.

Dienstag, 27. Juni 2006, 23.24 Uhr, Gedächtnisprotokoll von Mitbewohner Chris und Schwester Karen. Erster Teil, Gespräch zwischen Chris und Frauke: "Hallo Chrissy. Mir geht es gut."
"Wo bist du?"
"Kann ich nicht sagen."
"Komm doch nach Hause."
"Nein, das geht nicht."
"Warum denn nicht?"
"Kann ich dir nicht sagen."
"Wirst du festgehalten?"
"Ja ... Nein! Nein!"
"Hast du Angst?"
"Nein."
"Wer ist bei dir?"
"Kann ich dir nicht sagen."
"Bist du müde?"
"Ja, sehr müde."
"Weißt du, dass die Polizei nach dir sucht?"
"Ja, ich weiß."
"Woher weißt du das?"
"Ich bin ja fast eine Woche weg."
"Warum bist du denn weg?"
"Das weißt du doch, Chris."
"Nein. Hast du einen anderen Typen kennengelernt?"
"Du weißt doch, dass ich nicht wegen ’nem Typen eine Woche weg bleibe. Du kennst mich doch."
"Karen ist bei mir. Wir machen uns alle Sorgen."
"Sind Mama und Papa auch da?"
"Die waren hier."
"Sag ihnen, dass ich sie ganz doll liebe."
"Wann kommst du zurück?"
"Ich weiß nicht."
"Warum bist du nicht gekommen, obwohl du gesagt hast, dass du heute zurückkommst?"
"Erklär ich dir später."
"Soll ich dich abholen?"
"Nein, das geht nicht."
"Können wir uns irgendwo treffen?"
"Das geht nicht."
"Wo bist du?"
"Mama."
"Wo bist du?"
"Mama."
"Wo bist du?"
"Mama."
"Wann meldest du dich?"
"Weiß ich noch nicht."
"Melde dich doch wenigstens einmal am Tag."
"Hab ich die anderen Tage doch auch gemacht."
"Ich war sehr traurig, dass du dich gestern nicht gemeldet hast."
"Ja, ich weiß, dass du sehr traurig warst ... Gib mir Karen, bitte."
Zweiter Teil, Gespräch zwischen Frauke und Karen: "Bitte frag mich nicht aus!"
"Hast du Angst, nach Hause zu kommen?"
"Nein."
"Wir räumen auch die Wohnung, und keiner fragt dich, was passiert ist. Komm doch wieder."
"Das geht nicht, ich lebe noch!"
"Bist du mit einer oder mehreren Personen zusammen?"
"Bitte frag mich nicht. Ich würde gerne bei euch sein. Ich würde gerne nach Hause."
(Chris nimmt das Handy) Chris: "Melde dich wenigstens einmal am Tag."
Frauke: "Ja, mache ich. Ciao. Bis bald."


Schwester Karen: Mir schossen die Tränen hoch. Sie klang wie in Trance. Das war nicht nur Erschöpfung. Die Sprache total verwaschen. Mir sind mal K.-o.-Tropfen ins Glas gekippt worden, danach klang ich so wie sie. Ich glaube, sie hat auch geweint.
Mutter Liebs: Sie ist in diesem Gespräch viel weiter gegangen, hat die Frage, ob sie festgehalten werde, zunächst bejaht, aber trotzdem hatten wir keinen konkreten Ansatzpunkt. Keinen Ort, keinen Menschen. Aber spätestens danach war uns klar, dass es eine Entführung war.

Unterführung Paderborn

Vom Pub aus konnte Frauke Liebs in drei Richtungen gehen. Welche wählte sie? Wen traf sie?


Mitbewohner Chris: Ganz ehrlich: Ich habe diesen Anruf als einen Fortschritt erachtet. Weil sich ein richtiges Gespräch entwickelte, so lang, knapp fünf Minuten. Aber Karen dachte, eben weil es so lang war, dass es ein Abschied sein könnte.

Stille

Mutter Liebs: Es kam kein Lebenszeichen mehr. In mir stieg die Angst weiter auf. Und jeder war mit dieser Angst allein. Wir haben das zweite Mal Flugblätter verteilt. Die Leute feierten die WM, und wir suchten meine Tochter. Ich dachte über ihre Antworten nach. Warum hatte sie auf die Frage, wo sie sei, geantwortet: "Mama. Mama." Erst ging ich davon aus, dass sie weggetreten war. Aber vielleicht war das ein versteckter Hinweis. Ich bin Direktorin an einem Gymnasium in Bad Driburg, östlich von Paderborn. Dort lebe ich unter der Woche in einer Zweitwohnung. Wollte sie in diese Richtung lenken?

Mitbewohner Chris: Aber war sie noch klar genug, so eine versteckte Botschaft zu senden? Ich zweifle daran.
Der Ermittler: Ich sehe darin heute einen Hilferuf, da sie ahnte oder wusste, was auf sie zukommt.
Mutter Liebs: Ich bin wieder zur Polizei in Paderborn. Der Beamte sagte nur: Was ich mir einbilden würde, ob ich glaube, dass da ein abnormer Sexualtäter sein Unwesen treibe? Der brüllte fast. Frauke sei von zu Hause weggelaufen.
Der Ermittler: Ob die Kollegen zu dem Zeitpunkt schon zwingend von einem Kapitaldelikt ausgehen mussten, will ich heute offenlassen. Sie haben es versucht, haben Leute abgeklappert. Das zog sich über Wochen. Und dann ebbte es immer weiter ab. Es gab keine Anrufe mehr, keine SMS, alle Befragungen liefen ins Leere, sodass man irgendwann keine Ansätze mehr hatte. Man war am Ende der Fahnenstange. Schluss.
Mutter Liebs: Die Funkdaten waren das Wichtigste. Wir wussten, dass die erste SMS aus Nieheim weit außerhalb von Paderborn abgeschickt wurde, eine ländliche Gegend, lauter verstreute Ortschaften. Die Anrufe danach kamen aber alle aus unterschiedlichen Ecken Paderborns. Aus Sennelager im Norden, dort leben viele englische Soldaten. Dann gleich mehrere Anrufe aus dem Gewerbegebiet Auf dem Dören im Osten der Stadt. Und ein Anruf aus der Nähe des Industriegebiets Mönkeloh, am südlichen Ende der Borchener Straße. Der Entführer musste mit Frauke durch die Gegend gefahren sein.
Der Ermittler: Die Identifizierung der Funkzellen reicht leider nicht, um dort alle Häuser durchsuchen zu lassen.
Mutter Liebs: Weil wir die Polizei nicht angeschoben bekamen, haben wir einen Privatdetektiv engagiert. Der Mann zog mit Fraukes Freunden durch die Discos. Im Nachhinein muss man leider sagen, dass er nicht geeignet, aber teuer war. Ich habe mich später selbst auf die Suche gemacht. Habe mit Sektenbeauftragten gesprochen, mit Drogenberatungsstellen.
Schwester Karen: Mein Bruder und ich haben uns ihren Computer angeschaut. Sie chattete gerne. 2006 war das alles neu, man freute sich damals noch über eine Flatrate.
Der Ermittler: Sie chattete mit Gott und der Welt. Wir reisten Monate später sogar nach Nürnberg, weil sie dort Chatpartner hatte. Aber alles junge Leute, so wie Frauke, die Spaß am Austausch hatten. Niemand, der sie belästigte.
Mitbewohner Chris: Was ich mich am meisten fragte: Warum hat der Täter Frauke eine Woche lang anrufen lassen? Wollte er die Polizei beruhigen? Damit er das mit ihr machen konnte, was er wollte? War es ein Spiel für ihn? Vielleicht hat er sie vertröstet. Du darfst nach Hause, wenn du dich an die Regeln hältst. Vielleicht lebte sie noch.
Mutter Liebs: Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich habe so oft ihre Worte gewendet und gedreht. Immer wieder. Aber egal, wie sehr ich es in diesen Wochen versuchte, ich habe sie einfach nicht eindeutig dekodieren können.

Totengrund 

Der Ermittler: Ich hatte am 4. Oktober in der Mordkommission Bereitschaft. Der Anruf kam so um 19, 20 Uhr. Ein Jäger habe einen Leichnam gefunden. Verdacht auf Tötungsdelikt, ein Fall für uns. Es könnte die Frauke Liebs sein, hieß es, die Kleidung passte. Die Leiche lag an der Landstraße 817, nur etwa zehn Meter von der Straße entfernt, in einer Mulde unter einem Baum. Weit und breit kein Haus, keine Fußgänger.

Mutter Liebs: Spät abends gegen 23 Uhr rief die Leiterin der Kreispolizeibehörde an: Wir haben eine Leiche, wahrscheinlich Ihre Tochter. Wahrscheinlich? Es war eine Qual. Ich konnte erst am nächsten Morgen wieder einen Gedanken fassen. Ich rief die Frau zurück und fragte: Glauben Sie wirklich, dass Frauke diese 15 bis 20 Kilometer freiwillig in den Wald gelaufen ist, um sich dort hinzulegen und zu sterben? Das kann doch nicht sein! Sie gab mir Recht und meinte, dass man jetzt wohl von einem Tötungsdelikt ausgehen müsse.
Der Ermittler: Mir war gleich klar, dass es kompliziert wird. Die Leiche war skelettiert. Der warme Sommer, die Feuchtigkeit, dazu die Tiere. Es war keine Gewalteinwirkung auf die Bekleidung sichtbar. Keine Risse. Die Sprengstoffhunde haben keine Hinweise auf Schüsse gefunden. Es schien mir kein Tatort zu sein, sondern nur ein Ablageort. Die Witterung hatte alle Fuß- und Reifenspuren verwischt.
Mutter Liebs: Kommissar Östermann stand zwei Tage später vor unserer Tür. Da wussten sie sicher, dass es Frauke war. Er erzählte mir von dem Fundort. Meine Schule ist in der Nähe, aber dort war ich nie. Der Mörder muss sich ausgekannt haben. Die Bäume sind hoch, die Straße ist eng. Merkwürdig, dass dieser Ort Totengrund heißt. War das Absicht?
Der Ermittler: Ich glaube, dass er bewusst dorthin fuhr, um zu verhindern, dass man den Körper zeitnah findet. Es wurde schwierig für die Rechtsmedizin. Die Frauke war höchstens ein paar Tage nach dem letzten Anruf gestorben. Ursache ungeklärt. Keine mechanische Gewalt gegen die Knochen. Keine Hinweise auf Stich- oder Schussverletzungen. Das Zungenbein war nicht gebrochen, das passiert häufig beim Erdrosseln. Vorstellbar ist, dass sie erstickt wurde. Wir hatten kein Anzeichen für einen Missbrauch, aber wir konnten ihn auch nicht ausschließen. Socken fehlten, aber es ist nicht sicher, ob sie welche getragen hat, am Tag ihres Verschwindens war es sehr heiß. Definitiv fehlten Handy, Uhr und Handtasche. In Knochen und Haaren keine Spuren von Drogen. K.-o.-Tropfen wären aber schnell abgebaut gewesen.

Schwester Karen: Wenigstens Gewissheit. Die Ungewissheit ist das Schlimmste. Wir hätten unser Leben lang nach ihr gesucht.

Mitbewohner Chris: Wurde sie einfach nur da hingeschmissen, oder wurde sie sorgsam abgelegt? Lag der Person etwas an ihr?
Der Ermittler: Der Täter hat sich nicht viel Zeit genommen. Sie war nur abgedeckt mit ein bisschen Reisig und Laub. Unter sorgsam verstehe ich etwas anderes.

Die Ermittlungen

Der Ermittler: Der erste Verdächtige ist immer die letzte Kontaktperson.

Mitbewohner Chris: Ist doch klar, dass sie mich verdächtigten. Wenn man meinen Namen googelt, liest man noch heute: Chris, der Mitbewohner, war es. Logo, der Ex-Freund, der alle Anrufe entgegennimmt. Ich hätte auch dasitzen und mit dem einen Handy das andere anrufen können. Ich habe Glück gehabt, dass Karen bei dem letzten Anruf dabei war.
Der Ermittler: Chris hatte zweifelsfreie Alibis. Auch die letzten Begleiter aus dem Pub ließen sich schnell ausschließen. Die Frauke hatte aber noch während des Spiels mit einer Person gesimst, das war ein neuer Bekannter.

Fundort der Leiche von Frauke Liebs

Monate später fand ein Jäger Frauke Liebs’ Leichnam in einem Wald nahe der Ortschaft Asseln


Mutter Liebs: Während des Abendessens sprach sie viel über ihn. Ein junger Mann, der schwer getroffen war, weil sein bester Freund sich vor ein paar Wochen das Leben genommen hatte. Frauke beschäftigte das. Wie kann man sich nur umbringen? Einfach so. Für sie war das ein schrecklicher Gedanke, nicht verständlich. Später habe ich erfahren, dass der tote Freund auf dem Friedhof Auf dem Dören begraben liegt. Die Ecke, aus der die meisten Anrufe kamen.
Niels, der Bekannte: Auf mich traf praktisch alles zu: kennt sie nicht lange. Hat gerade einen traumatischen Vorfall hinter sich. Ist vielleicht ein bisschen durchgeknallt. Hat ihr Nachrichten geschrieben. War zwei Tage vorher mit ihr picknicken. Lebt in Hövelhof, das ist bei der Funkzelle Sennelager. Geht nachts auf den Dörener Friedhof. Ich hätte mich auch verdächtigt.
Freundin Isabella: Ich kenne Niels seit der Kindheit. "Sie verschwenden Ihre Zeit", habe ich der Polizei gesagt. Niels war einfach nur ein neuer Bekannter. Frauke schrieb mir mal in einem Brief, dass er ein Kumpel für sie sei, mehr nicht.
Niels, der Bekannte: Frauke wollte mich damals aufpäppeln. Normalerweise lasse ich niemanden an mich ran, aber sie konnte das. Ich habe bis heute nicht verstanden, wie sie das geschafft hat. Wir waren zweimal in der Disco. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, was das zwischen uns ist. Ich hatte bis dahin keine Freundin. Ich gebe zu, sie hat mir gefallen. Sie war ein tolles Mädchen.
Der Ermittler: Wir haben sehr intensiv die Alibis von Niels überprüft.
Niels, der Bekannte: Meine Spätschicht ging bis 22.15 Uhr. Danach bin ich mit meinem Arbeitskollegen Billard spielen gefahren. Und währenddessen simste ich mit Frauke. Sie schrieb, sie würde mit Isabella für mich kochen. Ich habe geantwortet: Gerne, aber dann müsst ihr auch was Vernünftiges anhaben. Diese Bemerkung wurde mir später zum Verhängnis. Ich wurde häufig vernommen. Die haben spekuliert, ich hätte einen Knacks. Mein Kumpel hatte bis zu seinem Selbstmord keine Freundin. Ob er sich deswegen umgebracht habe? Ob ich nun einen Hass auf die Frauenwelt hätte? Ob ich mich rächen wollte? Ob wir beide schwul gewesen seien?
Der Ermittler: Niels hat mit dem Tod von der Frauke nichts zu tun, das wissen wir heute. Wenn jemand zu den Anrufzeiten auf der Arbeitsstelle war oder das Zeitfenster zwischen Feierabend und Anruf so klein war, dann geht das einfach nicht. Wir haben trotzdem in seinem Auto nach Faserspuren gesucht und Leichenspürhunde eingesetzt, aber da war nichts. Mit Niels waren wir eindeutig bei dem Falschen.
Mutter Liebs: Die englischen Soldaten? Die besuchen häufig den Pub, gerade bei einem England-Spiel. Und sie leben in Sennelager, wo ein Anruf herkam.
Der Ermittler: Wir haben die SIB, die Special Investigation Branch, eingebunden. Das ist die englische Kriminalpolizei für Militärangehörige. Die haben uns unterstützt, haben Soldaten überprüft und befragt. Ohne Ergebnis.
Mutter Liebs: Ende Oktober wurde Frauke beerdigt. Es war eine öffentliche Trauerfeier, es gab so viele Leute, die uns beistanden, die hatten auch ein Recht, Abschied zu nehmen. Die Polizei sagte uns, sie würde bei der Beerdigung gerne filmen, um zu sehen, ob da vielleicht jemand ist, den wir nicht kennen.
Freundin Isabella: Ich weiß noch, wie ich von der Kirchenbank aufschaute und auf einem Podest einige Kripoleute wiedererkannte. Plötzlich haben die auf jemanden in der Menge gezeigt. Ich konnte nicht sehen, auf wen, alle Bänke waren so voll. Aber ich bekam Angst: Was, wenn er unter uns ist? Das war krass.
Mutter Liebs: Wir werteten die Videos aus. Ich habe mich geärgert. Die Polizei hatte vergessen, den zweiten Eingang zu filmen. Auf den Aufnahmen fehlten Leute, die ich gesehen hatte. Ich weiß, dass alle ehemaligen Freunde von Frauke zur Beerdigung gekommen waren.
Der Ermittler: Kurz nach der Beerdigung, als wir merkten, dass unsere Ermittlungen ins Leere liefen, haben wir die Operative Fallanalyse des Landeskriminalamtes hinzugezogen. Die Kollegen waren sich sicher, dass noch in der ersten Nacht, kurz nach der SMS, etwas passiert war, das die Stimmung umschlagen ließ. Und sie legten sich fest, dass Nieheim der Festhalteort war. Warum? Weil die erste SMS in Nieheim geortet wurde und man den Ort auch in den Vermisstenmeldungen genannt hatte. Darauf musste der Täter reagieren. Deshalb die Fahrten in andere Funkzellen. Und deshalb hatte Frauke womöglich immer Paderborn genannt.
Mutter Liebs: Warum Nieheim? Warum legten sich die Profiler fest? Sie hatte keinen Bezug dorthin. Und so wie sie Paderborn betonte, hieß das für mich, dass sie es irgendwie wieder nach Paderborn geschafft hatte.
Der Ermittler: Der Funkmast in Nieheim steht sehr hoch, die Zelle reicht deswegen 15 Kilometer weit. Es kam also ein großer Bereich infrage. Wir warfen Flugblätter in alle Briefkästen. Daraufhin bekamen wir etwa 80 Hinweise auf mögliche Festhalteorte. Häuser, die abseits stehen, Scheunen, Autos, Lkws, Wohnwagen, die ganze Palette. Wir haben wirklich alles abgearbeitet, aber ...
Mutter Liebs: Frauke konnte gut mit Menschen umgehen. Ich glaube, sie hatte die Hoffnung, dass sie ihn, wenn sie sich an die Anweisungen hält, noch gedreht kriegt. Und diese Hoffnung hat sie irgendwann aufgegeben. Dieses "Ja ... Nein! Nein!" im letzten Gespräch – vielleicht war das ihr Todesurteil.
Mitbewohner Chris: Aber warum hat er sie danach weiterreden lassen? Warum ist er nicht dazwischengegangen? Hatte er Mitleid? War es eine emotionale Bindung zu ihr?
Mutter Liebs: Ich weiß nicht, ob ich die Kraft hätte, aber ich würde ihn gerne fragen, warum es keine andere Lösung gab, als Frauke das Leben zu nehmen. Normalerweise gibt es immer eine andere Lösung.
Schwester Karen: Es gibt gläubige Leute, die sagen: Irgendwann steht jeder vor dem Herrgott und wird seine gerechte Strafe bekommen. Ich bin nicht gläubig. Ich wünschte, ich wäre es.
Hoffnung und Grauen Mutter Liebs: Nach der letzten Trauerfeier brach ich zusammen. Seitdem versuche ich die Gedanken, was Frauke in dieser Woche angetan worden sein könnte, nicht mehr zuzulassen.
Schwester Karen: Wir reden nicht viel darüber. Vor einigen Jahren haben sich meine Eltern getrennt. Wir sind bestimmt nicht die erste Familie, die an so etwas zerbricht.
Mitbewohner Chris: Ich will Ruhe finden können. Ich frage mich ständig: Ob sie wusste, dass sie das nicht überleben wird? Und wenn ja, was fühlte sie dann? Sich das vorzustellen ist das Schlimmste. Wenn der Täter Frauke kannte, dann muss er doch ein schlechtes Gewissen haben. Ich hoffe, er bricht irgendwann unter der Last zusammen.
Der Ermittler: Es gibt Fälle, die sind auf gut Deutsch einfach beschissen. Wir haben jetzt 900 Leute überprüft. Es gab etwa 40 Durchsuchungen. Vor ein paar Wochen die letzte. Wir bekamen den Hinweis, dass jemand Fraukes Handy hat. Aber leider - nein. Wieder mal zerplatzt wie eine Blase. Jeder, der etwas weiß, der soll sich bitte bei uns melden, gerne anonym.
Mutter Liebs: Vielleicht ist die Realität schlimmer als die Fantasie. Aber ich möchte wissen, was geschehen ist. Ob es mir helfen wird? Ich weiß es nicht.

Sollten Sie Hinweise haben - bitte an die Kriminalpolizei Bielefeld, Telefon 0521/54 50

stern-Reporter Dominik Stawski hatte im Oktober 2015 in stern Crime über den Mordfall berichtet. Seine Reportage wurde mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnet.