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Prozess gegen No Angels-Star Nadja Benaissa: Nach Kondomen hat keiner gefragt

Sie wusste von ihrer Infektion und hatte trotzdem ungeschützten Sex: Vor Gericht schilderte Nadja Benaissa, Sängerin der Popband No Angels, warum sie das HI-Virus nach einer verkorksten Jugend auch als Chance sah.

Von Sonja Jordans, Darmstadt

Plötzlich ist sie da: Klein und leise erscheint Nadja Benaissa im Gerichtssaal, fast unbemerkt huscht sie hinein. Gekleidet in Jeans, lilafarbener Bluse und schwarzen Ballerinas, die wilden dunklen Locken züchtig zum Zopf gebunden, nimmt sie neben ihrem Anwalt Platz. Sie spricht nicht, lächelt nicht, blickt nur einmal kurz in den Zuschauerraum. Dort drängeln sich an diesem Montagmorgen Journalisten und einige Schaulustige. Sie sind gekommen, um zu hören, ob die Sängerin der Popgruppe No Angels, die einen Mann mit dem HI-Virus angesteckt haben soll, etwas zu sagen hat. Doch ein spektakulärer Auftritt der an Kameras und Öffentlichkeit gewöhnten jungen Frau bleibt aus.

Vielleicht, weil sie nicht der Typ ist für große Selbstinszenierungen. Vielleicht, weil es ein schwerwiegender Vorwurf ist, dem sich die junge Frau stellen muss: Angeklagt ist sie wegen gefährlicher Körperverletzung sowie versuchter gefährlicher Körperverletzung. Die heute 28-Jährige soll zwischen 2000 und 2004 in fünf Fällen ungeschützten Geschlechtsverkehr mit verschiedenen Partnern gehabt haben, obwohl sie seit 1999 von ihrer Infektion mit dem HI-Virus gewusst hat. Ein Mann soll sich dabei mit dem Virus infiziert haben. Seit diesem Montag muss sich Nadja Benaissa deswegen in Darmstadt vor dem Amtsgericht verantworten. Der Mann, der sich bei ihr infiziert haben soll, tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf.

"Plötzlich ist es passiert"

Nadja Benaissa räumt in einer Erklärung ein, dass die Anklageschrift "wohl zutreffend" sei. Sie spricht von Fehlern, die sie im Umgang mit ihrer Erkrankung gemacht habe. Sie sagt, sie habe einen Lebenspartner gesucht. Doch in der Popwelt, in der sie sich bewegte, sei das nicht möglich gewesen. Also habe sie sich auf flüchtige Kontakte beschränkt. Sie sagt auch, sie habe auf ihre Ärzte gehört, die erklärt hätten, dass trotz ihrer Infektion eine Ansteckung anderer kaum möglich sei, denn die Krankheit sei nicht ausgebrochen. Und sie betont, es tue ihr "von Herzen leid", dass sich der Nebenkläger angesteckt hat. Sie habe nie jemanden anstecken wollen.

Vor Gericht sagt Nadja Benaissa außerdem oft den Satz: "Plötzlich ist es passiert, dann ging alles ganz schnell." Eine Aussage, die sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zu ziehen scheint. Das beginnt vor 28 Jahren in Frankfurt am Main. Im nahegelegenen Langen wächst das Mädchen auf, besucht die Schule. Doch plötzlich, es geht alles ganz schnell, gibt es Probleme, so Benaissa. Die Schülerin kommt in Berührung mit Drogen, "zunächst harmlosen Sachen wie Marihuana und Alkohol".

HIV-Diagnose als Chance gesehen

Doch in Nadja Benaissas Leben sollte es weiter abwärts gehen. Mit 14 wird sie cracksüchtig. "Ich ging nicht mehr zur Schule, habe auf der Straße gelebt." Mit 16 erfährt sie, dass sie schwanger ist. Und HIV-positiv. Dennoch: "Ich habe es als Chance gesehen, endlich mein Leben in den Griff zu bekommen", sagt die Sängerin mit warmer dunkler Stimme. Sie schafft aus eigener Kraft, von den Drogen loszukommen, bringt ihre Tochter zur Welt und besucht die Abendschule, um den Realschulabschluss nachzuholen. Lernt dort einen Mann kennen, schläft mit ihm. "Irgendwann ist es halt passiert." Der Mann steckt sich nicht an.

Dann geht wieder "alles ganz schnell" im Leben der Nadja Benaissa. Sie meldet sich zum Popstars-Casting an, wird schließlich Mitglied der No Angels. Zu diesem Zeitpunkt ist Nadja Benaissa 17 Jahre alt und weiß seit etwa einem Jahr, dass sie HIV-positiv ist. Doch die Infektion, hätten ihre Berater gesagt, solle sie geheim halten. "Das hätte sonst das Ende der Band bedeutet." Außerdem: "Ich konnte Dinge immer gut verdrängen, um einfach zu überleben."

Nie habe jemand nach Kondomen gefragt

Sie sei "völlig überfordert" gewesen mit dem Interesse an ihrer Person, sagt sie. "Plötzlich war das Leben ein ganz anderes, es war nichts mehr so, wie es war." Gedanken, die auch dem Mann durch den Kopf gegangen sind, den Nadja Benaissa mit dem HI-Virus infiziert haben soll. "Ich wusste nicht, was passiert, ich wusste nicht, ob ich morgen tot bin", sagt er mit brechender Stimme, als er davon berichtet, wie ihm sein Arzt die Diagnose "HIV-positiv" überbrachte - drei Jahre, nachdem er mit Benaissa Sex gehabt habe. Erfahren habe er von deren Erkrankung zufällig von der Tante der Sängerin, mit der er befreundet ist.

Du hast so viel Leid über die Welt getragen.

"Du hast so viel Leid über die Welt getragen." Leise, doch voller Wut speit der Nebenkläger diesen Satz in Richtung Benaissa heraus. Die blickt zu Boden. Die Sympathien jedoch, die sie sich zuvor wegen ihrer Offenheit erworben hat, schwinden in diesem Moment. Zu schwer wirkt die Verzweiflung des Nebenklägers, seine Wut und Trauer sind bis in den Zuschauerraum zu spüren.

Wie oft es zum Sex ohne Schutz gekommen sei, möchte Richter Dennis Wacker wissen. Zwei, drei Mal vielleicht, sagt der Nebenkläger. Wenn, wer habe denn auf Verhütung bestanden? Das weiß der Mann, Künstlerbetreuer von Beruf, nicht mehr.

Nadja Benaissa sagt, in der Branche sei man recht sorglos mit dem Thema Verhütung umgegangen. Nach Kondomen sei sie von ihren Intimpartnern nie gefragt worden. Außerdem habe sich bereits 2004, als sie den Nebenkläger kennenlernte, in der Branche herumgesprochen, dass sie HIV-positiv ist. Sie habe gedacht, dass auch der Nebenkläger davon erfahren habe. Aber gesagt habe sie es ihm nicht. "Ich konnte es einfach nicht in diesem Moment." Man habe getrunken, sei ausgelassen gewesen. "Ja, und dann ist es passiert." Irgendwann dann wohl auch ohne Kondom. Ganz schnell. Wie so oft im Leben der Nadja Benaissa. Der Prozess wird fortgesetzt.